Oliver Herchenbach und Norbert Renzke fahren auf Lastenrädern über einen Fahrradweg.

Eine neue Perspektive: Langzeitarbeitslose inspizieren Essener Radwege

Unterwegs

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Langzeitarbeitslose in Essen bekommen mit einer besonderen Fördermaßnahme eine neue Perspektive. Als Streckenkontrolleure auf Lastenrädern sorgen sie für saubere Radwege und setzen sich gleichzeitig für das Gemeinwohl ein. 

Von Solveig Bader

Es hat sich wieder viel Müll angesammelt, auf der Fahrradstrecke Natur-Route in Essen-Karnap. Oliver Herchenbach pickt mit der Müllzange einen Zigarettenstummel vom Radweg auf. Vor dem Gebüsch findet er einen Plastikbeutel mit schmutzigen Altkleidern.

Der 50-jährige, große schlanke Mann schnappt sich einen Müllbeutel aus dem Kasten seines Lastenrads und steckt seinen Fund hinein. "Man hat das Gefühl, hier laden einige ganze Umzüge ab. Dann wird die Wohnung entrümpelt, alles einfach in den Wald gekippt, das ist besonders ärgerlich."

Oliver Herchenbach und Norbert Renzke pflegen einen Fahrradweg.

Mit ihren Lastenrädern kümmern sich Herchenbach und Renzke um Essener Fahrradwege

Seit sieben Uhr morgens sind er und sein Kollege Norbert Renzke im Einsatz. Mit weißen elektrischen Lastenrädern fahren sie die Essener Radstrecken ab. Immer wieder halten sie an und räumen Stöcke von den Gehwegen oder sammeln Dosen und Flaschen ein, sogar ein Lampenschirm ist dabei. Die beiden Männer nehmen an einer Fördermaßnahme von Stadt und Jobcenter teil, die Langzeitarbeitslose wieder in Lohn und Brot bringen soll. 

Arbeitslos nach Schicksalsschlägen

Herchenbach war fünf Jahre arbeitslos. Früher hat er auf dem Bau gearbeitet, dann als LKW-Fahrer. Ein Job, den der alleinerziehende Vater aufgeben musste, weil er sich um seinen Sohn kümmern wollte.  "Das hat nicht mehr funktioniert, weil ich immer spätabends zu Hause war." Außerdem machte ihm seine Gesundheit einen Strich durch die Rechnung.

Für Oliver Herchenbach ist sein neuer Job wie ein "Sechser im Lotto"

00:31 Min. Verfügbar bis 02.07.2027

Sein Kollege Norbert Renzke ist 66 Jahre alt, geht in vier Monaten in Rente. Früher war er Schriftsetzer im Druckereigewerbe. Durch die  Digitalisierung wurden Arbeitsplätze abgebaut, auch seiner. Als sein Vater schwer erkrankte, pflegte er ihn vier Jahre lang, das war kräftezehrend. Der neue Job auf dem Rad hat ihn aus der Arbeitslosigkeit geholt und ist genau sein Ding. "Das liegt mir, sogar sehr. Das passt zu meinem derzeitigen Leistungsvermögen. Wenn ich jetzt acht Stunden im Büro wäre, würde ich zwischendurch abbauen, das macht mich müde."

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Unterwegs bei Wind und Wetter

Die Streckenkontrolleure radeln 30 bis 50 Kilometer pro Tag, auch bei Regen. Insgesamt sind sie verantwortlich für 150 Kilometer Radwege im gesamten Stadtgebiet von Essen. Neben der Radwegpflege sind sie auch Ansprechpartner für Spaziergänger und andere Radfahrer, helfen bei der Orientierung und geben Infos zu den Radrouten. Für die beiden Essener ein Traumjob.

Oliver Herchenbach und Norbert Renzke sind froh über das Essener Projekt

00:15 Min. Verfügbar bis 02.07.2027

Die 20 Teilnehmer arbeiten im Rahmen des Projekts "Essen. Neue Wege zum Wasser" und haben einen festen Arbeitsvertrag, der in der Regel auf zwei Jahre befristet ist. Das Gehalt orientiert sich an dem durchschnittlichen Verdienst eines Hilfsarbeiters im Garten- und Landschaftsbau, zwischen rund 1300 und 1800 Euro netto, je nach Steuerklasse und Freibeträgen.

Ziel des Programms ist es, Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen und mit der nachhaltigen Verbesserung des Wohnumfelds zu kombinieren. Aktuell sind in Essen fast 13.000 Menschen als langzeitarbeitslos registriert, also mindestens ein Jahr oder länger keiner Beschäftigung nachgegangen. 

Norbert Renzke auf seinem Lastenfahrrad. Er hat einen Müllsack in der Hand.

Norbert Renzke will solange weiterarbeiten, wie es geht

Herchenbachs Vertrag endet offiziell Ende Juli. Sein Kollege Renzke geht bald in Rente. Aber er will weitermachen. Das Jobcenter habe ihm in Aussicht gestellt, bis November zu verlängern. Aber am liebsten würde er den Job für immer machen. "Ich komme aus Essen und wenn ich ein bisschen was für meine Stadt tun kann, dann ist das einfach schön".

Über dieses Thema haben wir auch am 23.06.2025 im WDR-Fernsehen berichtet: Lokalzeit Ruhr, 19.30 Uhr.