Vor ihrer plötzlichen Sperrung im Dezember 2021 sind jahrelang noch Schwertransporte über die marode Rahmedetalbrücke gefahren. Das sagte ein mit den Vorgängen befasster Statiker der Autobahn GmbH im zuständigen Untersuchungsausschuss des Landtags am Montag aus.
Demnach wurde die marode Brücke zwar 2014 für Groß- und Schwerlasttransporte gesperrt, aber im Jahr 2015 wieder für diese besonders schweren Lkw freigegeben. Bisher war man davon ausgegangen, dass die Brücke seit 2014 durchgehend dafür gesperrt war. Die Freigabe von 2015 geschah offenbar auf Grund falscher Annahmen, denn im Oktober 2018 wurde die Sperrung wieder in Kraft gesetzt.
Neue Richtlinie, weniger Sperrungen
Wie es dazu kam? Nach Darstellung des Zeugen, der bis Ende 2020 bei Straßen.NRW für die Genehmigung dieser Transporte zuständig war, trat 2015 eine Änderung der maßgeblichen Nachrechnungsrichtlinie in Kraft. Ab diesem Zeitpunkt waren Sperrungen für Groß- und Schwerlasttransporte auf kaputten Brücken seltener vorgesehen.
Aus der Abteilung Konstruktiver Ingenieurbau habe es deshalb zu dieser Zeit die Anweisung gegeben, solche Brücken wieder freizugeben, darunter auch die Rahmedetalbrücke. Eine Zeugin hatte im Juni im Untersuchungsausschuss von "enormem Druck" berichtet, die Brücke für den Verkehr offen zu halten.
"Irgendwelche älteren Unterlagen angeguckt"
2018 schließlich habe eine verantwortliche Kollegin sich "wahrscheinlich irgendwelche älteren Unterlagen angeguckt" und anhand dieser Unterlagen entschieden, die Brücke doch wieder für die besonders schweren Lkw zu sperren. Der Zeuge sagte, auch das zuständige, externe Ingenieurbüro habe dies im Jahr 2018 empfohlen.
Wie viele Groß- und Schwerlasttransporte in der Zeit zwischen 2015 und Oktober 2018 mit offizieller Genehmigung über die Brücke fuhren und wie sehr das Bauwerk dadurch weiter beschädigt wurde, blieb zunächst unklar. Diese Schwertransporte nutzten zudem offensichtlich die seit 2014 falsch eingerichtete Spurführung für Lkw, die der WDR im Juni enthüllte.
"Verschlechterung" durch falsche LKW-Spur
Diese falsch eingerichtete Lkw-Spur sei "nicht so schädlich gewesen, wie wir es im ersten Moment gedacht haben", sagte der Zeuge. Er schränkte aber ein: "Für das Quersystem hat das schon eine Verschlechterung gegeben." Er könne nicht ausschließen, dass die falsche Verkehrsführung die Brücke geschädigt und damit zur Sperrung beigetragen habe. Ein weiterer Zeuge, der damals für ein externes Ingenieurbüro arbeitete, fand die falsch eingerichtete Verkehrsführung ebenfalls nicht so schlimm: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendwelche Auswirkungen auf den Zustand der Brücke hatte", sagte er.
Der Zeuge der Autobahn GmbH war für das Protokoll verantwortlich, das auf acht Seiten mehrere Behördenfehler dokumentiert - und schließlich zurückgezogen wurde. Die zahlreichen Änderungen, die vor allem eine Kollegin vehement an dem Protokoll forderte, habe er aber nicht als Abschwächen von Aussagen verstanden, sondern als "fachliche Anmerkungen".
Das Protokoll habe er auf Anweisung einer Vorgesetzten zurückgezogen, die dafür keinen Grund genannt habe. Dass er das Protokoll zurückziehen sollte "hat sich mir nicht erschlossen", sagte er. Dieses Vorgehen sei unüblich.
Untersuchungsausschuss liefert Antworten
Zur Frage, wie es dazu kam, dass die Rahmedetalbrücke im Dezember 2021 so plötzlich gesperrt wurde und seitdem eine ganze Region im Verkehrschaos versinkt, hat der Untersuchungsausschuss im Landtag inzwischen einige Antworten produziert:
- Ein schwerer Fehler an zentralen Stahlbauteil-Verbindungen war zwar seit 2011 bekannt, wurde aber nie repariert.
- Stehendes Wasser in Stahlteilen schädigte das Tragwerk über viele Jahre und führte zu starkem Rost.
- Lkw wurden falsch über die Brücke geführt.
- Zwischenzeitlich durften sogar Groß- und Schwerlasttransporte wieder über die Brücke fahren.
- Berechnungen zur Stabilität wurden nicht auf dem neuesten Stand der Vorschriften gehalten, deshalb konnte bis zur Sperrung keine Restnutzungsdauer ausgewiesen werden.
Insgesamt zeichnete der Zeuge am Montag das Bild einer Behörde, in der jahrelang niemand einen richtigen Überblick zum kritischen Zustand der Rahmedetalbrücke hatte. Auf die Frage, ob im September 2021 jemand bei der Autobahn GmbH diese Übersicht hatte, sagte er: "Das Wissen wurde ja da zusammengetragen." Anfang 2021 hatte die Autobahn GmbH des Bundes die Verantwortung von Straßen.NRW übernommen.
"Sehr verwundert" über Anfrage zur schweren Lkw
Der Zeuge, der damals für das externe Ingenieurbüro arbeitete, erinnerte sich an überraschende Anfragen durch Straßen.NRW - die Behörde erkundigte sich offenbar, ob nicht doch ausnahmsweise Schwerlaster über die Brücke fahren dürften. "Wir waren gelinde gesagt sehr verwundert, warum überhaupt eine Anfrage für Schwertransporte kommt", sagte der Ingenieur. Sein Büro hatte sich bereits 2014 sehr deutlich dafür ausgesprochen, genau das nicht mehr zu erlauben. Daraufhin wurde die Sperrung für Schwerverkehr noch im gleichen Jahr eingerichtet.
Berechnungen unter falschen Annahmen
Der Mann aus dem externen Ingenieurbüro räumte ein, dass sein Haus lange Zeit Berechnungen zur Sicherheit der Rahmedetalbrücke auf falschen Grundlagen durchgeführt hatte. So waren ihm die die erheblichen Rostschäden, die seit den 1970er Jahren immer größer wurden und die schließlich zur dauerhaften Sperrung der Brücke führten, nicht bekannt. Straßen.NRW informierte ihn darüber nicht, so schilderte er es am Montag.
"Wenn wir damals gewusst hätten, dass der Erhaltungszustand fraglich ist, dann wäre das sicherlich nicht so abgelaufen", sagte der Mann. Er habe aber seine Berechnungen wegen der fehlenden Informationen unter der Annahme durchgeführt, "dass die Brücke in einem guten Erhaltungszustand ist."
Unsere Quellen:
- Aussagen im Untersuchungsausschuss des Landtags
- Eigene Recherche
Über dieses Thema berichten wir am 08.09.2025 auch im Radio: WDR5 Westblick ab 17:04 Uhr.
