Eine Person liegt auf dem Boden und hält eine kaputte Brille in der Hand. Eine andere Person steht über ihr.

Nimmt Gewalt auf der Straße in Deutschland wirklich zu?

Gewalttaten verhindern: Wie wirksam ist das LKA-Programm Periskop?

Stand:

Im September 2025 sticht ein Schüler am Berufskolleg in Essen auf eine Lehrerin ein. Die 45-Jährige wird schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter war polizeibekannt. Er war eine Weile sogar im Programm Periskop, das schwere Gewalttaten bereits im Vorfeld verhindern will. Doch das gelingt nicht immer. Ein Interview mit Milena Lechner, Leiterin des Periskop-Programms beim LKA.

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Maja Peters
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Messerangriff auf Essener Lehrerin

Es ist der 5. September 2025. Ein Messerangriff erschüttert das Berufskolleg im Bildungspark in Essen. Nach bisherigen Ermittlungen sticht Erjon S. seiner Lehrerin in einer Unterrichtspause in den Bauch und flieht. Stundenlang müssen Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte im Gebäude ausharren, bis die Polizei Entwarnung gibt.

Kurz darauf wird der 17-Jährige nahe des Essener Hauptbahnhofs festgenommen, dabei wird er schwer verletzt. Auf der Flucht soll er zuvor einen obdachlosen Mann attackiert und in der Nähe einer Synagoge nach weiteren Opfern gesucht haben. Die Berufsschullehrerin sowie der obdachlose Mann überleben die Angriffe des Schülers. Die Bundesanwaltschaft geht inzwischen von einem islamistischen Motiv aus und wirft dem Jugendlichen versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung vor. Der Prozess steht noch aus.

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Was ist Periskop?

Erjon S. war der Polizei bereits bekannt. Unter anderem wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, gefährlicher Körperverletzung und Besitzes von Kinderpornografie. Er war auch Teil des Präventionsprogramms Periskop (Abkürzung für "Personen mit Risikopotential"), das Personen mit potenziellem Risiko für schwere Gewalt früh identifizieren soll. NRW gilt hier als Vorreiter, alle 47 Kreispolizeibehörden arbeiten inzwischen mit diesen Teams.

Nach vier Monaten wurde Erjon S. aus dem Programm entlassen. Und trotzdem wurde er später mutmaßlich erneut zum Täter. Damit ist er kein Einzelfall. Auch der Cinemaxx-Brandstifter von Krefeld und der Mann, der 2024 zwei Mehrfamilienhäuser in Essen anzündete, waren bei Periskop bekannt. Die Psychologin Dr. Milena Lechner, Leiterin der Zentralstelle Periskop beim LKA in Düsseldorf, glaubt trotzdem an den Erfolg des Programms.

Nahaufnahme von Milena Lechner. Sie lächelt.

Psychologin Dr. Milena Lechner leitet die Zentralstelle Periskop beim LKA in Düsseldorf

Lokalzeit: Wer kommt in das Periskop-Programm?

Milena Lechner: Wir wissen, dass Personen schon Jahre vor einer solchen Straftat Warnverhaltensweisen zeigen. Sie machen etwa Andeutungen über die Tat, sprechen Drohungen aus oder sie zeigen Interesse an der Tat, zum Beispiel einer Amoktat, oder an Waffen. Es können ganz unterschiedliche Risikofaktoren sein, die für das Umfeld bemerkbar sind.

Wie die Polizei auf potenzielle Täter aufmerksam wird

Lokalzeit: Können Sie an einem fiktiven Beispiel erklären, wie das Programm funktioniert?

Lechner: Das Programm Periskop folgt drei Schritten: Erkennen, Bewerten, Handeln. Im ersten Schritt geht es um die Früherkennung. Wenn sich beispielsweise ein Schüler sehr für das Thema Amok interessiert. Er liest viel dazu, schaut sich Videos an zu vergangenen Taten. Er zieht sich vielleicht auch sozial zurück und fühlt sich gemobbt. Das fällt Mitschülern oder Lehrern auf. Dann können sich die Lehrer an Periskop-Teams wenden und um eine Risikoeinschätzung bitten.

Viele Fälle werden auch polizeiintern angeliefert, wenn Personen in Polizeieinsätzen auffallen. Die Periskop-Teams tragen dann Informationen zusammen. Da können zum Beispiel Befragungen stattfinden, mit den Eltern, mit Lehrern. Es wird überprüft, ob schon Straftaten vorliegen, die Person vielleicht schon mal gewalttätig gewesen ist. Und dann wird geschaut, ob das Risiko einer schweren zielgerichteten Straftat vorliegt.

Lokalzeit: Und wie geht es weiter?

Lechner: Wenn das der Fall ist, wird die Person in das Konzept eingestuft. Dann geht es darum, Maßnahmen zu treffen, die das Risiko deutlich reduzieren. Beim Beispiel eines Schülers, der sich für das Thema Amok interessiert, ist es ganz wichtig, die entsprechenden Netzwerkpartner wie das Jugendamt mit einzubeziehen. Es wird dann im Rahmen einer gemeinsamen Fallkonferenz geschaut, wie dem Schüler geholfen werden kann.

Lokalzeit: Wie könnte diese Hilfe konkret aussehen?

Lechner: Das könnte eine Familienhilfe sein. Man kann mit einem schulärztlichen Gutachten abklären, ob vielleicht eine psychische Erkrankung eine Rolle spielt. Und wenn dann die Behandlung gut angeschlagen hat und ein Umfeld geschaffen wurde, das der Familie gut hilft, ist das Ziel, die Person nach einer gewissen Zeit wieder aus dem Programm auszustufen.

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Wie effektiv ist das Präventionsprogramm?

Lokalzeit: Im Periskop-Programm werden derzeit rund 380 Menschen in NRW betreut. Weiß man, wie viele von ihnen psychische Probleme haben?

Lechner: Ein Großteil der Personen, die bei uns im Konzept sind, hat zusätzlich auch eine psychische Erkrankung, aber nicht alle. Es ist ganz wichtig, an der Stelle zu betonen, dass psychische Erkrankungen unglaublich weit verbreitet sind und die Mehrheit der psychisch Erkrankten kein erhöhtes Risiko für Gewalttätigkeit hat.

Lokalzeit: Wie erklären Sie es sich, dass Menschen trotz Periskop schwere Straftaten begehen?

Lechner: Es kann keine hundertprozentige Sicherheit geben. Es wird immer ein gewisses Restrisiko geben, denn wir beschäftigen uns mit Hochrisikofällen. Wir haben eine Vielzahl an Fällen bei Periskop, die erfolgreich sind, aber der Erfolg ist unsichtbar. Denn wenn Periskop gut arbeitet, dann passiert nichts. Und diese vielen Fälle bleiben im Verborgenen. Wenn es in Einzelfällen doch zu schweren zielgerichteten Gewalttaten kommt, dann bereiten wir diese Fälle intensiv nach und schauen, an welchen Stellen wir künftig nachbessern müssen.

Lokalzeit: Wie schätzen Sie die Erfolge von Periskop ein?

Lechner: Wir sehen, dass wir sehr viele Personen durch die verschiedenen Netzwerkpartner erfolgreich stabilisieren können und auch wieder ausstufen können. Somit ist Periskop erfolgreich. Wir haben in den letzten Jahren ganz viele Anfragen bekommen, auch aus dem Ausland, bezüglich der Konzeptunterlagen, und haben die gerne geteilt. Das unterstreicht auch den Stellenwert und den Erfolg des Programms.

Dieser Beitrag liefert Informationen zum YouTube-Film von WDR Lokalzeit MordOrte "Behörden hatten mutmaßlichen Täter bereits im Blick" vom 06.04.2026, 17 Uhr.

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