Der Amoklauf am Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin konnte verhindert werden
Kriminologe im Interview: Der Blick in die Psyche eines Amokläufers
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Mai 2009, eine 16-jährige Schülerin plant einen Amoklauf am Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin. Noch gerade rechtzeitig kann sie gestoppt werden. Doch wie konnte es so weit kommen? Was geht in den Köpfen von Amoktätern vor? Ein Kriminologe gibt Antworten.
Amokalarm in Sankt Augustin
Am 11. Mai 2009 betritt eine 16-jährige Schülerin das Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin. In ihrem Rucksack befinden sich mit Benzin gefüllte Molotowcocktails, eine Gaspistole und ein scharf geschliffenes Kurzschwert. Sie hat den Plan, Lehrer und Mitschüler zu töten. Monatelang hat sie den Amoklauf vorbereitet.
Das Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin
Als sie in der Mädchentoilette der Schule die letzten Vorkehrungen trifft, wird sie von einer Mitschülerin überrascht. Sie versucht, die 17-Jährige zu erstechen, doch das gelingt ihr nicht. Die Mitschülerin kann entkommen und alarmiert die Lehrkräfte. Kurz nach dem Auslösen des Alarms treffen die ersten Polizisten ein. Doch die Täterin kann unbemerkt flüchten. Sie stellt sich am Abend selbst der Polizei.
Das Jugendschwurgericht am Bonner Landgericht verurteilt sie am 24.11.2009 zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren. Als Motiv nannte die 16-Jährige vor Gericht Probleme mit den Eltern und Mitschülern. Sie habe sich gemobbt und unverstanden gefühlt, sogar psychologische Hilfe gesucht - ohne Erfolg.
Manuel Heinemann ist Kriminologe aus Bayreuth und Lehrbeauftragter für Kriminalpsychologie. Er analysiert, warum Menschen zu Amokläufern werden und wie die Gesellschaft Amokläufe präventiv verhindern kann.
Der letzte Ausweg?
Lokalzeit: Was geht in den Köpfen von Menschen vor, die einen Amoklauf planen?
Manuel Heinemann: Entscheidend ist ein empfundenes Gefühl von Ohnmacht. Dieses Gefühl "Ich bringe nichts zu Stande" oder "Die anderen respektieren mich nicht". Es entsteht der Wunsch, diese Ohnmacht in Macht umzuwandeln und wieder die Kontrolle über sein Leben zu übernehmen. Das Gefühl der Ohnmacht muss aber nicht zwingend heißen, dass diese Menschen ein geringes Selbstwertgefühl haben.
Manuel Heinemann ist Kriminologe und Lehrbeauftragter für Kriminalpsychologie aus Bayreuth
Lokalzeit: Die Schülerin im vorliegenden Fall hatte das Gefühl, gemobbt zu werden. Das Gericht konnte das jedoch nicht feststellen. Inwieweit ist Mobbing, ob real oder lediglich empfunden, ein Auslöser für Amokläufe?
Heinemann: Wenn man verstehen möchte, wie Amokläufe entstehen, muss man zielgerichtete Gewalt als solche verstehen. Zielgerichtete Gewalt wird durch einen Missstand ausgelöst. Das heißt, eine Person beginnt sich auf eine ganz subjektive Problemlage zu fokussieren. Und Mobbing, egal ob jetzt wirklich vorhanden oder nur empfunden, kann ein solcher Missstand sein.
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Lokalzeit: Welche Rolle spielen die familiären Verhältnisse bei Personen, die Amokläufe planen oder begangen haben?
Heinemann: Experten gehen davon aus, dass Amokläufer ein schwieriges Bindungsverhältnis zum Elternhaus haben, weil hier kein Vertrauen da ist. Vom Elternhaus wurden keine oder nur wenige Strategien vermittelt, um mit Problemlagen umzugehen. Das heißt, ich habe im Elternhaus nur wenige Möglichkeiten, meine Probleme zu besprechen, zu sagen, wenn es mir nicht gut geht. Dann habe ich natürlich auch weniger Möglichkeiten, von dort aus Strategien im Umgang mit solchen Problemlagen zu lernen.
Lokalzeit: Gibt es darüber hinaus bestimmte psychosoziale Faktoren, die erkennen lassen, dass ein Jugendlicher zu einem Amokläufer werden könnte?
Heinemann: Amokläufer sind unglückliche Personen. Was wir wissen, ist, dass es einen Missstand gibt und dass sie keine Problemlösestrategien haben. Der Amok wird dann als Problemlösung gesehen. Man kann aber nicht sagen, dass in jedem Fall die gleiche Gewichtung eines bestimmten psychosozialen Faktors vorliegt. Wenn ich einen bestimmten Faktor gewichte, wäre es, als würde ich mit der Lupe auf ein Puzzle mit 2000 Teilen gucken und mich wundern, warum ich das ganze Puzzle nicht anhand dieses einen Puzzleteils lösen kann.
Der Nachahmer-Effekt
Lokalzeit: Es heißt häufig, dass jugendliche Amokläufer einen anderen Amokläufer nachgeahmt haben. Stimmt das?
Heinemann: Ja, das kommt vor. Wir sprechen hier aber nicht zwangsläufig von einer sogenannten Nachahmung, sondern eher von einer Identifizierung. Das heißt, ein Amokläufer fängt an, sich mit einem anderen Amokläufer zu identifizieren.
Lokalzeit: Ist es möglich, eine solche Identifikation zu verhindern?
Heinemann: Generell lässt sich sagen, dass sich solche Effekte nicht hundertprozentig verhindern lassen. Wichtig ist aber zu betonen, dass gerade die Berichterstattung in den Stunden und Tagen nach der Amoktat ganz entscheidend ist. Also welches Bildmaterial generiert wird und welche Identifikationspotenziale für potenzielle Nachahmungstäter die Medien dadurch schaffen. Es ist aber natürlich so, dass die Bevölkerung ein Informationsrecht hat und es auch wichtig ist, darüber aufzuklären. Was ist Amok? Wie verhindere ich eine Amoktat? Wie erkenne ich, dass sich jemand in Richtung Amoktat entwickelt? Eine solche allgemeine Berichterstattung halte ich für sehr wichtig.
Lokalzeit: Amokläufe von minderjährigen Personen finden häufig an Schulen statt. Warum ausgerechnet hier?
Heinemann: Es ist natürlich, dass dort der überwiegende Teil des Lebens stattfindet. Die Schule ist der zentrale Sozialisationspunkt. Wir alle wissen, dass an der Schule nicht nur Gutes passiert, sondern auch Negatives. Und dadurch eben auch sogenanntes Grievance, also Groll entstehen kann. Der benötigt wiederum eine Lösungsstrategie. Und wenn diese Lösungsstrategien inadäquat sind, dann kann das Ganze in Gewalt münden.
Die Schülerin kündigte den Amoklauf in Chats und gegenüber ihren Mitschülern an
Lokalzeit: Im vorliegenden Fall kündigte die 16-Jährige ihre Tat gegenüber ihren Mitschülern an. Ist das ein Vorgehen, das Amoktäter häufig wählen?
Heinemann: Ja, in einem sehr großen, überwiegenden Teil der Fälle ist es tatsächlich so, dass sich im Vorfeld solche Benachrichtigungen abzeichnen. Das wird Leaking genannt, also die Einweihung dritter Personen.
Was tun, um Amokläufe zu verhindern?
Lokalzeit: Wie kann bei ersten Anzeichen eine Tat verhindert werden?
Heinemann: Es kommt immer darauf an, wie tief die Person schon in ihren Gedanken und Plänen vorangeschritten ist. Wenn tatsächlich schon ein vollendeter Tatentschluss vorhanden ist, ist es vor allem für nicht fachkundiges Personal sehr schwierig, im Gespräch so jemanden umzustimmen. Generell ist es so, dass an den Schulen mehr Präventionsarbeit geleistet werden muss.
- Interview mit einer Therapeutin: Wie kann Schülern und Lehrern nach einem Amoklauf geholfen werden?
Lokalzeit: Was fordern Sie konkret?
Heinemann: Es muss unbedingt mehr über das Thema aufgeklärt werden. Dazu zähle ich Schüler, Eltern, aber auch das Schulpersonal. Gerade bei den Lehrkräften sehe ich es als absolut essenziell an, dass sie darin ausgebildet und geschult werden, wie man so eine Situation erkennt. Also nicht nur das Verhalten im Amokfall, sondern wie ich Warnsignale im Vorfeld identifiziere, um diese Entwicklung gegebenenfalls frühzeitig stoppen zu können.