Fleischerei aus Jülich geht beim Fachkräftemangel ungewöhnlichen Weg
WDR. 05:54 Min.. Verfügbar bis 24.04.2028.
Morgens, 7:30 Uhr, in der Fleischerei Claßen in Jülich. Wurst schneiden, alles schön in der Theke anrichten: Die 21-jährige Ly hilft bei den letzten Vorbereitungen, bevor der Laden öffnet. Sie ist eine der vier vietnamesischen Auszubildenden im Betrieb. "Ich bin nach Deutschland gekommen, um hier eine Ausbildung zu machen, viele Erfahrungen zu sammeln, eine neue Kultur kennenzulernen und meine Deutschkenntnisse zu verbessern", erzählt sie fröhlich.
Kaum Bewerbungen: Betrieb geht neuen Weg
Ihr Chef ist Fleischermeister Simon Claßen. Der 33-Jährige hat den Familienbetrieb vor fünf Jahren übernommen. Immer wieder suchte er händeringend nach Personal.
Bewerbungen bekam er, wie viele Handwerksbetriebe, schon länger nicht mehr. Die Suche per Zeitungsinserat oder im Internet klappte auch nicht so richtig. Irgendwann war Claßen klar: er muss neue Wege gehen.
"Wenn wir wirklich unsere Zukunft planen wollen, dann müssen wir selbst ausbilden." Simon Claßen, Fleischermeister
Kontakt über Sprachschulen in Vietnam
Auszubildende Ly bei der Arbeit
Über Kollegen hörte er von der Agentur V-Unite, die Azubis aus Vietnam vermittelt. Das deutsch-vietnamesische Ausbildungsprogramm wurde Anfang 2022 unter anderem in Kooperation mit dem Dehoga-Bayern-Verband ins Leben gerufen. Die jungen Leute lernen zuhause an einer Sprachschule Deutsch und bereiten sich gezielt auf ein Leben in Deutschland vor.
Lys Eltern haben viel Geld gespart, um ihr das zu ermöglichen. Etwa 6.000 Euro kommen für Sprachschule, Agentur und Flug zusammen. Doch eine Ausbildung in Deutschland ist eine echte Chance. In Vietnam ist die Jugendarbeitslosigkeit hoch. Gute Jobs sind knapp. Viele verdienen im Monat nur ein paar hundert Euro.
Vier Auszubildende im Betrieb
Hieu war vor zwei Jahren der erste Vietnamese, der in die Fleischerei nach Jülich gekommen ist. Seit einer Woche macht auch Tuan eine Ausbildung zum Metzger. Gearbeitet wird viel mit den Händen - das hilft am Anfang, sagt Simon Claßen. "Die kommen hierher und können erst mal zuschauen, sich das bei den anderen abgucken und die Sprache wächst dann mit der Zeit. Wenn die Ersten schon hier sind, können die das auch auf Vietnamesisch übersetzen, wenn da mal was unklar ist. So werden wir immer mehr ein eingespieltes Team."
Neuer Alltag weit weg von zuhause
Auszubildende Lynh mit ihrer Chefin Nina Hamm
Die 22-jährige Linh kam im vergangenen März zusammen mit Ly. Die beiden sind quasi unzertrennlich. Sie wohnen in einer WG und verbringen auch ihre Freizeit zusammen. Ein neuer Alltag - weit weg von zuhause. Das ist nicht immer einfach, sagt Linh. "Ich vermisse meine Familie. Es ist schon was besser, aber ich vermisse sie immer."
Und auch im Job läuft nicht alles sofort reibungslos. "Manchmal habe ich das Problem: Wenn die Kunden sprechen, verstehe ich nicht immer alles. Aber meine Kollegen helfen mir dann. Mein Chef und meine Chefin sind sehr nett und haben mich aufgenommen wie ein Familienmitglied."
Gelungene Integration
Am Ende sind alle mit der Situation sehr glücklich. "Wir können es eigentlich nur jedem Betrieb raten, diesen Schritt zu gehen. Am Anfang ist es nicht einfach, wenn die ersten oder zwei kommen, die wirklich noch eine größere Sprachbarriere haben, aber auf lange Sicht ist das einfach toll", zieht Simon Claßen Bilanz.
Perspektive für die Zukunft
Hilfe und gegenseitiges Verständnis im Alltag - und es funktioniert. Ly arbeitet inzwischen am liebsten im Verkauf. Die Kunden mögen sie. Und sie kann sich gut vorstellen, auch nach der Ausbildung im Betrieb zu bleiben.
Anfang Juni bekommt die Fleischerei Claßen den Integrationspreis Handwerk NRW verliehen. Der würdigt Betriebe, die sich vorbildlich für die berufliche und soziale Integration von Menschen mit Einwanderungsgeschichte einsetzen.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen und Gespräche der WDR-Reporterin vor Ort
- Handwerkskammer NRW
- V-Unite
Sendung: WDR 5, Westblick, 23.04.2026, 17:45 Uhr
