Illustration: Schere zwischen Arm und Reich

Ungerecht? So groß ist die Schere zwischen Arm und Reich in NRW

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Nur jeder dritte Deutsche findet, dass es in Deutschland gerecht zugeht. Was die Gründe dafür sind und wie es in NRW aussieht.

Von Lukian Ahrens

Am 20. Februar war der Internationale Tag der sozialen Gerechtigkeit - doch genau diese vermissen viele Menschen in Deutschland. Das zeigt der ARD-Deutschlandtrend vom Februar 2026. Aktuell ist nur jeder dritte Deutsche der Meinung, es gehe hier eher gerecht zu. Für 62 Prozent geht es dagegen eher ungerecht zu. Größer war das Ungerechtigkeitsempfinden der Deutschen zuletzt im September 2008 mit 64 Prozent, auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise.

Für 35 Prozent der Befragten resultiert die Ungerechtigkeit aus den großen sozialen Unterschieden und der Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland - ein Zuwachs um 13 Prozent im Vergleich zum Deutschlandtrend im Juli 2025.

"Für mich ist es erst einmal wenig verwunderlich", sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW). "Wir haben aktuell Diskussionen rund um die Reform der Erbschafts- und Schenkungssteuer." Hinzu kämen die Debatten darüber, ob die Deutschen zu oft krank seien und eigentlich mehr arbeiten müssten. Dass es da ein hohes Ungerechtigkeitsempfinden gibt, sei keine Überraschung, so Grabka.

Dieses Empfinden der Menschen lässt sich auch mit verschiedenen Daten untermauern. Aber welche Erhebungen sind entscheidend und wie müssen sie interpretiert werden? Geht die Schere zwischen Arm und Reich tatsächlich immer weiter auseinander? Wie steht es um die Einkommens- und Vermögensverteilung? Zahlen und Einschätzungen.

Was ist die Schere zwischen Arm und Reich?

Markus Grabka

Markus Grabka, Forscher am DIW

"Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Schere zwischen Arm und Reich kein feststehender Begriff ist", sagt Grabka. Beim DIW forscht er unter anderem zu den Themen Einkommens- und Vermögensverteilung, Ungleichheit und Sozialpolitik.

Die Bevölkerung könne durchaus sehr unterschiedliche Aspekte im Kopf haben. "Zum Beispiel Unterschiede zwischen Lohngruppen, Unterschiede beim Haushaltsnettoeinkommen oder auch nennenswerte Unterschiede bei den privaten Vermögen." Laut Grabka ist es daher gar nicht so einfach, einzuschätzen, wo bei der Bevölkerung aktuell der Schuh drückt, da die Zahlen teilweise sehr unterschiedlich aussehen.

Ungerecht? So groß ist die Schere zwischen Arm und Reich in NRW

WDR Studios NRW 20.02.2026 03:16 Min. Verfügbar bis 20.02.2028 WDR Online

Zuwachs an Einkommensmillionären in NRW

Es gibt zahlreiche Daten und Erhebungen, die das soziale Gefüge in Deutschland und NRW abbilden. Zahlen zur Einkommens- und Vermögensverteilung, zur Armutsgefährdung und zum wachsenden Reichtum.

Schaut man sich zum Beispiel die Entwicklung der Einkommensmillionäre in NRW an, dann ist ein deutlicher Anstieg in den letzten Jahren zu erkennen. Gab es 2013 noch 4.264 Einkommensmillionäre in NRW, waren es 2021 bereits 7.871. Einen besonders kräftigen Anstieg gab es von 2020 auf 2021 um mehr als 20 Prozent.

Die Zahlen beruhen auf den Ergebnissen der Lohn- und Einkommensteuerstatistik 2021. Neuere Daten ab 2022 gibt es für NRW bislang nicht, "weil die anonymisierten Steuerdaten von den Finanzbehörden erst nach Abschluss aller Veranlagungsarbeiten für statistische Auswertungen zur Verfügung gestellt werden", wie das Statistische Landesamt auf WDR-Nachfrage mitteilt.

Armut in NRW in den vergangenen Jahren leicht gestiegen

Aktuellere Zahlen gibt es dafür zur Armutsgefährdung. So kann beobachtet werden, dass die Quote der über 66-Jährigen, die in NRW Grundsicherung beziehen, in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Während sie im Jahr 2015 noch bei 4,1 Prozent lag, kletterte sie bis 2024 auf 5,3 Prozent. Ein Indiz dafür, dass die Gefahr der Altersarmut in NRW gestiegen ist.

Ein ähnliches Bild zeichnet die Armutsgefährdungsquote - eine Zahl, die den Anteil der Menschen zeigt, "die weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltsnettoeinkommens zur Verfügung haben", so Grabka. In den letzten zehn Jahren ist die Armutsgefährdungsquote in NRW leicht gestiegen. 2014 lag sie bei 16,2 Prozent, 2024 bei 17,8. Damit waren 2024 in NRW insgesamt 3,2 Millionen Menschen armutsgefährdet. Im gleichen Zeitraum stieg die Armutsgefährdungsschwelle, die das monatliche Nettoeinkommen darstellt, bei dessen Unterschreitung man als armutsgefährdet gilt, von 895 Euro auf 1.290 Euro.

Menschen unter 25 und über 65 Jahren sind in NRW laut Zahlen des Statistischen Landesamts im Übrigen besonders von Armut betroffen. Dazu ist die Armutsgefährdung bei Frauen höher als bei Männern.

Laut Grabka sei der Anstieg der Armutsgefährdung in NRW allerdings nicht verwunderlich, "weil wir seit 2010 über sechs Millionen Personen in Deutschland haben, die aus dem Ausland zugewandert sind." Das seien Menschen, die nicht sofort in eine gut bezahlte Vollzeittätigkeit einsteigen könnten. Zudem müsse man anmerken, "dass in den letzten zwei Jahren wieder ein leichter Rückgang festzustellen ist", so Grabka.

Judith Niehues

Judith Niehues, Verteilungsforscherin am IW Köln

Judith Niehues vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) kommt zu einer ähnlichen Einordnung. Auch laut der Verteilungsforscherin kann der leichte Anstieg der Armutsgefährdungsquote an der veränderten Zusammensetzung der Bevölkerung festgemacht werden.

Ein weiterer Grund sei, "dass in NRW viele Menschen in großen Städten leben, wo die Ungleichheit oder soziale Unterschiede häufig größer ausgeprägt sind." Allerdings könne der leichte Anstieg der Armutsgefährdungsquote das aktuelle Ungerechtigkeitsempfinden kaum erklären, so Niehues.

Einkommensverteilung: Wie gerecht ist NRW?

Doch vielleicht gibt die Einkommensverteilung in NRW einen Aufschluss darüber, warum das Ungerechtigkeitsempfinden aktuell so groß ist. Schaut man sich die Entwicklung des monatlichen Nettoeinkommens der unteren zehn Prozent in NRW an, dann fällt auf, dass es in den letzten Jahren in dieser Einkommensgruppe nur einen leichten Anstieg gab. Laut Zahlen des NRW-Arbeitsministeriums lag das gewichtete Pro-Kopf-Einkommen 2014 bei der Obergrenze der unteren zehn Prozent bei 777 Euro - 2024 bei 1.035.

Im gleichen Zeitraum gab es bei den oberen zehn Prozent einen größeren Anstieg. 2014 lag das Pro-Kopf-Einkommen bei der Untergrenze der oberen zehn Prozent bei 2.842 Euro - 2024 bei 4.048. Setzt man die Werte ins Verhältnis, dann verdiente 2014 der Ärmste der oberen zehn Prozent in NRW 3,66-mal so viel im Monat wie der Reichste der unteren zehn Prozent. 2024 war es 3,91-mal so viel.

Auch der Gini-Koeffizient - benannt nach dem italienischen Statistiker Corrad Gini - ist ein statistisches Maß, das die Ungleichheit von Einkommens- und Vermögensverteilungen innerhalb der Bevölkerung darstellt. Es kann einen Wert zwischen Null und Eins annehmen. Im Falle der Gleichverteilung ergibt sich für den Gini-Koeffizienten ein Wert von Null und im Falle der Konzentration des gesamten Einkommens auf nur eine Person ein Wert von 1.

Bei der Einkommensverteilung lag dieser Wert in NRW in den letzten zehn Jahren relativ stabil bei 0,3. 2021 stieg er auf 0,32 an und lag 2023 bei 0,31. Damit liegt NRW leicht über dem Bundesdurchschnitt von 0,3.

"Das ist sicherlich nicht ideal, aber zumindest auch nicht besonders dramatisch", sagt Markus Grabka dazu. Auch laut Judith Niehues liegen Deutschland und NRW mit diesem Wert ungefähr im europäischen Mittelfeld. "Es gibt einige Länder, wie beispielsweise die skandinavischen oder auch osteuropäische Länder, die eine geringere Ungleichheit aufweisen, aber auch Länder mit höherer Ungleichheit." Ein ähnliches Niveau bei der Ungleichheit in Bezug aufs Einkommen gäbe es in Frankreich, so Niehues.

Große Ungleichheit bei der Vermögensverteilung

"Anders ist die Lage bei den privaten Vermögen, weil wir dort eine sehr starke Konzentration des Vermögens auf weniger Personen oder Haushalte haben", sagt Grabka. Das zeigt auch eine neue Studie des DIW im Auftrag der Linken, in der zu den vorhandenen Daten Schätzungen zu den Top-Vermögen in Deutschland mit einberechnet wurden. Demnach besitzen 2026 die oberen zehn Prozent in Deutschland fast 70 Prozent des Gesamtvermögens, die untere Hälfte gerade einmal ein bisschen mehr als ein Prozent. Aktuelle Zahlen zur Vermögensverteilung in NRW gibt es nicht.

Nach diesen Daten läge der Gini-Koeffizient in Deutschland bei 0,81 - andere Erhebungen kommen auf einen Wert von 0,77. Laut Grabka müssen solche Erhebungen zwar immer ein bisschen mit Vorsicht betrachtet werden. "Aber trotz alledem: Unsere Zahlen zeigen immer wieder, dass die obersten ein Prozent mehr als ein Drittel des gesamten Privatvermögens halten. Und das ist auch im internationalen Vergleich ein sehr hoher Wert."

Ein weiteres Problem sind die Erbschaften in Deutschland, die die Vermögensungleichheit noch zementieren. Laut einer DIW-Studie von 2021 gehen die Hälfte aller Erbschaften in Deutschland an die obersten zehn Prozent, die anderen 90 Prozent teilen sich die verbleibende Hälfte. "Schätzungsweise die Hälfte der Privatvermögen dürfte inzwischen geerbt und nicht selbst erarbeitet sein", so das DIW. Laut Statistischem Bundesamt wurden 2024 insgesamt 113,2 Milliarden Euro in Deutschland vererbt oder verschenkt - davon fielen 13,3 Milliarden Euro an Erbschafts- und Schenkungssteuer an.

Inflation zurückgegangen, aber Nahrungsmittel weiter teuer

Das Ungerechtigkeitsempfinden der Deutschen könnte also an der hohen Ungleichheit bei der Vermögensverteilung liegen. Laut Niehues haben sich die Verteilungsindikatoren allerdings nicht so entwickelt, dass sie den Anstieg im Ungerechtigkeitsempfinden erklären könnten.

"Dass der Wert aktuell so einen deutlichen Höchststand erreicht, ist insofern überraschend, da es gerade nach den Jahren mit hoher Inflation zuletzt für viele Menschen auch wieder Reallohnzuwächse und auch Kaufkraftsteigerungen gegeben hat." Judith Niehues, Institut der deutschen Wirtschaft

Die Inflationsrate zeigt die Veränderung der Verbraucherpreise im Vergleich zum Vormonat oder Vorjahr an. Tatsächlich hat sich die hohe Inflation der Jahre 2022 und 2023 nicht fortgesetzt. Im Januar 2026 lag sie im Vergleich zum Vorjahresmonat bei 2,1 Prozent. Während die Energiepreise zurückgingen, verteuerten sich jedoch die Nahrungsmittel, was im Alltag schnell sichtbar wird.

Im Vergleich zum Januar 2025 mussten die Verbraucher vor allem für Süßwaren (+10,9%), Obst (8,3%) und Fleisch (+4,9%) spürbar mehr bezahlen. Deutlich günstiger wurden hingegen Butter (-33%) und Olivenöl (-13,5%). Den größten Preisanstieg gab es bei Eiern mit 12,5 Prozent.

Auch die Mieten sind im vergangenen Jahr stärker gestiegen als die allgemeine Inflation. Wie das IW Ende Januar mitteilte, lagen die Neuvertragsmieten im vierten Quartal 2025 bundesweit 4,1 Prozent über dem Vorjahreswert. Den größten Anstieg verzeichnete dem IW zufolge Köln mit einem Plus von 7,6 Prozent.

Aktuelle Debatten beeinflussen das Ungerechtigkeitsempfinden

"Das hohe Ungerechtigkeitsempfinden kann natürlich auch damit zusammenhängen, dass bestimmte Aspekte der Verteilung gerade sehr stark thematisiert werden und damit ins Bewusstsein der Menschen rücken", sagt Niehues.

Auch Grabka glaubt, dass die Gerechtigkeitswahrnehmung der Bevölkerung mit den aktuellen Debatten rund um den Sozialstaat zusammenhängt.

"Wir haben jetzt aktuell diese Sozialstaatsdiskussion im weiteren Sinne, die vor allem geprägt ist durch Stichwörter wie 'Lifestyle-Teilzeit' oder auch die Ankündigung, dass soziale Errungenschaften wie der Zahnersatz als Leistung in der gesetzlichen Krankenversicherung zur Disposition gestellt wird." Markus Grabka, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Wie wird es in Deutschland wieder gerecht?

Was kann die Politik also tun, damit wieder mehr Menschen in Deutschland das Gefühl haben, dass es hier gerecht zugeht? Judith Niehues glaubt, dass es in der politischen Debatte zwar wichtig wäre, auf bestehende Probleme hinzuweisen, aber gleichzeitig auch die positiven Entwicklungen der letzten Jahre zu benennen. Das sei entscheidend, damit sich die Unzufriedenheit in der Bevölkerung nicht verfestige, "was der tatsächlichen Lage in dem Ausmaß vielleicht gar nicht gerecht wird."

Laut Markus Grabka braucht es vor allem ein kräftiges Wirtschaftswachstum, damit die realen Einkommen in allen Bevölkerungsschichten wieder steigen. Denn dann sei das Ungerechtigkeitsempfinden weniger ein Problem der Schere zwischen Arm und Reich, "sondern es ist dann viel mehr ein Thema, dass tatsächlich möglichst alle am wirtschaftlichen Aufschwung partizipieren."

Unsere Quellen:

Sendung: WDR.de, Ungerecht? So groß ist die Schere zwischen Arm und Reich in NRW, 20.02.2026, 06:00 Uhr

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