Martin Vincentz, Vorsitzender der AfD-Fraktion, bei einer Pressekonferenz im NRW-Landtag am 7. Oktober 2025

Meinung Von Popcorn, Schlammschlachten und falschen Skandalisierungen rund um die AfD

Stand:

Die AfD hat ein riesiges Problem mit Vetternwirtschaft. Allerdings sollte man trennen, was tatsächlich ein Skandal ist und was nicht. Sonst macht man es der AfD zu einfach, findet unser Kolumnist.

So eine politische Schlammschlacht in einer Partei? Wenn unterschiedliche Lager aufeinander losgehen, bedient das auch das boulevardeske Zentrum meines Journalisten-Herzens. Das sind die Momente, in denen meine innere Popcorn-Maschine heiß läuft.

In all den Jahren, in denen ich über die AfD berichte, habe ich schon eine Menge solcher Popcorn-Momenten beiwohnen dürfen. Und der nächste steht schon in den Startlöchern: In einer Woche wählt die AfD einen neuen Landesvorstand. Parteichef Martin Vincentz hat in den vergangenen vier Jahren an der Spitze den ein oder anderen Mitstreitenden verprellt. Seine Gefolgsleute sind teilweise mit deutlichem Fehlverhalten milde davongekommen, während andere hart abgestraft wurden. Und die Rechtsextremen in der Partei konnten den brav-biederen Krefelder eh nie leiden.

Björn Höcke bei seinem Auftritt in Düsseldorf-Garath

Björn Höcke bei seinem Auftritt in Düsseldorf-Garath

Gerade Letztere wittern ihre Chance, Vincentz zu stürzen. Und das tun sie mit viel Lautstärke: Holen ihre Gallionsfigur Björn Höcke zur NRW-Tour ins Land. Sie paktieren mit Alice Weidel, die in Vincentz mal einen Konkurrenten sah. Und sie werfen mit Dreck um sich. (Keine Sorge, die andere Seite ist auch nicht zimperlich)

Es gibt ganze Telegram-Kanäle, die im Stundentakt noch jede alte Geschichte ausgraben, um Stimmung zu machen. Und es wird die Affäre um die sogenannten "Überkreuz-Beschäftigungen" genutzt, um alles, was irgendwie unlauter erscheint, gebührend zu skandalisieren.

Der Vetternwirtschaft-"Skandal"

Genau diese Umstände MUSS man als Journalist im Hinterkopf behalten. Bei der AfD laufen natürlich eine Menge Dinge schief. Es geht nicht, dass gewisse Landesverbände mehr einem Verschiebebahnhof für die Angehörigen-Versorgung gleichen als einer politischen Partei. Es ist auch ein absolutes Tabu, Partner und Partnerin gleich selber zu beschäftigen. All das passiert gerade in der AfD. Die in großen Teilen betroffene Bundestagsfraktion wird intern als "dysfunktional" bezeichnet, die Zustände in Sachsen-Anhalt wurden damit quittiert, da könne "auch der Papst nichts mehr vermitteln".

Klaus Esser, AfD, spricht in ein Mikrofon

Klaus Esser, AfD

In der vergangenen Woche wurde entsprechend auch im Landtag viel skandalisiert. So beschäftigt der Abgeordnete Klaus Esser eine 85-Jährige. Sogar die Landtagsverwaltung schritt ein und stoppte den Minijob der Rentnerin, nachdem man vorher nichts gegen die Beschäftigung der Schreibkraft hatte. Die lange bekannte Geschichte, dass der Bruder eines Abgeordneten bei einem Kollegen in der Fraktion arbeitet, wurde hervorgekramt. Und die ungewöhnlich hohe Zahl an Fraktionsmitarbeitern wurde ins Schlaglicht gestellt. Dazu kam der Vorwurf, dass Martin Vincentz auch noch mit seinem Vater in der Krefelder Ratsfraktion sitzen würde.

Die Wahrheit hinter dem Skandal

Das Ding an den Sachen ist nur: Die AfD ist da ganz das, was sie nicht sein will: Eine Fraktion wie jede andere auch. All diese Fälle folgen nämlich keinem System - wie zum Beispiel in Sachsen-Anhalt. Bisher ist alles legal und auch bei CDU, Grünen und SPD arbeiten teilweise bis zu zehn Leute für einen Abgeordneten. In allen Parteien und Fraktionen finden sich persönliche Verbindungen und Familien, die gemeinsam politisch aktiv sind. Auch, dass sich gewisse Netzwerke gegen andere bevorteilen, kennt nicht nur die AfD.

Wer also das Verhalten der AfD im Landtag skandalisiert, macht es ihr demnach einfach - sie kann ja mit dem Finger zurück zeigen. Außerdem gibt man einer ziemlich enthemmten und üblen Schlammschlacht in der Partei eine Bühne. Auch das halte ich für mindestens mal bedenklich.

Dieser Text erscheint auch als Editorial in "18 Millionen - Der Newsletter für Politik in NRW". Jeden Freitag verschicken wir die Themen, die NRW bewegen - an politisch Interessierte, Aktive, Gewählte und Politik-Nerds. Hier können Sie den Newsletter kostenlos abonnieren.