Bochumer Tafelgarten: Besonders Projekt für Langzeitarbeitslose
"Lass uns hier den Salat pikieren", sagt Miguel Mosdzen fachmännisch zu seinem Kollegen, "der ist schon so weit." Gemeinsam knien sich die beiden zwischen die Salatreihen und zupfen vorsichtig die Blätter samt Stängel und Wurzel aus dem weichen Boden. Später werden sie die Pflänzchen wenige Meter nebenan wieder ins Erdreich setzen. Sie brauchen mehr Platz und Licht, um weiter zu wachsen.
Das sogenannte Pikieren haben die beiden Männer erst vor Kurzem hier im Bochumer Tafelgarten gelernt. "Ich bin zwar schon als Kind in der Familie mit so etwas in Berührung gekommen, aber beruflich hatte ich Gemüseanbau nie auf dem Schirm", erzählt Mosdzen.
Was Miguel Mosdzen am Gemüseanbau gefällt
00:15 Min.. Verfügbar bis 02.11.2027.
Der Bochumer Tafelgarten ist ein außergewöhnliches Integrationsprojekt des Jobcenters für Langzeitarbeitslose. Laut Bundesagentur für Arbeit zählten in NRW im Jahr 2024 rund 305.000 Menschen zu dieser Gruppe. Das Gartenprojekt ist eine der sogenannten Arbeitsgelegenheiten (AGH) für sie, auch als Zwei-Euro-Jobs bekannt.
50 verschiedene AGHs fördert alleine das Bochumer Jobcenter, von der Tätigkeit als Radweg-Ranger über das Sozialkaufhaus bis hin zur Aufsicht im Museum. "Arbeitsgelegenheiten sind ein bewusst niedrigschwelliges Angebot und sollen die Menschen ermutigen, sich auf den Weg zu machen", sagt Johannes Rohleder vom Bochumer Jobcenter. "Dafür ist es wichtig, dass die Arbeit zu den Menschen passt."
Langzeitarbeitslose im Einsatz für Bedürftige
Gebeugt über Pflanzen mit großen, grünen Blättern, sucht Mosdzen nach Zucchinis und rupft sie ab. Der 32-Jährige ist gelernter Industriemechaniker, war in seinem früheren Job aber unglücklich. Auf dem Acker in Bochum kämpft er sich aus einem langen psychischen Tief heraus. Die Idee, im Tafelgarten zu arbeiten, kam im Laufe seiner Therapie. "Es ist sehr schön, das Ergebnis der eigenen Arbeit zu sehen. Säen, gießen, pflegen und am Ende ernten. Früher habe ich nie erlebt, was aus meiner Arbeit am Ende wirklich geworden ist."
Im Bochumer Tafelgarten wächst nicht nur Gemüse, sondern auch Hoffnung
Das geerntete Gemüse wird später von der Tafel an bedürftige Menschen verteilt. Allein drei Tonnen Kartoffeln haben sie auf dem kleinen Stück Land in diesem Jahr geerntet. "Es ist schön, dass wir für diejenigen etwas Gutes tun können, die die Hilfe wirklich dringend brauchen." Es ist die dritte Anbausaison des Bochumer Vorzeigeprojekts, die zu Ende geht. Und weil das Projekt so gut ankommt, werden bald vier zusätzliche Stellen geschaffen.
Neue Perspektiven statt festem Karriereplan
Die Projektteilnehmer werden hier nicht als zukünftige Gemüsebauern ausgebildet. Sie sollen einen neuen Impuls im Leben erhalten. "Gerade erst konnten wir einen 27-jährigen Teilnehmer in eine Firma vermitteln, wo er eine reguläre betriebliche Ausbildung beginnt", erzählt Iris Mikus, Chefin des Tafelgartens. "Das ist mega und eine tolle Motivation für uns und alle anderen Teilnehmer."
Es ist nicht die einzige Erfolgsgeschichte: Der 47-jährige Bastian Marcincik war selbst einer der ersten Teilnehmer im Tafelgarten und so motiviert, dass er sich im Anschluss zur Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung weitergebildet hat. Seit Anfang Oktober begleitet der ehemalige Langzeitarbeitslose nun andere Betroffene als Anleiter im Garten.
Wie Bastian Marcincik mit seiner Geschichte Hoffnung geben will
00:27 Min.. Verfügbar bis 02.11.2027.
Miguel Mosdzen hat noch einige Monate im Projekt vor sich. Wenn die Anbausaison vorbei ist, geht es in der Werkstatt weiter. Dann bauen sie unter anderem Hochbeete für das nächste Jahr. Und danach? Der 32-Jährige kann sich inzwischen vorstellen, wieder als Industriemechaniker zu arbeiten.
Über dieses Thema haben wir auch am 26.09.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.