Militärstrategie. Was bedeutet das für Reservisten und junge Männer
Aktuelle Stunde . 22.04.2026. 39:50 Min.. UT. Verfügbar bis 22.04.2028. WDR. Von Astrid Houben.
Die Details sind geheim. Und doch hat Verteidigungsminister Boris Pistorius am Mittwoch in Berlin Aspekte aus der Militärstrategie der Bundeswehr verraten. Es geht um mehr Personal, bessere Ausrüstung, Infrastruktur wie Kasernen und vor allem mehr Know-How - aber zur Strategie gehören zum Beispiel auch mehr Langstreckenwaffen und eine stärkere Abwehr von Angriffen im Internet.
Es ist die erste Militärstrategie in der Geschichte der Bundeswehr. Dass sie nötig sei, das habe mehrere Gründe, sagt Pistorius. Deutschland reagiere auf eine Bedrohung durch Russland - aber nicht nur.
Selten war eine Militärstrategie so nötig wie in dieser historischen Phase. Verteidigungsminister Boris Pistorius
Die Bedrohungslage habe sich vor allem seit Putins Krieg gegen die Ukraine verschärft. "Außerdem wird die internationale Rechtsordnung so sehr in Frage gestellt wie schon lange nicht mehr oder wahrscheinlich seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie. Anders ausgedrückt, die Welt ist unberechenbarer geworden und ja, man muss auch sagen, gefährlicher", sagte Pistorius.
NRW spiele aufgrund seiner strategischen Lage im Herzen Europas für die Bundeswehr sowie das Verteidigungsbündnis NATO eine wichtige Rolle, schreibt der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW. Die Behörde plant und realisiert im Auftrag des Bundes Bauprojekte für die Bundeswehr in Nordrhein-Westfalen. NRW sei ein zentraler militärischer Standort etwa mit dem ersten Sitz des Bundesverteidigungsministeriums in Bonn, dem Militärischen Abschirmdienst sowie der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung in Köln oder der in Nörvenich stationierten Eurofighter.
NRW ist also nicht irgendein Bundesland, wenn es um Verteidigung geht. Die neue Militärstrategie hat deshalb konkrete Folgen – für Städte, Unternehmen und Menschen im Land. Einige Veränderungen sind schon im Gange. Auf vielen Ebenen tut sich etwas.
Immer mehr Rüstungsindustrie in NRW
Immer mehr Unternehmen in NRW beschäftigen sich mit Rüstung und Waffen. Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Rüstung in NRW aussieht.
- Der Getriebespezialist Flender aus Bocholt – 3.000 Mitarbeiter, groß im Windkraftbereich – will künftig auch Getriebe für Panzer liefern.
- Das Herzogenrather Start-up TorqueWerk mit gerade mal drei Beschäftigten baut Elektromotoren ganz ohne Seltene Erden und macht sich damit unabhängig von chinesischen Lieferketten.
- Das schwedische Unternehmen Lesjöfors produziert in seinem Velberter Tochterwerk seit Jahren Fahrwerksfedern – auch die Art, die in Panzern verbaut wird – und hofft nun auf Rüstungsaufträge.
- Wo Krieg ist, liegen oft Minen. Sie bleiben Jahrzehnte in der Erde und machen ganze Landstriche unbetretbar, weil niemand weiß, wo genau die gefährlichen Hinterlassenschaften begraben liegen. Jetzt können autonome Drohnen des Essener Startups Xensor Minen aus der Luft orten – mithilfe von KI in bis zu 5 Metern Tiefe. Die Bundeswehr hat Anfang des Jahres mit Xensor-Drohnen auf Land und Wasser trainiert und will die Minen-Drohnen beschaffen.
Der Rheinmetall AG Hauptsitz in Düsseldorf
Auch der große deutsche Rüstungskonzern hat seine Basis in NRW. Rheinmetall mit Sitz in Düsseldorf hat einen Jahresumsatz von 14 Milliarden Euro und führt damit laut WDR-Wirtschaftsredaktion die Liste der reinen Rüstungsunternehmen in NRW an.
- Rheinmetall – Düsseldorf (größter deutscher Rüstungsproduzent)
- KNDS-Tochter – Mülheim an der Ruhr (Panzerstahlherstellung) + Remscheid (Panzerkettenwerk)
- Dynamit Nobel Defence – Burbach bei Siegen (Panzerfäuste/Panzerabwehrwaffen)
- GuS Glass + Safety – Lübbecke/OWL (Panzerglas)
- Xensor, KI-Drohnen für Minensuche – Essen
- Infinteq Aufklärungsdrohnen – Mülheim an der Ruhr
- AirRobot, Drohnensysteme für militärische, behördliche und zivile Einsätze – Arnsberg
Doch wieder Kasernen statt Wohnungen
Viele Kasernen und andere militärische Liegenschaften sollten abgerissen oder umgebaut werden – für Wohnungen, Kitas und Start-up-Zentren. Schon Ende vorigen Jahres aber stoppte der Bund den Verkauf. Betroffen sind 187 Gelände bundesweit, 38 davon in NRW. Darunter sind Kasernen, Munitionsdepots, Übungsplätze und Flugplätze – verteilt über ganz NRW, von Krefeld bis Siegen, von Gütersloh bis Köln.
In manchen Kommunen fällt damit bereits eingeplanter Wohnraum weg. In Düsseldorf etwa sollten auf dem Gelände der Bergischen Kaserne 1.000 Wohnungen entstehen, in Gütersloh war die Umnutzung zweier Kasernen fester Bestandteil der Stadtplanung. In Paderborn war der Kaufvertrag kurz vor der Unterzeichnung.
Luftverteidigung - Schutz vor Raketen und Drohnen
Es war im Frühjahr 2024, als dem Westen im russischen Staatsfernsehen vor Angriffen auf deutsche Brücken gedroht wurde. Genannt wurden vier deutsche Brücken, die als Ziele für russische Angriffe infrage kommen könnten - darunter auch die Kölner Hohenzollernbrücke. Für Angriffe gebe es Abwehrsysteme, die ganz Deutschland und damit auch NRW schon jetzt schützen, sagte ein Bundeswehrsprecher auf WDR-Anfrage. Um die Luftabwehr kümmere sich die Bundeswehr und daneben auch die NATO. Für ballistische Raketen etwa gibt es seit Dezember im Dreiländereck Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt das sogenannte Arrowsystem, das ballistische Raketen in über 100 Kilometern Höhe abfängt. Zwei weitere Arrow-Standorte sollen noch dazu kommen.
Eine Drohne am Flughafen
Außerdem beschäftigt sich das Land NRW mit Drohnen. Bisher gab es in Nordrhein-Westfalen "kein Anzeichen" für russische Drohnen, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul im Oktober vorigen Jahres. Trotzdem kündigte er schon da an, die Drohnen-Abfangtechniken bei der Polizei auszubauen. Die Ausrüstung müsse ständig auf den neuesten Stand gebracht werden, sagte er. Laut eines Berichts aus dem Januar 2026 war die Zahl der Sichtungen von verdächtigen Drohnen über NRW zuletzt gestiegen - von 232 im Jahr 2024 auf 351 im Jahr 2025. Wer hinter den Flügen steckt, ist unklar. Belege für ausländische Staaten oder Geheimdienste gibt es bislang nicht. Warum die Drohnen unterwegs sind, ist auch unklar. Laut Reul könnte es Aufgabe der Drohnen sein, zu spionieren, zu sabotieren – oder Angst zu schüren.
Mehr Soldaten, Musterung in Karrierecentern
Seit diesem Jahr bekommt jeder junge Mann in Deutschland kurz vor dem 18. Geburtstag Post von der Bundeswehr. Außerdem investiert die Bundeswehr viel in Werbung. Erste Erfolge seien bereits sichtbar, sagte Staatssekretär Nils Hilmer bei der Pressekonferenz zur Militärstrategie: Zehn Prozent mehr Einstellungen als im Vorjahr – und 20 Prozent mehr Bewerbungen als noch vor einem Jahr.
Fragebogen der Bundeswehr
Um noch mehr Personal zu gewinnen, setzt die Bundeswehr künftig auf Überbuchungen: Wo Standorte besonders beliebt sind, dürfen mehr Soldaten eingestellt werden als Dienstposten vorhanden sind, sagte Pistorius am Mittwoch. Reichen die Zahlen trotzdem nicht, sei im neuen Wehrdienstgesetz schon die Möglichkeit einer verpflichtenden Einberufung bereits angelegt.
Denn die Bundeswehr will aufwachsen. Bis 2029 soll die Truppe auf insgesamt 344.000 anwachsen - davon 204.000 aktive Soldaten und 140.000 Reservisten. Bis 2035 dann insgesamt 460.000 - davon 260.000 Soldaten und 200.000 Reservisten.
Gemustert werden die jungen Männer in Karrierecentern der Bundeswehr. Regionale Musterungszentren werden gerade aufgebaut – bundesweit sollen es 24 werden. Bis diese fertig sind, läuft das bisherige Verfahren weiter. Für NRW gibt es aktuell zwei Standorte: das Karrierecenter in Düsseldorf für die reguläre Musterung – und in Köln ein Assessmentcenter speziell für Offiziersbewerber.
Wo in NRW künftig Musterungszentren entstehen, hat das Verteidigungsministerium auf WDR-Anfrage nicht beantwortet – die Planungen seien noch nicht abgeschlossen.
Bunker - vom Lostplace zum Schutzort?
Kirchenbunker in Köln
In Westdeutschland gab es mal rund 2.000 öffentliche Schutzräume mit etwa 1,6 Mio. Schutzplätzen – darunter Hoch- und Tiefbunker, alte Stollenanlagen und umgerüstete Zivilbauten wie Tiefgaragen und Bahnhöfe. Das Bundesministerium des Innern beauftragte im März 2022 die Bundesansalt für Immobilienaufgaben und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) mit einer Bestandsaufnahme – abgeschlossen Ende März 2023.
Viele der Bunker in NRW gelten heute als "Lost Places". Keiner der Schutzräume im Land sei heute technisch funktionsfähig, schreibt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben auf ihrer Seite.
Aktuell arbeitet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn an einem Konzept. Bis zum Jahr 2029 soll die Bundesrepublik wieder zivilschutzfähig sein. Angesichts der aktuellen politischen Weltlage wächst aber auch die Nachfrage nach privaten Schutzräumen.
Unsere Quellen
- Pressekonferenz mit zur Militärstrategie der Bundeswehr am 22.04.2026
- Bundeswehrsprecher zu Arrow-Abwehr am 22.04.2026
- Sprecher des Verteidigungsministeriums zu Karrierecentern
- Bundeswehr: Arrow stärkt Deutschlands Schutz vor ballistischen Raketen
- X-Post von Anton Gerashchenko "Russian propagandist Kiselev discusses bombing German bridges - in great detail"
- Liste der Liegenschaften für Streitkräfte, die dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt vom 28.10.2025
- Rechtliche Abwicklung öffentlicher Schutzräume
Sendung: WDR-Fernsehen, Aktuelle Stunde, 22.04.2026, 18.45 Uhr