Martin Vincentz, Vorsitzender der AfD-Fraktion, sitzt alleine im Plenum des Landtags NRW

Schlammschlacht auf den Landtagsfluren: Zerbricht die AfD-Fraktion?

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Seit dem Sommer geht es in der AfD-Fraktion hoch her. Es geht um persönliche Vorwürfe, eigene Ambitionen und auch Drogen. Dem WDR liegen zahlreiche Dokumente und Stellungnahmen vor, die belegen, dass die Fraktion komplett zerfallen ist.

Am Dienstag wurde es hektisch bei der AfD im Landtag. Sollte Klaus Esser rehabilitiert worden sein? Er ist der ehemals enge Vertraute des Landes- und Fraktionschefs Martin Vincentz. Esser wird vorgeworfen, Teile seines Lebenslaufs gefälscht und mithilfe von Scheinadressen genehme Mitglieder in seinem Kreisverband Düren aufgenommen zu haben; ersteres ist weiterhin strittig, letzteres weitgehend erwiesen.

Ein Parteiausschlussverfahren gegen Esser war am Montag zuvor beendet worden, zumindest gab es einen Vergleich: Der Landtagsabgeordnete Esser akzeptiert eine 18-monatige Ämtersperre, im Gegenzug wird er nicht vom Landesschiedsgericht aus der Partei geworfen. Vor allem, weil man ihm nicht endgültig nachweisen könne, sich mit einem gefälschten Jura-Examen einst auf die Stelle als AfD-Landesgeschäftsführer beworben zu haben.

Die Selbstzerlegung der AfD-Landtagsfraktion

WDR 5 Westblick - aktuell 31.10.2025 06:31 Min. Verfügbar bis 31.10.2026 WDR 5

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Alice Weidel schreitet bei Begnadigung ein

Damit war der Fall Esser aber noch nicht erledigt. Am Wochenende vorher waren bereits Bilder der vermeintlich gefälschten Abschlüsse in Nachrichtenkanälen auf Telegram kursiert. Vor allem in einer Gruppe, die dem völkischen Lager um den Dortmunder Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich nahe steht. In dem Nachrichtenkanal wurde vor dem Vergleich zwischen Esser und dem Landesverband gewarnt.

Die Entscheidung, Esser nur rückwirkend für Ämter zu sperren und ihn damit passend zum Landesparteitag im März 2026 vollends zu rehabilitieren, rief Bundessprecherin Alice Weidel auf den Plan. In einem ungewöhnlichen Schritt sprang der Bundesvorstand am Dienstag in das Verfahren rund um Esser bei und verlangte, den formal noch nicht abgeschlossenen Prozess weiter offen zu halten. Das ganze soll vor allem auf Weidels Betreiben hin geschehen sein. Ein gravierender Eingriff in die Eigenständigkeit des Landesverbandes, weil es eine deutliche Ansage an Landeschef Martin Vincentz war, mit seinem Handeln nicht einverstanden zu sein.

Martin Vincentz, Vorsitzender der AfD-Fraktion, bei einer Pressekonferenz im NRW-Landtag am 7. Oktober 2025

Martin Vincentz

Entsprechend jubilierte das Lager rund um Helferich. Die rechtsextremen Kreise in der AfD wollen Vincentz schon seit Jahren stürzen. Auf Telegram sagte Helferich in einer Videobotschaft dann auch, Leute wie Esser und Vincentz glaubten, die "AfD sei ein Geschäftsmodell". Der im Sommer (vorerst) aus der AfD ausgeschlossene Helferich setzt jetzt auf eine Abwahl Vincentz beim Parteitag im März und eine Einigung der Lager. Dabei dankte er unter anderem auch Vincentz' Stellverteter in der Landtagsfraktion, Sven Tritschler. Dieser habe sich klar gegen Vincentz gestellt, obwohl er "unverdächtig" sei, "meine Reden gut zu finden", erklärte Helferich.

Die Schlammschlacht von und um Sven Tritschler

Dem eigentlich dem selbsterklärt gemäßigten Lager zugehörigen Tritschler ist eine weitere Schlüsselrolle in der Landes-AfD zugefallen. Im Sommer wurde eine interne Stellungnahme Tritschlers öffentlich, die die Fraktion erschüttern sollte. Hierin deutete Tritschler an, Mitarbeiter mit klarer Nähe zu Vincentz hätten Druck auf seine studentische Hilfskraft Tim Schramm ausgeübt, kompromittierendes Material gegen ihn zu finden. Schramm war bundesweit bekannt geworden, weil er freiwillig für die Ukraine im Krieg gekämpft hatte. Nach Angaben Tritschlers und auch Schramms habe es bis zum Sommer eine Meinungsverschiedenheit zwischen beiden gegeben.

Sven Tritschler, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD NRW, bei einer Pressekonferenz im NRW-Landtag am 7. Oktober 2025

Sven Tritschler

Dem WDR liegen Screenshots vor, wonach Tritschler Schramm sogar rauswerfen wollte. Auch existieren Sprachnachrichten, in denen Schramm schildert, wie schwierig das Verhältnis zu Tritschler sei. Diesen Umstand habe man - so sagt es Schramm heute - ausnutzen wollen, um ihn gegen Tritschler aufzuhetzen. "Ich war durch meinen Einsatz in der Ukraine sehr mitgenommen, weshalb das auch eine Weile lang gelungen ist", schreibt er dem WDR.

Dazu liegen dem WDR mehrere Stellungnahmen von Parteimitgliedern vor. Darin ist von illegalem Drogenkonsum die Rede, Scheinbeschäftigungen und missbräuchlich aufgeteilten Fraktionsgeldern - alles im Umfeld des Streits zwischen Tritschler und seinem Mitarbeiter Schramm. Tritschler lässt über eine Kölner Anwaltskanzlei ausrichten, dass an den ganzen Vorwürfen gegen ihn persönlich aus seiner Sicht nichts dran sei.

Verhärtete Fronten in und um die Fraktion herum

Diesselbe Kanzlei lässt im Namen der gesamten AfD-Fraktion jedoch auch ausrichten, dass man die Informationen sehr ernst nehme. Allerdings liegen "bislang keine Erkenntnisse vor, die die Vorwürfe gegen Herrn Tritschler und andere beweisen", heißt es weiter. Tritschler selbst ist noch unentschlossen, ob er sich juristisch gegen die Vorwürfe wehren will. "Bei der Entscheidung müssen nicht nur juristische, sondern auch politische Erwägungen angestellt werden", schreibt er auf Nachfrage.

Was Tritschler mit "politischen Erwägungen" meint? Wegen seiner Stellungnahme vom Sommer ist das Tischtuch zwischen ihm und Landeschef Vincentz zerschnitten. Im Zuge der Affäre trennte sich die Fraktion vom damaligen Pressesprecher, ein weiterer enger Vertrauter des AfD-Chefs. Tritschler benannte ihn den Ex-Sprecher in seiner Stellungnahme als Strippenzieher hinter den Vorgängen. Vincentz wiederum hat nach WDR-Informationen Tritschler als Stellvertreter in Fraktion und Partei zum Rücktritt aufgefordert.

Entsprechend sind die Fronten in der Fraktion verhärtet - es wird mit Schmutz um sich geworfen - sei es die vermeintliche Lebenslauffälschung Klaus Essers, sei es die Stellungnahme Tritschlers wegen der Intrige, seien es die Vorwürfe über angebliche Scheinbeschäftigung von Angehörigen oder Drogenkonsum in den Fraktionbüros. Tatsächlich lassen sich sämtliche Vorwürfe nicht einwandfrei belegen - sie zeichnen nur ein Bild, wie in der Fraktion miteinander umgegangen wird.

Sollte Vincentz gestürzt werden?

Vor allem der Zeitpunkt der Eskalation ist interessant. Am Dienstag traf sich der Fraktionsvorstand zu einer Klausurtagung, in den Tagen zuvor kursierten vermehrt Stellungnahmen und Gerüchte. Die Frage drängt sich auf, ob damit die Situation geschaffen werden sollte, um Fraktionschef Martin Vincentz das Vertrauen zu entziehen. Aus dem Lager rund um Matthias Helferich war als Nachfolgerin in der Fraktion vermehrt der Name Enxhi Seli-Zacharias zu hören. Die Gelsenkirchener AfD-Landtagsabgeordnete hatte sich in den vergangenen Wochen an die Seite Sven Tritschlers gestellt. Das Helferich-Lager spricht von ihr als Hoffnungsträgerin in der Fraktion, auch wenn sie selber überhaupt keine Nähe zu der Gruppierung rund um den Dortmunder Bundestagsabgeordneten hat.

Enxhi Seli-Zacharias, stellvertretende Vorsitzende der AfD Fraktion, bei einer Pressekonferenz im NRW-Landtag am 7. Oktober 2025

Enxhi Seli-Zacharias

Bei der Klausur selber soll es aber keine Versuche gegeben haben, Vincentz zu stürzen oder seine Position entscheidend zu schwächen. Offenbar auch, weil zahlreiche Medienanfragen zu den diversen Stellungnahmen vorlagen und man eine weitere Eskalation offenbar scheute.

Trotzdem bleibt die Lage in der Landtags-AfD mehr als verworren: Während der Fraktionschef um sein Überleben im Amt kämpfen muss, machen sich andere Hoffnungen auf die Nachfolge. Und wieder andere sorgen sich, in der Auseinandersetzung "als nächstes dran zu sein", wie es ein Fraktionsmitglied unter der Hand sagt. Ein inhaltliches Arbeiten im Landtag scheint so nur schwer möglich zu sein. In anderen Landtagen sind in der Vergangenheit ganze AfD-Fraktionen bereits wegen weniger Konflikten zerbrochen. Entsprechend bezeichnen viele in der AfD die Fraktion als "dysfunktional". Oder wie es ein Funktionär der Partei sagt: "Der Punkt ist, es kommt halt keine Ruhe rein."

Große Risse in der NRW AfD

Westpol 09.11.2025 11:01 Min. UT DGS Verfügbar bis 09.11.2030 WDR

Unsere Quellen:

  • Diverse schriftliche und vertrauliche Stellungnahmen
  • Sprachnachrichten und Chatprotokolle
  • Telegram-Nachrichtenkanäle
  • Anfragen an AfD-Fraktion, Sven Tritschler und Tim Schramm
  • Eigene Recherche

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