Bröckelnde Brücken und hilflose Behörden
Westpol. 23.11.2025. 28:37 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 23.11.2030. WDR.
Kirsten Faßbender lebt seit 23 Jahren in Weihershagen direkt unter der Wiehltalbrücke. Sie hat den Unfall 2004 erlebt, als ein Tanklaster ins Tal stürzte. Das sei echt heftig gewesen. Nach einem lauten Knall hatte sie eine Rauchsäule gesehen, dann ganz viel Blaulicht. "Es war alles nur noch Chaos“, erinnert sich Kirsten Faßbender. Für die Reparatur war die Brücke damals wochenlang gesperrt.
Wegen Überlastung nur einspurig über die Brücke
Inzwischen ist die Brücke mehr als 50 Jahre alt und so marode, dass ein Neubau nötig ist. Seit einem Jahr fließt der Verkehr nur noch eingeschränkt auf einer Spur pro Fahrtrichtung über die Brücke. Dazu kommen weitere Auflagen: Lkw müssen 50 Meter Abstand halten, dürfen nicht schwerer als 44 Tonnen sein und müssen die zulässige Achslast einhalten. Doch das passiert offenbar nicht, wie die Autobahn GmbH mitgeteilt hat.
Lkw: Mehr als 1500 Gewichtsverstöße pro Woche
Durchschnittlich wird das erlaubte Gesamtgewicht von 44 Tonnen etwa 250 Mal pro Woche überschritten, die zulässigen Achslasten von 11,5 Tonnen sogar rund 1.500 Mal pro Woche. Das hätten kontinuierliche Messungen auf der Fahrbahn ergeben, die regelmäßig ausgewertet würden, schreibt die Autobahn GmbH auf Anfrage des WDR-Magazins Westpol. Dadurch sei die Verkehrslast zu hoch. Deshalb appelliert der Autobahnbetreiber in einer breit angelegten Informationskampagne vor allem an Wirtschafts- und Logistikunternehmen, die Regeln einzuhalten. Ansonsten drohe die Sperrung.
Erneute Sperrung wäre Katastrophe für Region
Ulrich Stücker, der parteilose Bürgermeister von Wiehl befürchtet dann große Belastungen für die Stadt durch weitere Staus. Im Interview mit dem WDR appelliert Stücker an die Autobahn GmbH, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, damit schnellstmöglich eine neue Brücke gebaut wird. Und wenn es doch noch mal zu einer Sperrung kommen sollte, dann hofft der Bürgermeister, dass diese nur für Lkw gelten würde.
Zu wenige Kontrollen?
Daniel Mertins, LKW-Fahrer
Daniel Mertins fährt mit seinem Lkw fast täglich über die Brücke. Er transportiert für die Kreuztaler Spedition Althaus Stahlprodukte. "Ich habe bisher noch keine Lkw-Kontrolle erlebt oder gesehen", erzählt er im Westpol-Interview. Zuständig für Kontrollen sind die Polizei und das Bundesamt für Logistik und Mobilität (BALM) als Aufsichtsbehörde. Seit vier Wochen habe man die Präsenz vor und nach der Brücke auf dem Abschnitt der A4 zwischen Engelskirchen und Gummersbach erhöht, um zu verhindern, dass überladene Fahrzeuge die Brücke befahren, heißt es vom BALM.
NRW-Innenminister offen für höhere Bußgelder
Und die Polizei? Im vergangenen Jahr hat die laut Innenministerium knapp 48.000 Lastkraftwagen kontrolliert und dabei 36.000 Verstöße aller Art festgestellt. Zum Vergleich: Täglich fahren auf den Autobahnen im Land 250.000 Lkw, allein über die Wiehltalbrücke 25.000 in der Woche.
NRW-Innenminister Herbert Reul
Bei der Fülle von Aufgaben, die die Polizei hat, müsse sie sich auf Stichproben konzentrieren, so NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). Doch dadurch ist das Risiko, erwischt zu werden, gering. Und selbst wenn, sind die Strafen nicht besonders hart. Unterschreitet ein Lkw-Fahrer den Mindestabstand von 50 Metern auf der Autobahn, drohen 80 Euro und ein Punkt in Flensburg beim Kraftfahrtbundesamt. Für die Überschreitung der Achslast sind 60 Euro fällig plus 1 Punkt. Im internationalen Vergleich sei das niedrig, sagt Reul und fügt hinzu: "Bei den Bußgeldern bin ich sehr nachdenklich geworden, ob die reichen".
Kommt eine Schrankenanlage für Lkw?
Eine Erhöhung der Bußgelder allein würde nach Ansicht des ADAC aber nur in Kombination mit mehr Kontrollen wirken, so Roman Suthold, Mobilitätsexperte beim Automobilclub. Doch dafür fehle eben das Personal. Auch die Appelle der Autobahn GmbH würden allein nicht reichen. Deshalb plädiert der ADAC dafür, auf der Wiehltahlbrücke notfalls eine Schrankenanlage mit Gewichtskontrolle für Lkw zu installieren, um eine Sperrung zu vermeiden. Das sei allerdings nicht so leicht umzusetzen, so die Autobahn GmbH. Derzeit plane man bereits eine entsprechende Anlage. Die könnte allerdings nicht vor Sommer 2026 in Betrieb gehen. Und wenn bis dahin weiter zu viele zu schwere Lkw über die Brücke fahren, könnte das für die Wiehltalbrücke möglicherweise schon zu spät sein.
Unsere Quellen:
- Autobahn GmbH Niederlassung Rheinland
- BALM
- Innenministerium NRW
- Bundeseinheitlicher Tatbestandskatalog 2024
- eigene Recherchen
Darüber berichtet der WDR auch im Fernsehen, in der Sendung Westpol am 23.11.2025, ab 19:30 Uhr.

