Proteste gegen Suchthilfezentrum in Köln | Aktuelle Stunde
01:31 Min.. Verfügbar bis 31.01.2028.
Die offenen Drogenszenen in den Innenstädten von NRW haben sich verändert. Das liegt vor allem am stark gestiegenen Konsum von Crack. Oft reichen die bestehenden Hilfsangebote dafür nicht mehr aus - wie zum Beispiel in Köln. Dort soll im Pantaleonsviertel deshalb ein Suchthilfezentrum entstehen.
Der Kölner Stadtrat will am Donnerstag erste Entscheidungen zum Standort treffen. Bereits am Samstag protestierten rund 1.000 Menschen gegen dieses Vorhaben. So kritisieren sie, dass das Projekt über die Köpfe der Bewohnerinnen und Bewohner hinweg geplant wurde. Außerdem sei das Konzept zur Umsetzung nicht ausgereift.
Einschätzungen zur aktuellen Drogenproblematik
Die Frage, mit welchem Konzept man das Drogenproblem lösen kann, beschäftigt auch den Suchtforscher Daniel Deimel aus Köln. Er ist Professor für Gesundheitsförderung und Prävention an der Technischen Hochschule Nürnberg. Er ist außerdem Gastwissenschaftler am LVR-Klinikum Essen.
Deimel sprach am Samstag mit dem WDR über seine Einschätzungen zu drei zentralen Fragen der Drogenproblematik in Nordrhein-Westfalen:
Wie ist die Suchthilfe in NRW aufgestellt?
"Wir haben in NRW nicht bestimmte, aufeinander abgestimmte Konzepte", sagte Suchtforscher Daniel Deimel. "Es gibt aber Angebote der kommunalen Sucht-Hilfen, die unterschiedlich ausgestattet sind." Das seien in der Regel Anlaufstellen für Menschen, die sich in der offenen Drogenszene aufhalten. "Dort werden zum Beispiel sterile Spritzen, warmes Essen und Kleider herausgegeben." Auch sozialarbeiterische Beratung werde geleistet. "Das ist wie ein Kontakt-Café, wo man Unterstützung bekommt."
Suchtforscher Daniel Deimel
In einigen NRW-Städten gebe es auch Drogenkonsum-Räume, in denen Menschen unter medizinischer Aufsicht selbst mitgebrachte Drogen konsumieren können. Im Drogennotfall werde auch Erste Hilfe geleistet. "Diese zentralen Einrichtungen gibt es nicht in allen Bundesländern." Aber in NRW sei der Betrieb solcher Räume grundsätzlich möglich. Es gebe sie zum Beispiel in Düsseldorf, Köln, Essen, Dortmund, aber auch in Troisdorf und Bonn.
Wie können Lösungsansätze aussehen?
"Durch das Aufkommen von Crack haben viele Städte in NRW gleiche Probleme", sagte Professor Deimel. Bisher sei in fast allen offenen Drogenszenen Heroin "die leitende Substanz" und die Hilfe auf heroinkonsumierende Menschen ausgerichtet gewesen. "Da muss jetzt nachgesteuert werden." Das Problem dabei: Bei Opioiden gebe es Ersatzstoffe, bei Heroin sei das häufig Methadon oder Buprenorphin. "Aber bei Crack, das aus Kokain hergestellt wird, ist das nicht der Fall."
"Wir haben für Crack-Konsumenten keine medikamentöse Behandlung, die wir anbieten können." Das habe Folgen für die Suchthilfe. Ein "Puzzlestück" zur Auflösung von offenen Drogenszenen sei der Aufbau von Einrichtungen, in denen der "Mikrohandel" von Crack zwischen den Konsumenten toleriert werde. "Dadurch kommen die Menschen von der Straße." Diese Überlegung orientiere sich am Zürcher Modell, das in der Schweiz mit Erfolg angewandt werde. "Dieses Modell wird unter anderem gerade in Köln diskutiert", so Deimel.
Das Zürcher Modell basiert auf einer Vier-Säulen-Politik:
- Prävention: Abhängigkeiten durch Aufklärung und Sensibilisierung verhindern
- Therapie: Suchtmedizinische und psychiatrische Versorgung
- Schadensminderung: Negative Folgen für Konsumierende und Gesellschaft reduzieren
- Repression/Regulierung: Keine Verfolgung von Konsumierenden, sondern Bekämpfung von Verbrechen (Verkauf von Drogen)
Ist das Zürcher Modell auf NRW übertragbar?
"Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind in Zürich nicht viel anders als in Deutschland", sagte Deimel. Von daher lasse sich das Schweizer Modell rechtlich durchaus übertragen. "In Zürich gibt es eine Übereinkunft zwischen Polizei, Staatsanwaltschaft und Stadt, dass den Mikrohandel in einer solchen Einrichtung toleriert wird." Außerhalb der Einrichtung gelte hingegen eine Nulltoleranz-Grenze für Drogenhandel. "Das macht den Aufenthalt für Drogenabhängige in den drei städtischen Einrichtungen attraktiv."
Allerdings sei das Zürcher Modell "nicht wie eine Blaupause" auf NRW übertragbar. Die Lage in den einzelnen Kommunen im Land müsse jeweils differenziert betrachtet werden. Auch seien Einrichtungen mit "Mikrohandel" nur ein Mosaikstein. "Parallel muss ein Konzept gegen Obdachlosigkeit auf den Tisch." Denn Obdachlose seien anfällig, Crack-Konsumenten zu werden. Außerdem müsse viel Geld in die Hand genommen werden: "Eine offene Drogenszene ist kein Naturphänomen, man kann das lösen. Aber es ist sehr aufwendig und teuer."
Unsere Quelle:
- WDR-Gespräch mit Professor Daniel Deimel
- Vier-Säulen-Politik des Zürcher Modells
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 31.01.2026, 18.45 Uhr
