Eierkrise in NRW

Aktuelle Stunde 19.02.2026 16:35 Min. UT Verfügbar bis 19.02.2028 WDR Von Lukas Grünig

In NRW werden nicht genug Eier gelegt

Stand:

NRW hat zu wenig Eier. Nur etwa jedes dritte hier verspeiste Ei wurde auch hier gelegt. Das liegt nicht allein am wachsenden Appetit auf Eier. Die Halter von Legehennen schlagen Alarm. Sie fühlen sich von Behörden ausgebremst und von der Politik allein gelassen.

Dietrich Vriesen ist es herzlich egal, was zuerst da war: das Huhn oder das Ei. Den Chef des Vriesen-Hofs machen ganz andere Dinge Kopfzerbrechen. "Die Probleme sind gerade richtig groß, weil wir eine Wahnsinns-Eierknappheit haben", sorgt sich der Chef von 200.000 Legehennen. "Weil der Verbrauch so steigt und keine Genehmigungen erteilt werden für weitere Legehennenställe."

Hunger auf Eier wächst

Vriesenhof Bocholt - Packstation des Vriesenhof

Packstation des Vriesenhof

Seine Vögel tummeln sich in ihren Volieren auf dem Vriesen-Hof in Bocholt. Über eine Million Eier legen sie - pro Woche. Doch trotz dieser gewaltigen Menge kommt Vriesen seit vergangenem Oktober der Nachfrage in den Supermärkten nicht mehr nach. Während die Hürden für die Produktion steigen, wächst der Hunger nach Eiern in NRW pro Kopf pro Jahr:

"2011 lagen wir bei 212 Eiern und heute liegen wir bei 253 bis 257 Eiern pro Nase im Jahr." Dietrich Vriesen, Legehennenhalter

Für jedes einzelne Ei, das pro Kopf und Jahr mehr verzehrt wird, braucht es rund 280.000 zusätzliche Legehennen, so der Verband mein-ei.nrw, dem Dietrich Vriesen vorsteht. Nordrhein-Westfalen mit seinen vielen Einwohnern konnte sich seit jeher nicht selbst mit Eiern versorgen. Schon lange muss aus den Nachbarländern zugekauft werden. Doch so kritisch wie jetzt sei es noch nie gewesen, sagt Vriesen.

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Bundesgesetz bremst Tierwohl-Pläne aus

Im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung steht klipp und klar, dass mehr Tierwohl gefördert werden soll. Gern würden Vriesen und seine Kollegen viele Sachen umsetzen. Aber das Baugesetzbuch des Bundes bremst aus ihrer Sicht die nötigen Baugenehmigungen für gewerbliche Betriebe aus.

Vriesenhof Bocholt

Vriesenhof Bocholt

Auch Vriesens Plänen steht das Baurecht im Weg. Er würde gern seine Hühner glücklicher machen, die veralteten Ställe fürs Tierwohl durch neue ersetzen. Mehr Platz, mehr Licht. "Oder einen Wintergarten", schwärmt er, " dass die Tiere auch eine Fläche haben, wo sie Tageslicht richtig genießen und da auch scharren können oder Staub-baden." Ob Baurecht oder der Emissionsschutz: Die Tierwohl-Vorgaben des Landes decken sich oft nicht mit dem, was der Bund erlaubt.

Geforderte Umrüstung geht oft technisch nicht

Auch Burkhard Brinkschulte stöhnt. Er bewirtschaftet einen Betrieb für Geflügelvermehrung in Senden. Seine Brüterei ist die letzte von früher elf in NRW. Das grundlegende Problem sei oft bei den Behörden zu suchen, sagt er.

Wir können bei Stallbauten anfangen. Bürokratie im Allgemeinen. Dann geht es über die überbordende Umweltgesetzgebung, die immer im Zwiespalt mit den Tieren steht – und die Politik unterstützt uns Null. Burkhard Brinkschulte, Kükenzüchter

Zum Beispiel beim Thema gute Luft. Die Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft, kurz TA Luft, verpflichtet gewerbliche Anlagen dazu, weniger Ammoniak- und Staub auszustoßen. Bestehende Ställe sollten eigentlich bis Ende des Jahres umrüsten. Technisch sei das oft aber gar nicht realisierbar. "Kleine Betriebe, die nicht unbedingt wirtschaftlich dauerhaft lebensfähig sind, werden unterstützt", beklagt Brinkschulte. "Wenn sie aber als mittlerer oder als größerer Betrieb etwas bauen wollen - Sie scheitern sofort. Aber in allen Disziplinen schlagartig."

Angesichts dieser Hürden kann Brinkschulte jeden Nachwuchs verstehen, wenn er die elterlichen Hof nicht übernehmen will. Der 55-jährige Münsterländer ist Vater einer Tochter. Immer mehr aus der Branche verlören die Lust, sagt er

Möglich sind oft nur B-Lösungen

"Sehr ärgerlich", findet das Hans Rühmling Chef der Geflügelvermehrung Friedrichsruh in Ostbevern. Er hält sehr viel von moderner Boden-, Freiland- und Biohaltung. Auch in seinem Familienbetrieb müssten Ställe dringend saniert werden. Am Besten sogar durch neue ersetzt, sagt Rühmling.

Hans Rühmling, Chef der Geflügelvermehrung Friedrichsruh

Hans Rühmling, Geflügelvermehrung Friedrichsruh

Seit Jahren spricht er regelmäßig bei den Behörden vor - vergeblich: "Fürs Tierwohl könnte ich viele Verbesserungen bringen", erklärt Rühmling. "Für den Arbeitsschutz, den Brandschutz. Aber durch die existierenden Regeln kann ich das nicht machen." Zwar könne er bei dem vorhandenen Gebäude bestimmte Änderungen vornehmen. "Aber das sind alles nur B-Lösungen, die viel Geld kosten aber die nicht das bringen, was eigentlich eine neue Investition bringen würde", sagt er.

Änderung der Landesbauordnung auf dem Weg

Das NRW-Landwirtschaftsministerium nehme die Sorgen der Branche ernst, sagt ein Sprecher dem WDR. Es gebe dringenden Handlungsbedarf bei den Fragen zum Baugesetzbuch und zur TA Luft. Und einiges sei bereits maßgeblich durch NRW angestoßen. So sei eine Änderung der Landesbauordnung auf dem Weg - damit auch Baugenehmigungen für Tierhaltungsanlagen beschleunigt werden.

Mehr Zeit zum Umrüsten bei Abluftfiltern

Das Land unterstütze einen Vorstoß im Bundesrat, um den Betrieben für die Nachrüstung von Abluftfiltern drei Jahre länger - bis Ende 2029 - Zeit zu geben. Gerade erst hätten sich alle Bundesländer einem Antrag von NRW und Bayern angeschlossen. Darin wird der Bund aufgefordert, verlässliche Rahmenbedingungen, Planungssicherheit und eine solide Finanzierung für den Umbau der Tierhaltung zu schaffen - um Hürden für Genehmigungen abzubauen und die betreffenden Gesetze praxistauglich zu überarbeiten.

Eier aus Region besonders gefragt

Allen ist klar, dass die Zeit drängt. Wenn immer mehr Tierhalter den Mut verlören, würden die Verbraucher in NRW das deutlich spüren, meint Charlotte Wilmes von der Landwirtschaftskammer NRW. "Die Konsequenz wäre, dass wir weniger regional produzierte Eier in den Supermärkten finden würden", sagt die Marktreferentin für Eier und Geflügel. "Und wir sehen gerade bei Eiern, dass Verbraucher einen hohen Wert auf Regionalität legen." Um die Regale für die begehrten regionalen Produkte in Ballungszentren weiter zu füllen, brauche es neben kleinen landwirtschaftlichen Betrieben auch die Großbetriebe.

NRW legt keine Eier mehr

WDR Studios NRW 19.02.2026 04:51 Min. Verfügbar bis 18.02.2028 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Verband mein-ei.nrw
  • NRW-Landwirtschaftsministerium
  • Interview mit Dietrich Vriesen, Vriesenhof
  • Interview mit Hans Rühmling, Geflügelvermehrung Friedrichsruh
  • Interview mit Burkhard Brinkschulte, Brüterei Gut Averfeld
  • Interview mit Charlotte Wilmes von der Landwirtschaftskammer NRW

Sendung: WDR.de ODER WDR 5 Morgenecho, 19.02.2026, 06.00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 19.02.2026, 12.45 Uhr

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