Einen Parteitag wie in Marl hat die AfD lange nicht erlebt. Auch wenn die Lagerkämpfe innerhalb der Partei in den vergangenen Jahren immer geschwelt haben: Seit der Landtagswahl 2022 herrscht eine ungewöhnliche Konstanz an der Landesspitze.
Ihr steht Martin Vincentz vor. Der Krefelder ist das brav-biedere Gesicht der Partei. Die vergangenen Wochen waren für ihn aber problematisch - viele Gegner in der Partei haben sich formiert, ihn am Wochenende zu stürzen. Eine Mischung aus ideologischer Ablehnung seines bürgerlichen Kurses und persönlicher Abneigung hat eine regelrechte Schlammschlacht entstehen lassen.
Vincentz ruft zur Mäßigung auf
"Gerade als konservative Partei sind wir dazu aufgerufen, ein besseres Niveau einzuhalten, als wir in Teilen da gesehen haben", sagt Vincentz dazu. Ein solcher Satz ist für viele seiner Gegner schon Provokation.
Vor allem für das selbst erklärte patriotische Lager. Es setzt sich aus zahlreichen Personen zusammen. Allen voran aus der Generation Deutschland, der neuen Jugendorganisation der AfD. Hier haben sich die rechtsextremen Nachwuchskräfte zuletzt durchgesetzt. Prompt stufte sie der Verfassungsschutz in NRW als Verdachtsfall ein.
Geht es schlicht nur um einen Parteiausschluss?
Ihre Gallionsfigur ist Matthias Helferich. Der AfD-Bundestagsabgeordnete pflegt eine tiefe Abneigung gegen Vincentz. Nicht nur, weil ihm Vincentz zu angepasst scheint, sondern auch weil der Helferich aus der Partei werfen lassen hatte. Seit Monaten orchestriert Helferich deshalb den Widerstand gegen Vincentz. Vor allem, damit sein Ausschluss zurückgenommen wird.
Die ganze Debatte soll vor allem Christian Zaum nützen - auch ein Bundestagsabgeordneter. Der will Landesvorsitzender werden - in einer Doppelspitze mit Fabian Jacobi, ebenfalls für die AfD im Bundestag. Zaum ist Lehrer, gehört ganz klar dem rechten Flügel der Partei an und genießt die Unterstützung der Jugendorganisation und zahlreicher Kreisverbände.
Remigration, Wirtschaft und Druck auf Schulen
"Die Lagerkämpfe sind überaus schädlich für die Partei", sagt der ehemalige Lehrer aus dem Siegerland. "Wir werden uns über Remigration Gedanken machen müssen". Zaum bezeichnet die Migration als die "Mutter aller Probleme" in NRW. Auch wirtschaftlich müsse das Land besser gefördert werden.
"Das Geld darf eben nicht mehr für Klimaquatsch oder Migration ausgegeben werden", erklärt es Zaum dem WDR. Auch die Schulen nimmt er in den Blick. Diese müssten wieder "zu einem Ort der Neutralität" werden - eine klassische Forderung aus dem rechtsextremen Lager, um Druck auf Lehrkräfte auszuüben.
Das Problem mit dem Co-Kandidaten
Mit diesem Programm hat Zaum eine breite Basis unter den Delegierten geschaffen. Aber die Frage, ob es gegen Vincentz reicht, bleibt offen. Vor allem auch, weil sein Mitstreiter um den Landesvorsitz, Fabian Jacobi, unter Druck geraten ist. Dieser hatte plötzlich brisante Unterlagen hervor geholt.
Es waren die Zeugnisse des AfD-Landtagsabgeordneten Klaus Esser. Der war von 2020 bis 2022 Landesgeschäftsführer der Partei, für die Bewerbung auf diesen Job soll er Zeugnisse gefälscht haben. Über die Zeit wurde er ein enger Vertrauter von Landeschef Vincentz.
Nachdem die Vorwürfe gegen Esser bekannt wurden, wurde der aber nicht aus der Partei geworfen. Vincentz Gegner sprachen davon, Esser werde geschont, während gegen andere hart vorgegangen werde. Dagegen kam aus dem Parteivorstand stets der Hinweis, dass die Zeugnisse verschwunden seien - weshalb man Esser nicht rauswerfen könne.
Strafanzeige wegen Unterschlagung
Dass die Unterlagen jetzt plötzlich bei Fabian Jacobi auftauchen, hat viele verwundert. Zum einen, weil er sie aus Datenschutzgründen wohl nicht haben darf. Zum anderen, weil er damit dem Vorstand wichtige Dokumente vorenthalten hat, während er gleichzeitig Vorwürfe erhob, man würde nicht hart genug gegen Esser vorgehen.
Der betroffene Klaus Esser hat inzwischen Strafanzeige gegen Jacobi gestellt. Sie liegt dem WDR vor. Er wirft die "unbefugte Beschaffung, Wiederherstellung und Weitergabe personenbezogener Daten" vor. Jacobi habe "die Daten illegal beschafft". Laut Esser hätten die Zeugnisse längst ordnungsgemäß gelöscht sein müssen. Inzwischen werden schon erste Rückzugsforderungen von seiner Kandidatur als Co-Landeschef gegen Jacobi laut. Eventuell kommt es deshalb nur zum Duell Martin Vincentz gegen Christan Zaum.
Steuerprobleme, Drogentests und Schläge vor die Stirn
Auch ein anderer Fall könnte für die Vincentz-Kritiker problematisch werden. Die Landtagsfraktion muss nach WDR-Informationen über 33.000 Euro Steuern nachzahlen. Hintergrund ist eine Lohnsteuerprüfung. Bei der wurden nicht ordnungsgemäße Fahrten verzeichnet. Hierbei handele es sich - schreibt eine Kölner Anwaltskanzlei - um eine "kleine Zahl" an Fahrten, die "dann eine sehr viel höhere Pauschalsteuer auslösen".
Für weitere Angaben müsse man noch genauer prüfen, schreibt die Kanzlei. Die Fahrten scheinen auf den Landtagsabgeordneten Sven Tritschler zurückzugehen. Dem WDR liegt eine interne Mail der Fraktionsgeschäftsführung vor, die das belegt. Darin heißt es: "Im genannten Prüfzeitraum ging es lediglich um Privatfahrten des Abgeordneten Tritschler".
Tritschler weist Vorwürfe zurück
Dieser wiederum weist die Vorwürfe gegen sich entschieden zurück. Dem WDR schreibt er, das Gerücht werde bewusst gestreut. Niemand könne ihm genau sagen, welche Fahrten gemeint seien. "Die Fahrtenbücher, die für Aufklärung sorgen könnten, sind nicht auffindbar", so höre er aus der Fraktion.
Der ganze Vorgang dürfte für den Parteitag ebenfalls brisant sein. War es im vergangenen Sommer doch Tritschler, der dem damaligen Pressesprecher der Fraktion vorwarf, Mitarbeiter gegen ihn ausspielen zu wollen. In diesem Zuge räumte der Sprecher, damals enger Vertrauter von Landeschef Vincentz, seinen Posten.
Die Nerven in der AfD liegen blank
Kurze Zeit danach gab es Vorwürfe aus der Landtagsfraktion heraus, Tritschler würde mit Finanzen unsauber umgehen und im Landtag Drogen konsumieren.
Auf Telegram greift Tritschler die gegen ihn gerichteten, unbelegten Vorwürfe auf und legte einen negativen Drogentest wie Informationen zu seinen Finanzdaten vor. Auf dem Parteitag will Tritschler als stellvertretender Parteichef kandidieren.
Ebenfalls einer von drei Stellvertretern will Kay Gottschalk werden. Der Krefelder ist Bundes-Vize und hat kurz vor dem Parteitag für Wirbel gesorgt. So gab er an, in einem internen Disput innerhalb der Bundestagsfraktion habe ihn die AfD-Politikerin Beatrix von Storch geschlagen. Sie spricht dagegen davon, dass sie ihm lediglich auf die Stirn getippt habe.
Kommt Alice Weidel, um Frieden zu stiften?
Gottschalk steht inhaltlich Vincentz nahe - der Vorfall zeigt, dass innerhalb der Partei die Nerven blank liegen. Und das nicht nur in Nordrhein-Westfalen. Die sogenannte "Vetternwirtschaft-Affäre" hat die Partei verunsichert. Deshalb beunruhigt die Lage in NRW inzwischen auch die Bundespartei.
Bis vor ein paar Wochen hätte man die Schlammschlacht als übliche Folklore abgetan, die den Landesverband seit Gründung prägt und zuletzt abgeebbt war. Dass man das jetzt nicht mehr so sieht, zeigt der Versuch einer Vermittlung durch Parteichefin Alice Weidel. Für den Wochenanfang hatte sie Matthias Helferich und Martin Vincentz nach Berlin eingeladen, um über einen Burgfrieden zu reden.
Vincentz sagte ab - aus Termingründen. So muss Weidel bei ihren Grußworten in Marl überlegen, was sie sagt. Sie wird als eine der ersten zu den rund 500 Delegierten sprechen. Bis vor kurzem war erwartet worden, dass sie Öl ins Feuer gießen könnte. Jetzt, so hört man, sind eher Worte der Mäßigung zu erwarten - wenn sie denn überhaupt zum Showdown der NRW-AfD erscheint. Kurzfristige Termine können ja immer dazwischen kommen.
Unsere Quellen:
- Eigene Recherche
- Stellungnahmen AfD
Sendung: ARD Radio, Schlammschlacht vor dem AfD-Landesparteitag, 07.03.2026, 05:00 Uhr
