Alltag in den Städten: Einzelhandel vs. Drogenszene | Aktuelle Stunde

Aktuelle Stunde 27.04.2026 17:39 Min. UT Verfügbar bis 27.04.2028 WDR Von Claudia Beucker

Drogenkonsum Kann ein geduldeter Crack-Handel in NRW-Städten helfen?

Stand:

Händler in Dortmund verlangen eine Lösung für die Probleme mit Crack-Abhängigen. Sie favorisieren das Zürcher Modell, zu dem auch der geduldete Kleinsthandel mit der Droge gehört sowie sogenannte Drogen-Konsumräume. Das steckt dahinter.

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Jörn Seidel
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Menschen, die in der Innenstadt offen Drogen konsumieren, zusammenbrechen, schreien, weinen, lachen - alles innerhalb weniger Minuten: Crack-Abhängige prägen das Bild vieler Stadtzentren in NRW. Ob am Neumarkt in Köln, dem Worringer Platz in Düsseldorf, Kennedyplatz in Essen, Kaiserplatz in Bonn oder die Bahnhofsgegenden in Münster, Bielefeld und Aachen: Auf viele Passanten wirken die Crack-Abhängigen verstörend. Einzelhändler beschweren sich über Umsatzeinbußen.

In Dortmund richtet sich nun eine Händler-Initiative in einem offenen Brief an die Kommunalpolitik, fordert "entschlossenes Handeln" und wird dabei sehr konkret: Die Initiative favorisiere schon seit Jahren das Zürcher Modell, heißt es darin. Auch in Köln und anderswo wird über das Modell diskutiert, das aus vier Säulen besteht.

Drogenszene in den Innenstädten von NRW

WDR 27.04.2026 02:59 Min. Verfügbar bis 26.04.2028 WDR Online

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Die Vier-Säulen-Suchtpolitik des Zürcher Modells:

  • Prävention: Abhängigkeiten durch Aufklärung und Sensibilisierung verhindern
  • Therapie: Suchtmedizinische und psychiatrische Versorgung
  • Schadensminderung: Negative Folgen für Konsumierende und Gesellschaft reduzieren
  • Repression/Regulierung: Keine Verfolgung von Konsumierenden, sondern Bekämpfung von Verbrechen (Verkauf von Drogen)

Auch der Kleinsthandel mit Drogen wird geduldet

Das Pikante am Zürcher Modell: Zum Kern gehören nicht nur Drogen-Konsumräume, wie es sie schon mancherorts in NRW gibt, nämlich in Bielefeld, Bochum, Bonn, Dortmund, Düsseldorf, Essen, Köln, Krefeld, Münster, Troisdorf und Wuppertal. Zum Konzept gehört auch der geduldete Handel mit Kleinstmengen an Crack. Ein solcher Handel ist in Deutschland verboten.

Porträt von Heino Stöver, Vorstant von akzept, Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit

Heino Stöver, Suchtforscher

Verboten ist der Handel mit Crack zwar auch in der Schweiz. Im Rahmen des Zürcher Modells werde so Kleinsthandel von der Polizei in Zürich aber toleriert, berichtet Heino Stöver, ehemaliger Leiter des Instituts für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences, im Gespräch mit dem WDR. Und das mit Erfolg. In der Stadt hat sich die Drogen-Szene von der City an den Stadtrand verlagert.

Drei Einrichtungen in Zürich: Die Szene bleibt in Bewegung

Florian Meyer, Leiter Zürcher Modell

Florian Meyer, Leiter des Zürcher Modells in Zürich

In Zürich gibt es drei Einrichtungen für etwa 1.000 Süchtige. Sie öffnen und schließen nacheinander, sodass die Szene in Bewegung bleibt. Ruhetage gibt es nicht. Dass in den Einrichtungen der Handel mit kleinen Drogenmengen geduldet sei, nehme den Konsumenten den Beschaffungsdruck, sagte Florian Meyer, Leiter des Zürcher Modells, im vergangenen Jahr dem WDR.

Der Suchtforscher Heino Stöver berichtet von einem Container-Ensemble in Zürich. In den Containern finde Kleinsthandel und Konsum getrennt, aber innerhalb derselben Anlage statt: in einem der Container könne man handeln, in einem anderen konsumieren.

Ziel ist es, das ständige Kaufen und Verkaufen, das den Kern der offenen Szene bilde, aus dem öffentlichen Raum herauszunehmen und in Hilfestrukturen einzubinden, so der Suchtforscher. Es gehe dabei nicht um organisierten Drogenhandel, betont Stöver. Das bestätigte auch Meyer: Beim Handel von größeren Mengen würde man sofort die Polizei rufen.

Stöver: Konzept bindet Abhängige besser in Hilfestrukturen ein

Die bisherigen Erfahrungen mit dem Zürcher Modell bewertet Stöver positiv. Das Modell nehme Szenen aus dem öffentlichen Blickfeld und verbessere den Zugang der Abhängigen zu Beratung und Behandlung. Er ist überzeugt: "Grundsätzlich ist das in jeder Stadt machbar."

Unsere Quellen:

  • Offener Brief der Dortmunder Händler-Initiative City-Ring
  • WDR-Gespräch mit Suchtforscher Heino Stöver
  • Schweizer Bundesamt für Gesundheit
  • WDR-Gespräch mit Florian Meyer, Leiter des Zürcher Modells in Zürich
  • Suchtkooperation NRW: Übersicht zu Drogen-Konsumräumen

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 27.04.2026, 18:45 Uhr
Sendung: WDR.de, Drogenszene in den Innenstädten von NRW, 27.04.2026, 21.12 Uhr

Kommentare zum Thema

12 Kommentare

  • 12 Star 28.04.2026, 16:07 Uhr

    Ich bezweifele, das Krefeld und andere Städte das Zürcher Modell umgesetzt wird. Es sind zuviele kleine Drogenhändler und Konsumenten. Die Stadt Krefeld tut zum Beispiel nichts gegen die Kleinen Dealer und Konsumenten, die die gesamte Innenstadt belagern. Sie wollen nur die Großen. Die Bürger, die in der Innenstadt wohnen, werden mit dem Problem der Drogenszene im Stich gelassen.

  • 11 JP 28.04.2026, 12:59 Uhr

    Das vergleichsweise billige und heimtückische Fentanyl (als Heroin-Beimischung) erreicht, zwar (noch) recht langsam aber zunehmend, nun auch Europa und könnte den Crack-Boom evtl. ergänzen oder ersetzen; in DE z.B. schon in Berlin, Frankfurt und Hamburg aufgetaucht. In den USA, z.B. in Philadelphia, vergleicht man die sämtlicher Sinne beraubten Fentanyl-Opfer regelmäßig mit "Zombies"; auf YT findet sich dazu schockierendes Bildmaterial. Ergo: totaler und augenscheinlich irreparabler Kontrollverlust der US-Behörden. Bleibt nur zu hoffen, dass uns dies erspart bleibt!

  • 10 Peter 28.04.2026, 11:45 Uhr

    Der Kampf gegen "Alle" Drogen ist gescheitert, die Menschen benutzen Drogen seitdem es die Menschheit gibt. Sei es Alkohol, Cannabis, Kokain, verschiedene Kakteen oder Pilze. An sich kein Problem, die Strafverfolgung ist nämlich häufig die schlimmste Folge. Ich finde, so wie Hanf legal ist, sollten auch Pilze legalisiert werden. Vielleicht auch der Coca-Strauch. Aber solche Szenen wie in Dortmund oder Frankfurt sollten gar nicht erst entstehen. Wie man Herr der Lage wird, ich denke, das wird nichts, egal wie sehr gestraft wird. In Zürich scheint es ja zu funktionieren und man hat die Leute wenigstens von der Straße. Vielleicht ist es ja einen Test wert.

  • 9 Ragnar 28.04.2026, 11:44 Uhr

    Als die Schweiz die heroin Therapie eingeführt hat, ging die Kleinkriminalität in Monaten auf ein Minimum zurück. Dauerhaft hat sich die „Heroin-Szene“ so um ca 70% verkleinert. 30 Jahre später ist es wieder die Schweiz die vernünftigere Wege als überzogene Strafen sucht. Allerdings ist das Genfer Model das die nächsten Wochen startet, dem Züricher überlegen, da nicht kriminelle Handlungen teils geduldet werden, sondern Die Kokain-HCL direkt vom Staat an schwerst Süchtige zur Substitution angegeben wird, damit diese es in einem Raum vor Ort konsumieren können. So wird der Konsum und die Beschaffung aus der Öffentlichkeit genommen und die folgende Beschaffungskriminalität findet auch nicht mehr statt. Aber man kann natürlich auch Menschen, die entweder die Thematik nicht verstehen oder wegen ihrer politischen Einstellung einfach die wissenschaftlichen Datenlage ignorieren, in die Gremien und an die Stellen setzten die dann die Entscheidungen für zehn Tausende kranker Menschen treffen

  • 8 Andre Schäfer 28.04.2026, 06:14 Uhr

    Deutschland ist, wenn Drogensüchtige verfolgt und für ihre Abhängigkeit betraft werden, während mit Drogen handelnden das Köpfchen getätschelt wird. Ist genau wie mit den Rauchern, denen man einredet, ihr Griff zur Zigarette sei nur eine dumme Angewohnheit, damit man sie steuerlich schön melken kann, statt das Nikotin genauso vom Markt zu nehmen, wie andere Kreberregende Substanzen, z.B. Asbest oder Benzol. Drogenhandel gehört rigoros verfolgt und drakonisch bestraft, ohne die Möglichkeit sich durch zig Instanzen zu klagen. Wer Drogen verkauft gehört pauschal 10 Jahre weg geschlossen; wer Drogen an Kinder verteilt / verkauft sollte sein ganzes Leben lang nur noch gesiebte Luft atmen! Besser noch: Setzt sie vorher auf ihr eigenes Zeug, bevor ihr sie wegschließt. Sollen sie Trip und Entzug gerne mal am eigenen Körper spüren. Und was die Gefängnisse angeht: Gern nach japanischem Vorbild. Und nein, @FDP, Drogenhändler kurbeln die Wirtschaft nicht an!

    Antworten (1)
    • Zum Glück sind wir in Deu 28.04.2026, 11:31 Uhr

      Es gibt immer unsachliche Kommentare, der Kommentar oben ist aber an Unsachlichkeit und Falschbehauptungen kaum zu überbieten. Dazu kommt noch die totale Menschenverachtung. Andre Schäfer, deine Ansichten sind widerlich und menschenverachtend. ". Wer Drogen verkauft gehört pauschal 10 Jahre weg geschlossen; wer Drogen an Kinder verteilt / verkauft sollte sein ganzes Leben lang nur noch gesiebte Luft atmen! " Nein, das ist nicht so. "Setzt sie vorher auf ihr eigenes Zeug, bevor ihr sie wegschließt. Sollen sie Trip und Entzug gerne mal am eigenen Körper spüren. " Zum Glück leben wir in Deutschland, wo solche asozialen und menschenverachtenden Dinge nicht Staatsauftrag sind.

  • 7 Nina 28.04.2026, 05:48 Uhr

    Hauptsache, die ersten beiden der vier Punkte werden nicht vernachlässigt. Prävention sollte früh anfangen. Kleinkinder, die vor digitalen Geräten "geparkt" werden, damit sie ruhig sind, können bereits in suchtartige Strukturen geraten, lange bevor Drogen überhaupt ein Thema sind. Prävention betrifft alle Bereiche, eine Schulstunde Drogenprävention reicht da nicht aus.

  • 6 Sandra 28.04.2026, 04:21 Uhr

    Dann sieht man die junge Generation nicht nur Kiffent an jeder Straßenecke stehen 🙈

    Antworten (1)
    • Peter 28.04.2026, 16:03 Uhr

      "Die junge Generation" Aha

  • 5 Egon Schulz 28.04.2026, 00:25 Uhr

    Ich frage mich bei diesem Thema immer, was die Ursache für Drogensucht ist. Ja, es sind wohl haltlose Menschen. Aber warum sind sie haltlos? Kindheit etc. Der Ansatz, um aus diesem Dilemma herauszukommen, ist nach meiner Meinung Bildung. Sie macht sensibel und sorgt für das Verstehen von Situationen und Zusammenhängen, schafft Erkenntnis und damit Kompetenz, Probleme zu hinterfragen. Ich will hier keinen Roman schreiben. Aber eins steht fest: Wir haben bei der Bildung in den letzten Jahren, es geht um mehr als zehn, gespart. Das ist fatal. Je mehr hier investiert wird, desto weniger haben wir sogenannte bildungsferne Familien = selbstbewusste Menschen, die nicht so leicht in den Abgrund rutschen.

    Antworten (1)
    • Peter 28.04.2026, 11:50 Uhr

      " Der Ansatz, um aus diesem Dilemma herauszukommen, ist nach meiner Meinung Bildung. " Es ist definitiv nicht DER Ansatz. Es ist nur einer von wahrschenlich sehr vielen. Denn das Problem mit den Drogen kommt nicht durch (fehlende) Bildung, es gibt Abhängige aus allen Bildungsschichten, aus allen möglichen Berufen, aus allen Arten von Elternhaus, reich, arm, arbeitslos, Arzt, Pilot, Krankenpfleger, Reinigungspersonal, Taxifahrer, Packhilfe, Ingenieur.....

  • 4 Arnold 27.04.2026, 21:58 Uhr

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  • 3 Arno Nym 27.04.2026, 21:28 Uhr

    Wie toll ein liberaler Umgang mit Drogen funktioniert, kann man an Beispielen aus dem nordamerikanischen Raum sehen. Vancouver, Portland, Seattle, Kensington und andere haben das vorexerziert. Die YouTube-Videos über die Folgen kann man bestaunen.

    Antworten (2)
    • Peter 28.04.2026, 11:54 Uhr

      Der "War on Drugs", also der Krieg gegen Drogen ist ebenfalls massiv gescheitert.

    • Nina Bergmann 28.04.2026, 16:51 Uhr

      Dass es sehr gut funktioniert, sieht man in Zürich ;) Man sollte es vielleicht unterlassen, absichtlich nur Negativbeispiele zu erwähnen, noch dazu, wenn ein Negativbeispiel die USA ist. Nicht alles, was woanders gut oder schlecht funktioniert lässt sich 1 zu 1 auch auf andere Länder oder Kontinente übertragen. So seien einmal Brunnen als Beispiel genannt. Während diese in vielen afrikanischen Staaten sehr sinnvoll sein können, wären sie in wahrscheinlich den meisten europäischen eher unsinnig.

  • 2 Johann Moritz 27.04.2026, 21:18 Uhr

    Keine gute Idee. Und auch ein Widerspruch zum im Bericht aufgelisteten Viersäulenmodell, in dem es ausdrücklich heißt "Keine Verfolgung von Konsumierenden, sondern Bekämpfung von Verbrechen (Verkauf von Drogen)". Auch der Verkauf geringster Mengen von Drogen erhöht den Gewinn für die Dealer und Hersteller, zerstört Leben und vergrößert die Gefahr, daß Kinder und Jugendliche angefixt werden. Stattdessen harte Verfolgung und Bestrafung von Verkäufern, Importeuren und Herstellern. Drogenhandel darf nicht toleriert werden, nicht mal bei homöopatischen Mengen. Den Konsumenten muß geholfen werden, aber doch nicht durch Verlängerung der Abhängigkeit, sondern durch eine Therapie!

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