Neuer Wehrdienst - Erste Fragebögen werden verschickt

Gerade 18 und ab zur Bundeswehr? "Ich will nicht morden"

Stand:

Die ersten jungen Menschen, die im Jahr 2026 ihren 18. Geburtstag gefeiert haben, haben bereits ihre Bundeswehr-Fragebögen bekommen. Wie gehen sie damit um? Wir haben einige getroffen - es gibt viel Ablehnung.

Von Oliver ScheelOliver Scheel

"Weil Demokratie Streitkräfte braucht" und "weil Freiheit nicht geschenkt ist". Dies sind einige der Slogans, die sich auf dem Fragebogen wiederfinden, den 18-jährige Deutsche des Jahrgangs 2008 nun geschickt bekommen. 700.000 junge Männer und Frauen sind im Laufe des Jahres betroffen, die ersten 5.000 haben nun den Brief mit einem QR-Code erhalten.

Der Code führt zu einem Fragebogen - Männer müssen ihn ausfüllen, Frauen dürfen. Es geht darum, die Zahl der Soldaten zu erhöhen. Über 260.000 Soldaten soll die deutsche Armee Mitte der 2030er-Jahre verfügen, derzeit sind es gut 184.000. Um die Truppenstärke zu erhöhen, werden 18-Jährige mit Geld und einem Zuschuss zum Führerschein gelockt.

Justus K.

Justus aus Nievenheim

Aber reicht das jungen Menschen, um wirklich ihren Dienst bei der Truppe anzutreten? Jannis aus Stommeln und Justus aus Nievenheim sind sich einig: Zur Bundeswehr gehen wir nicht. Ihre Beweggründe klingen nachvollziehbar. "Sicher ist es in solchen Zeiten sinnvoll, sich um eine Armee zu kümmern, aber ich bin da raus. Ich möchte nicht morden", sagt Justus, der am 2. Januar 18 Jahre alt wurde. Ein Dienst an der Waffe komme für ihn schlichtweg nicht infrage.

Passt nicht zu ethisch-moralischen und religiösen Vorstellungen

Sein Freund Jannis sieht das ganz ähnlich: "Seit es die Diskussion gibt, weiß ich, dass es für mich nicht infrage kommt, zum Bund zu gehen. Ich werde in jedem Fall von meinem Recht auf Kriegsdienstverweigerung Gebrauch machen", sagt der junge Erwachsene bei unserem Treffen.

Auch Jannis sieht ein, dass Aufrüstung und mehr Soldaten "irgendwie notwendig ist, aber es passt nicht zu meinen ethisch-moralischen Vorstellungen und auch nicht zu meinen religiösen".

Fragebögen zum Wehrdienst

WDR Studios NRW 23.01.2026 02:11 Min. Verfügbar bis 25.01.2028 WDR Online


Einen Ersatzdienst würden beide in Erwägung ziehen, allein schon aus Gerechtigkeitsgründen. Jannis würde sich darum zwar nicht reißen, aber:

Mir geht es nicht darum, gar nichts zu machen. Ich will nur nicht in den Krieg ziehen. Jannis aus Stommeln, gerade 18 Jahre alt geworden

Justus hat mit seiner Familie über den Fragebogen gesprochen. Sein Vater machte einst Zivildienst und gab seinem Sohn mit, dass er da etwas für das Leben gelernt habe.

Dann erzählt Justus eine bedrückende Geschichte: Sein Opa floh am Ende des 2. Weltkriegs aus den Ostgebieten Richtung Westen. Die Flucht war chaotisch und nur durch einen glücklichen Zufall blieb er am Leben. Diese Erzählung aus der Familie mit Krieg, Flucht und Vertreibung beschäftigt den jungen Mann.

"Das ist zwar keine Geschichte von der Front, aber sie stärkt meine Meinung, dass ich einfach keinen Krieg erleben möchte", sagt er. Sein Freund Jannis erklärt, dass ein Kriegsdienst "absolute Abneigung" in ihm hervorrufe: "Ich lehne Waffen so sehr ab."

Bundeswehr-Fragebogen: "Macht Angst und überfordert"

WDR 5 Morgenecho - Interview 23.01.2026 06:36 Min. Verfügbar bis 23.01.2027 WDR 5


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Ganz allgemeine Fragen im Fragebogen - und eine Skala

Aber was will die Bundeswehr überhaupt wissen von den potenziellen Rekruten? Justus erzählt, dass im Fragebogen in erster Linie sehr allgemeine Fragen stünden. "Sie erfragen den Fitnessstand, Größe und Gewicht und ob ich eine Ausbildung habe." Und schließlich müssten die jungen Männer auf einer Skala von 0 bis 10 eingeben, wie sehr sie am Wehrdienst interessiert seien.

"Da habe ich eine 0 eingegeben." Justus hat also gar kein Interesse. Aber warum ist das so? Er gibt die Antwort: "Vor ein paar Jahren waren die Kriege weit weg. Das wirkt jetzt alles viel näher. Wenn in der NATO irgendwas schief geht, sind wir da ziemlich schnell drin", begründet er seine Wahl.

Kaum jemand am Einsatz bei der Bundeswehr interessiert

Bundeswehr Fragebogen

Jannis aus Stommeln

Gibt es denn überhaupt in ihrem Umfeld junge Leute, die sich für einen Dienst an der Waffe interessieren? "Da sind zwei Leute, die gesagt haben, dass die Bundeswehr für sie infrage kommt. Deren Eltern waren oder sind beim Bund. Die stehen dem nicht abgeneigt gegenüber", so Jannis. "Es gibt ja auch viele, die nach dem Abi keinen Plan haben, was sie machen wollen und in einer Findungsphase sind. Wenn man dem Wehrdienst dann positiv gegenüber steht, kann ich das nachvollziehen."

In der Schule wurde der Fragebogen nicht thematisiert

"Ich habe überhaupt keine Berührungspunkte mit Krieg. Ich kann mir vorstellen, wie schlimm das ist und dass ich das einfach nicht erleben möchte", ergänzt Justus und sagt, dass sie in der Schule an ihrem Gymnasium in Knechtsteden im Rhein-Kreis Neuss gar nicht über das Thema gesprochen hätten.

"Ich hatte auch ehrlich gesagt nicht gedacht, dass das Thema nochmal Einzug hält", sagt Jannis mit Blick auf die zurückliegenden friedlichen Zeiten, in denen er groß wurde.

Das ist so ein Relikt aus der Jugend meines Vaters, der sich für Zivildienst entschieden hat. Jannis über den Wehrdienst

"Gerne der Gesellschaft etwas zurückgeben, aber ..."

In Köln treffen wir Paul. Er geht dort auf ein Gymnasium und auch er ist im Januar 18 geworden. Paul ist noch nicht sicher, ob er den Wehrdienst ablehnen wird. "Ich kann gerne der Gesellschaft etwas zurückgeben, aber ich bin da noch unentschieden. Die Bundeswehr ist nicht der perfekte Arbeitgeber", sagt er im Gespräch mit dem WDR, "aber vielleicht würde ich es tun". Doch auch Paul hat am Ende auf der Skala die 0 angeben. "Ich gehe ungern mit Waffen um", erklärt er.

Auch wenn Justus, Jannis und Paul nur einzelne Beispiele sind: Es sieht so aus, als ob die Regierung und vor allem Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) noch viel Überzeugungsarbeit bei den jungen Leuten leisten müssten. Denn, so formuliert es Jannis: "Die Bundeswehr ist alles andere als ein Sehnsuchtsort für mich."

Unsere Quellen:

  • Gespräche mit Jannis B., Justus K. und Paul
  • Nachrichtenagentur dpa
  • bundeswehr.de

Sendung: WDR 5, Morgenecho, 23.01.2026, 6 Uhr

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