Queer durch Dortmund
WDR. 03:07 Min.. Verfügbar bis 19.06.2028.
Los geht es am Bergmannkiosk. Einem ehemaligen Treffpunkt für schwule Männer. Hier in den Toiletten haben sie sich getroffen, um anonym Sex zu haben. Doch der Hotspot schlechthin, nicht nur Dortmunds, sondern des ganzen Ruhrgebiets, liegt ein paar Straßen weiter.
Im Übergang zum Hauptbahnhof lag viele Jahre die Kneipe "Fledermaus", die nonstop geöffnet war. "Dortmund war schon immer ein Fernbahnhof. Das heißt, du konntest schnell zwischen zwei Zügen ein Pilsken trinken und die Büchse öffnen," erzählt Carla Gold. Die Travestie-Künstlerin ist heute als Tour-Guide unterwegs. Sie ist vor allem für Witze und Insider zuständig.
Die älteste queere Kneipe der Stadt.
Mit Fakten wird sie von Jacquelin Wenneker unterstützt. Die 31-Jährige hat den Spaziergang konzipiert. "Weil ich selbst queer bin und viel Interesse an queerer Geschichte habe. Und da kennt man in Deutschland viel aus Berlin und Köln. Das Ruhrgebiet aber war gar nicht so abgebildet," so Jacquelin Wenneker. Um das zu ändern, hat die Dortmunderin viel in Archiven gewühlt.
Dunkles Kapitel Dortmunds
Bei der Tour geht es nicht nur um die queere Clubkultur. Es geht auch um Homosexualität und Homophobie im Deutschen Fußball, den gesellschaftlichen Umgang mit AIDS und die Verfolgung von Schwulen während der NS-Zeit. An der Steinwache wird den Menschen gedacht, die aufgrund ihrer Identität verfolgt wurden.
Bei der Tour geht es auch um Homophobie im Fußball.
"Ich glaube das Thema ist im Moment generell wichtig, nicht nur für Dortmund. In so vielen Ländern werden unsere Rechte beschnitten, es ist wichtig, mehr auf die Geschichte hinzuweisen. Dass die Geschichte auch schon schwieriger war, aber dass wir da rausgekommen sind und dass wir da heute ansetzen und weiter für unsere Rechte kämpfen wollen," sagt Jacquelin Wenneker.
Anfeindungen mitten in der Stadt
Dass der Kampf nötig ist, erlebt man auch bei der Tour. An manchen Ecken hört Carla Gold kesse Sprüche. An manchen fühlt sie sich sichtlich unsicher. "Ich finde es schade, dass ich in der Brückstraße in der Gruppe verschwinden muss, damit ich keine Anfeindungen bekomme, deshalb ist es wichtig, dass wir uns immer wieder zeigen".
Barrieren und Vorurteile abbauen ist auch das, was diese Tour will. Der Spaziergang öffnet nicht nur bisher unbekannte Türen, er eröffnet auch neue Perspektiven. "Ich weiß zu wenig darüber. Ich habe zwei Mädels, 12 und 14 Jahre alt. Sie sind in ihren Klassen mit dieser Thematik konfrontiert und möchten darüber sprechen. Und ich möchte gerne gut informiert sein, auch für sie. Und es ist total cool. Es sind ganz spannende Geschichten, die ich noch nie gehört habe und vor allem ganz spannende Locations," sagt Teilnehmerin Carolin Moussa.
"Liebe ist Liebe"
Der Spaziergang dauert etwa zwei Stunden.
Die zweistündige Tour endet an der Reinoldikirche. Als Erinnerung an die erste CSD-ähnliche Veranstaltung, die hier 1992 stattfand. "Heutzutage ist der CSD in Dortmund neben Fußball eins der meist beschützten Events der Stadt", erzählt Carla Gold.
"Das heißt, wir haben unseren Space zum Feiern, aber trotzdem ist ringsum die Hundertschaft der Polizei, die diesen CSD von rechter übergriffiger Gewalt schützt. Weil diese Personen es nicht ertragen können, dass ich einen Mann liebe und keine Frau. Ich tue damit niemandem weh, deswegen ist der CSD heute wichtiger denn je. Und Liebe ist Liebe."
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Jacquelin Wenneker, sanfte-touren.de
- Gespräch mit Carla Gold, Travestiekünstlerin aus Dortmund
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Dortmund, 19.06.2026, 19.30 Uhr