Kandidat für AfD-Landesvorsitz wegen brisanter Dokumente unter Druck
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Die vermeintlich gefälschten Bewerbungsunterlagen des ehemaligen AfD-Landesgeschäftsführers Klaus Esser sind plötzlich aufgetaucht. Der stellvertretende Landesvorsitzende Fabian Jacobi soll sie bewusst zurückgehalten haben. Er selber will am Wochenende Landeschef werden.
Am Sonntag wurde es augenscheinlich ziemlich hitzig auf der Landesvorstandssitzung der NRW-AfD. Von "gereizten Ausbrüchen" ist die Rede. Rund eine Woche vor dem entscheidenden Landesparteitag in Marl, auf dem ein neuer Vorstand gewählt werden soll, spitzen sich die Lagerkämpfe zu.
Erneut geht es um den Fall Klaus Esser. Der Landtagsabgeordnete war bis zu seinem Einzug in den Landtag Geschäftsführer der NRW-AfD. Im Sommer 2024 berichtete die "Rheinische Post", dass Esser gefälschte Zeugnisse benutzt haben soll, um den Posten in der Partei zu bekommen. Esser bestreitet das bis heute, legte dennoch einige Parteiämter nieder und bekam zudem eine Ämtersperre innerhalb der Partei.
Nicht jedoch wegen gefälschter Zeugnisse sondern wegen fingierter Mitgliederadressen in seinem AfD-Kreisverband Düren. Dass er für die vermeintliche Fälschung nicht aus der Partei ausgeschlossen wurde, lag auch daran, dass dem Landesvorstand die originalen Bewerbungs-Dokumente nicht mehr vorlagen. Diese waren nach der Amtsübernahme des heutigen Parteichefs Martin Vincentz im Frühjahr 2022 nicht mehr auffindbar.
Die Gegner Vincentz', die ihn am Wochenende stürzen wollen, sahen in Essers Parteiverbleib immer den Beleg für Doppelstandards, die Vincentz anlege. So würden Vertraute - wie Esser einer war - geschont, während Gegner aus dem rechtsextremen Lager schnell mit Partei-Ausschlussverfahren konfrontiert würden.
Jetzt jedoch sind die originalen Bewerbungsunterlagen aufgetaucht. Das geht aus Mails und Schilderungen aus mehreren Landesvorstandssitzungen hervor, die dem WDR exklusiv vorliegen.
Hat Jacobi Unterlagen bewusst zurückgehalten?
Offenbar soll demnach der stellvertretende Landesvorsitzende Fabian Jacobi die Bewerbungsunterlagen bereits im Sommer dem Landesschiedsgericht und der Staatsanwaltschaft Aachen übermittelt haben. Letztere ermittelt gegen Esser wegen des Verdachts der Urkundenfälschung.
Über die Weitergabe der Unterlagen soll Jacobi allerdings den restlichen Landesvorstand nicht in Kenntnis gesetzt haben und damit auch nicht den Vorsitzenden Martin Vincentz. Brisant ist das vor allem deshalb, weil der Kölner Bundestagsabgeordnete Jacobi das rechtsextreme Lager innerhalb der AfD dabei unterstützt, Martin Vincentz am Wochenende zu stürzen.
Jacobi selber will sogar als Co-Landeschef - gemeinsam mit dem Bundestagsabgeordneten Christian Zaum - antreten. Der ganze Vorgang um die Dokumente wurde intern offenbar erst bekannt, nachdem Landeschef Vincentz im Januar die Absicht im Vorstand geäußert haben soll, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten.
Zum einen wegen des Verdachts der Unterschlagung der fehlenden Unterlagen. Zum anderen hätten sie aus Datenschutzgründen längst gelöscht sein müssen, was ein nachträgliches Auftauchen zum Problem für Vincentz machen würde.
Die Rede ist von einem "bemerkenswerten Fund"
Daraufhin soll sich Jacobi offenbart haben, die Dokumente zu besitzen. Angeblich habe er sie von der AfD-Bundesgeschäftsstelle bekommen, die auf den Mail-Account einer ehemaligen Mitarbeiterin Zugriff habe. Dieser Account sei - laut vorliegender Dokumente - "als Zieladresse für eingehende Bewerbungen angegegeben gewesen".
Nach dem Hinweis, dass auch dieser Account aus Gründen des Datenschutzes nicht mehr hätte existieren dürfen, verweigerte Jacobi offenbar weitere Aussagen und es soll zu heftigen Wortwechseln im Landesvorstand gekommen sein. Von einem "bemerkenswerten Fund" ist die Rede. Auch wird der Vorwurf erhoben, Jacobi habe dies bewusst getan, damit der restliche Landesvorstand in dem Glauben bleibe, "die zentralen Beweisstücke seien nicht vorhanden und auch nicht beibringbar".
Daran habe man das weitere Handeln ausgerichtet und im Oktober 2025 wegen "Nichtbeweisbarkeit" die Vorwürfe gegen Klaus Esser gestrichen, schildert ein Vorstandsmitglied.
Gegen diese Entscheidung protestierte Jacobi offenbar nicht, obwohl vorliegende Mails zeigen, dass er zu diesem Zeitpunkt die "Beweisstücke" hätte besitzen müssen. Im Juli 2025 schickt er nämlich die Bewerbungsunterlagen an das Landesschiedsgericht und erklärt: "Offenbar sind beide Zeugnisse gefälscht".
Jacobi bestätigt den Vorgang
Der Landesvorstand will den Vorgang nicht kommentieren. "Ich bitte um Verständnis, dass wir uns zu internen Vorgängen grundsätzlich nicht äußern", schreibt ein Sprecher der Partei. Fabian Jacobi selber bestätigt auf WDR-Nachfrage, dass er im Juli 2025 die Unterlagen an Staatswanwaltschaft und Schiedsgericht weiter geleitet habe. Es war jedoch "ständige Übung, dass relevante Informationen nicht an alle Vorstandsmitglieder gegeben werden", so der 52-Jährige auf seiner Facebook-Seite.
Er begründet dies damit, dass Mails an den gesamten Vorstand sonst regelmäßig an Medien weiter geleitet würden. Woher er die Unterlagen am Ende erhalten hat, lässt er jedoch offen. Allerdings sagt er auch, er habe einen Vorstandskollegen darüber informiert.
Dabei handelt es sich um Kay Gottschalk. Der Bundestagsabgeordnete bestreitet jedoch auf Nachfrage, davon gewusst zu haben, dass Jacobi die Unterlagen weitergeleitet habe. "Ich kann mich nur daran erinnern, dass er mir irgendwann im Bundestag sagte, er würde wohl über eine Quelle herankommen", schreibt Gottschalk mit Blick auf die Zeugnisse Essers.
Der Vorgang dürfte die seit Wochen laufende Eskalation um die Vormachtstellung innerhalb der NRW-AfD noch einmal verschärfen - einen Tag vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg droht der Bundes-AfD die Eskalation in einem weiteren Landesverband.
Unsere Quellen:
- Interne Mails AfD-Landesvorstand
- Eigene Rechereche
- Statements Landesvorstand/ Fabian Jacobi
Sendung: WDR 5 Westblick, Brisante Dokumente in der NRW-AfD aufgetaucht, 17:05 Uhr
