Schwertransporte, die Gefahr für marode Brücken

Aktuelle Stunde 09.12.2025 23:42 Min. Verfügbar bis 09.12.2027 WDR Von Daniela Rüthers-Beck

Schwertransporte auf bröselnden NRW-Brücken: Niemand weiß Bescheid

Stand:

Ein Lkw kann Straßen schädigen wie 160.000 Autos. Doch das Land weiß nicht, wie viele Schwertransporte über NRWs Brücken fahren.

Es klang ein wenig verzweifelt. Mitte November wandte sich die Autobahn GmbH mit einem "Appell zur Einhaltung der Verkehrsregeln" an die Öffentlichkeit.

"Auf der A4 Wiehltalbrücke ist die Belastung durch den Schwerverkehr nach wie vor zu hoch – trotz der im Dezember 2024 umgesetzten Entlastungsmaßnahmen", hieß es darin. Denn die Maßnahmen, mit denen die marode Brücke bei Gummersbach geschont werden sollte, wurden monatelang ignoriert. Das Problem: zu schwere Lkw, die einfach weiter über die Brücke fahren, trotz Verbots.

Hundertmalige Überschreitung des Maximalgewichts

So desolat der Zustand der Wiehltalbrücke auch ist: Die Informationslage, die es zur Belastung des Bauwerks durch den Verkehr gibt, ist vergleichsweise exzellent. Immerhin ist bekannt, dass dort das erlaubte Gesamtgewicht von 44 Tonnen pro Lastwagen etwa 250-mal pro Woche überschritten wird, die zulässige Achslast von 11,5 Tonnen sogar rund 1.500-mal pro Woche. Denn an der Brösel-Brücke sind dauerhafte Messstellen eingerichtet. Damit ist sie eine große Ausnahme.

Mehr als 2.400 marode Brücken in NRW

Mehr als 2.400 Brücken in Zuständigkeit von Land und Bund sind in NRW laut IHK marode, fast 800 davon gelten als mangelhaft. Trotzdem tappen die Beteiligten komplett im Dunkeln, was die Belastung durch Schwertransporte angeht. Das räumen die zuständigen Stellen auf WDR-Anfrage jetzt ein.

Demnach weiß weder das Land noch die bundeseigene Autobahn GmbH, wie viele dieser besonders schweren Lastwagen in NRW tatsächlich Tag für Tag fahren. Auch über dadurch verursachte Schäden an Straßen und Brücken gibt es keine Erkenntnisse.

Nur Anträge werden gezählt

Der Grund: Bekannt ist nur, wie viele Anträge auf Großraum- und Schwertransporte eingehen. In den vergangenen knapp sieben Jahren gab es mehr als 550.000 davon in NRW (siehe Grafik).

"Wie viele Schwertransporte davon genehmigt worden sind oder nicht, wird statistisch nicht erfasst", teilt Straßen.NRW mit. Und selbst wenn dem so wäre: "Ein Antrag kann zu mehreren Bescheiden führen", heißt es weiter. "Darüber hinaus stellen Antragsteller häufig für einen geplanten Transport gleichzeitig mehrere Anträge mit unterschiedlichen Routenoptionen", so die Autobahn GmbH. Auch Dauergenehmigungen, bei denen die Behörden nicht wissen, wie oft sie in Anspruch genommen werden, gibt es.

Unterm Strich erlaubt die Zahl der Anträge deshalb nicht im Ansatz eine zuverlässige Aussage dazu, wie viele Schwertransporte auf NRWs Straßen tatsächlich unterwegs sind.

Ausgerechnet Schwertransporte sind blinder Fleck

Ein weiterer, zentraler Schwachpunkt: Bei positiven Bescheiden wird nicht erfasst, ob die genehmigten Schwertransporte dann auch gefahren sind oder nicht.

Laut Verkehrswissenschaftlern schädigt ein einziger, gängiger Lastwagen mit 10 Tonnen Achslast die Straßen 160.000-mal stärker als ein herkömmliches Auto. Trotzdem sind ausgerechnet die Belastungen durch die besonders schädlichen Schwertransporte ein einziger, blinder Fleck.

200 Tonnen pressen auf den Asphalt

Die Regeln dazu lauten so: Lkw, die mehr als 44 Tonnen schwer sind, brauchen in Deutschland eine besondere Genehmigung als Großraum- und Schwertransport (GST). Dabei müssen die Spediteure die genaue Route, die sie fahren wollen, mitteilen.

Voraussetzung für eine Genehmigung ist dann unter anderem, dass die Brücken auf der Route den schweren Riesen-Lastern noch Stand halten können - andernfalls wird nur mit Auflagen wie Mindestabstand oder Höchstgeschwindigkeit genehmigt. Oder der Transport wird ganz abgelehnt.

Die Abläufe bei den Genehmigungsverfahren sind verästelt: Innerhalb von NRW sind insgesamt 53 Kreise, kreisfreie Großstädte und kreisangehörige Kommunen mit eigener Verkehrsbehörde für die Genehmigung der GST zuständig. Gestellt werden diese Anträge entweder am Sitz des Transportunternehmens oder dort, wo die Fahrt startet. "Das heißt, es kommen noch viele Genehmigungen von außerhalb NRWs dazu, wo aber die Route durch oder nach NRW führt (und natürlich umgekehrt)", so Straßen.NRW.

So ein XXL-Laster kann schon mal rund 200 Tonnen wiegen. Wie viele davon über welche kaputten Brücken fahren? Niemand weiß es.

Niemand weiß, wie viele Schwertransporte fahren

Hinzu kommt eine Dunkelziffer von Schwarzfahrten - also Schwertransporte, die heimlich auf den Straßen unterwegs sind, ohne Genehmigung. Experten schätzen die Anzahl teils als erheblich ein. "Klar, Illegale gibt es natürlich jede Menge", sagte dazu der Sachgebietsleiter für Schwertransporte vor Kurzem im Untersuchungsausschuss des Landtags. Ein Grund: Bei Verstößen drohen nur geringe Bußgelder, Kostenpunkt circa 70 Euro. Das macht Schwarzfahrten im Vergleich zu aufwändigen Genehmigungsverfahren attraktiv.

Schwertransporte sind in NRW ein großer blinder Fleck

WDR Studios NRW 09.12.2025 00:39 Min. Verfügbar bis 08.12.2027 WDR Online

StVO sieht kein Erfassen der Fahrten vor

Dabei wäre das nicht schwer festzustellen: Müssten die Spediteure, die eine Schwertransport-Genehmigung bekommen haben, schlicht Meldung machen, wenn sie auch tatsächlich fahren, wären detaillierte Analysen möglich. Statiker wüssten dann genau, wie viele extraschwere Laster über welche Brücken fahren.

Doch das ist in den Regeln zur Straßenverkehrsordnung (StVO) nicht vorgesehen. In der Vergangenheit sei immer "ein unbürokratischeres, effizienteres" Genehmigungsverfahren gefordert worden, heißt es zur Begründung aus dem Landes-Verkehrsministerium.

Zu unbürokratisch, um die Verkehrssicherheit zu garantieren?

Seit Jahrzehnten wird bei Antrag auf einen GST lediglich geprüft, ob die Brücken auf dem Weg dem Gewicht prinzipiell gewachsen sind. Genehmigt wird, was die Brücken laut Aktenlage noch aushalten. Damit endet die Buchführung. Doch diese Aktenlage ist immer wieder unvollständig: Zuletzt schilderte im November ein Mitarbeiter von Straßen.NRW im Untersuchungsausschuss des Landtags, dass Schäden immer wieder nicht gemeldet werden.

Lage in NRW besonders dramatisch

"Alle Bundesländer stehen bei diesem Thema vor ähnlichen Herausforderungen" betont eine Sprecherin des Landes-Verkehrsministeriums. Was sie dabei nicht erwähnt: Kaum irgendwo ist die Lage so dramatisch wie in NRW. Hier sind zum Beispiel mehr als 30 Prozent der Autobahnbrücken sanierungsbedürftig. In Bayern sind es nur zehn, in Rheinland-Pfalz 14 Prozent.

SPD: NRW kann sich das nicht leisten

"Ein Land, dessen Verkehrsinfrastruktur in einem derart kritischen Zustand ist, kann es sich schlicht nicht leisten, ausgerechnet jene Transporte nicht zu überwachen, die Brücken und Straßen am stärksten belasten", kritisiert Gordan Dudas, der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Opposition im Landtag. "Ohne solide Datenbasis sind weder wirksame Schutzmaßnahmen noch eine realistische Planung von Sanierungen möglich."

Das NRW-Verkehrsministerium von Oliver Krischer (Grüne) hofft jetzt auf ein Update des bundesweiten Vemags-Systems, in dem Anträge auf Schwertransporte abgewickelt werden. Geplant ist das für das nächste Jahr. Dadurch soll "eine Zuordnung von Antragsschwerpunkten nach Strecken (und damit Brücken)" möglich werden, teilt sein Haus mit.

Kaum Messstellen an gefährdeten Brücken

Wenn schon die Verkehrsbehörden keine Statistik führen über tatsächliche Fahrten von GST: Bei der Frage, wie stark eine marode Brücke durch Schwertransporte weiter strapaziert wird, könnten Wiegestellen helfen - so wie an der Wiehltalbrücke.

Doch diese Waagen gibt es kaum: In die Zuständigkeit des Landes fallen rund 6.300 Brücken, die mit Lastwagen befahrbar sind. Nur zwei davon werden mit Messstellen überwacht, die das Gewicht der Fahrzeuge prüfen können: die Kardinal-Frings-Brücke bei Düsseldorf und die Uerdinger Brücke bei Krefeld.

Dazu kommen nochmal 6.150 Lkw-taugliche Autobahnbrücken in NRW, für die der Bund zuständig ist. Davon sind zwei mit Wiegeanlagen ausgestattet: die Emschertalbrücke der A43 bei Herne und die A42-Brücke zwischen Bottrop-Süd und Essen Nord.

Macht insgesamt vier Waagen an mehr als 12.000 Brücken, von denen mehr als 2.400 marode sind. "Der Einbau dieser Messstellen ist an viele Voraussetzungen gebunden" heißt es dazu aus dem NRW-Verkehrsministerium. Die Autobahn GmbH des Bundes teilt mit: "In der Regel geht mit einer solchen Anlage auch eine spürbare Verkehrsbehinderung einher." Deshalb seien sie "auf besondere Einzelfälle beschränkt."

500 verbotene Fahrten mit zu schweren Lkw - pro Tag

An den wenigen Stellen, wo es Waagen gibt, wird immer wieder eine eklatante Zahl an Verstößen festgestellt. Das war so bei der Brücke Neuenkamp bei Duisburg, und es ist aktuell so bei der Düsseldorfer Kardinal-Frings-Brücke: Dort registrierte die Fahrzeugwaage monatelang rund 500 Verstöße gegen Gewichtsbeschränkungen - pro Tag.

Inzwischen ist dort ein Silhouetten-Blitzer installiert, der bei Lastern über 7,5 Tonnen auslöst. So können die Halter gerichtsfest belangt werden. "Seit der Installation der Anlage ist die Zahl der Verstöße deutlich zurückgegangen", teilt das Verkehrsministerium mit. Sie liegt nun bei rund 80 pro Tag.

Kontrollen von Schwertransporten: Anzahl unbekannt

Eine andere Maßnahme zur Schadensbegrenzung könnten Kontrollen durch die Polizei sein. Die kann ungenehmigte Schwertransporte aus dem Verkehr ziehen oder feststellen, wenn sich die Spediteure nicht an Auflagen halten.

Doch auch hierzu gibt es kaum Erkenntnisse: Wie viele Schwertransporte Jahr für Jahr kontrolliert werden, kann das zuständige Landes-Innenministerium nicht beziffern. Auch nicht, wie viele davon illegal unterwegs waren oder gegen Auflagen verstoßen haben.

Viele Verstöße festgestellt

Gesammelt werden lediglich Daten zu Kontrollen von allen Lkw insgesamt - das umfasst Schwertransporte ebenso wie herkömmliche Laster unterhalb der 44-Tonnen-Grenze. Die Quote der festgestellten Verstöße ist dabei beträchtlich: Bei knapp 48.000 kontrollierten Lkw über 3,5 Tonnen wurden im vergangenen Jahr gut 36.000 Verstöße festgestellt, so das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste NRW (siehe Grafik). Sie umfassen alles von kaputten Scheinwerfern bis hin zu nicht gesicherter Ladung. Auch hier also keine Erkenntnisse über die Zahl der zu schweren Lkw.

Behörden machen weiter wie bisher

Die Brücken sind in beispiellos schlechtem Zustand. Doch die Behörden machen weiter wie bisher. Dass das womöglich nicht mehr ausreicht, darauf deuten Katastrophen wie die plötzliche Sperrung der Rahmedetalbrücke oder der Einsturz der Dresdener Carolabrücke hin.

"Angesichts der immer maroderen Infrastruktur braucht NRW dringend eine viel engmaschigere, transparente und systematische Erfassung von Großraum- und Schwertransporten - inklusive Genehmigungen, tatsächlicher Fahrten, Kontrollen und Verstößen", fordert SPD-Mann Dudas. "Alles andere ist ein fahrlässiges Weiter-so zulasten der Verkehrssicherheit und der Zukunftsfähigkeit unseres Landes."

Sendung: WDR 5, Nachrichten "WDR aktuell", 09.12.2025, 06:00 Uhr

Unsere Quellen:

  • NRW-Verkehrsministerium
  • NRW-Innenministerium
  • Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste
  • Autobahn GmbH des Bundes
  • IHK NRW
  • SPD-Fraktion NRW
  • Zeugenaussagen im Untersuchungsausschuss zur Rahmedetalbrücke
  • eigene Recherche

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