Mordserie am Rhein-Maas Klinikum: Jetzt erzählt ein Angehöriger

WDR 04:07 Min. Verfügbar bis 19.06.2028

Mordserie am Rhein-Maas Klinikum Jetzt erzählt ein Angehöriger

Stand:

Der Fall hatte für Aufsehen gesorgt. Der Ex-Pfleger Ulrich S. ist wegen zehnfachen Mordes und versuchten Mordes in 27 Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Ein Mann aus Baesweiler, dessen Vater einen Mordversuch überlebt hat, erzählt seine Geschichte.

Wie ging es Ihrem Vater als er ins Krankenhaus kam?

Mein Vater hatte Krebs und nach einer OP eine große Kopfwunde, deswegen kam er auf die Palliativstation am Rhein-Maas Klinikum. Er sollte dort auf eine richtige Schmerztherapie eingestellt werden. Ansonsten war er zu der Zeit ganz normal, in guter, geistiger Verfassung und vor allem in einem körperlich guten Zustand - trotz seiner Krankheit.

Wie hat er sich im Krankenhaus verändert?

Nach ungefähr einer Woche dort wirkte er irgendwie verloren. Wenn man mit ihm sprechen wollte, musste man ihn anfassen, damit man seine Aufmerksamkeit bekommt. Für 10, 20 Sekunden konnten wir dann mit ihm sprechen, dann hat er sich wieder in seinen Gedanken verloren. Am Schlimmsten war es an seinem 88. Geburtstag. Die ganze Familie war ins Krankenhaus gekommen und wollte mit ihm feiern, aber an diesem Tag hat er überhaupt niemanden von uns wahrgenommen.

Wie haben Sie sich das erklärt?

Wir dachten, dass der Krebs vielleicht aufs Gehirn drückt und er deswegen so abwesend wirkt. Außerdem bekam er ja auch Medikamente für die Schmerztherapie, wir dachten, das sei vielleicht normal. Wir haben einfach dem Krankenhaus vertraut. Aber es war traurig mit anzusehen. Als er wieder zu Hause war, ging’s ihm nach einer Woche wieder viel besser. Er war auf einmal wieder fit, hat Rasen gemäht und die Hecke geschnitten.

Vogelperspektive auf das Rhein-Maas Klinikum.

Der Täter war im Rhein-Maas Klinikum angestellt.

Wann wurde Ihnen klar: Hier stimmt was nicht?

Das war kurz vor der Entlassung. Da haben die Krankenhausleiterin, die Pflegedienstleiterin und eine Juristin mit meinem Vater gesprochen. Er meinte, sie hätten ihm erklärt, dass mit der Behandlung vermutlich etwas falsch gelaufen sei und sie noch eine Blutprobe bräuchten. Die Polizei würde sich bald melden. Mein Vater war total aufgebracht und nervös. Wir konnten alle gar nicht glauben, in was für eine kriminelle Geschichte wir da geraten waren.

Wie waren dann die Ergebnisse im Gerichtsverfahren?

Das Gericht hat wohl nachgewiesen, dass es zwei Mordversuche durch den ehemaligen Pfleger Ulrich S. an meinem Vater gab, und zwar rund um den Geburtstag meines Vaters, als er ihm so schlecht ging. Der Pfleger hatte ja wohl vielen Patienten eine Überdosis an Schmerz- und Narkosemitteln verabreicht. Das war schwer für uns alle, wir wussten gar nicht, wie wir damit umgehen sollen.

"Das Krankenhaus unterliegt im Zusammenhang mit Arzneimitteln strengen gesetzlichen und verordnungsrechtlichen Vorgaben. Die Einhaltung dieser rechtlichen Regelungen wird durch umfangreiche Dienstanweisungen und Kontrollsysteme gewährleistet." Stellungnahme des Rhein-Maas Klinikums auf die Frage des WDR, ob das Kontrollsystem im Umgang mit Betäubungsmitteln verändert wurde.

Wie wütend sind Sie auf den Pfleger?

Ich bin vor allem sauer und enttäuscht vom Krankenhaus. Dass man da nicht früher gemerkt hat, dass da etwas aus dem Ruder läuft. Man hat ja auch im Prozess nachgewiesen, dass es da wirklich viele Auffälligkeiten gab, aber die blieben unbemerkt. Wenn ich so darüber nachdenke, dann wird mir manchmal schlecht.

Hat ihr Vater die Erlebnisse und Ermittlungen im Rhein-Maas Klinikum verarbeiten können?

Ich denke nicht. Als mein Vater ein paar Monate später ins Hospiz kam, gab es einen schrecklichen Vorfall. Er hat am Fenster gestanden, wollte rausspringen und hat zwei Stunden lang um Hilfe gerufen: Die wollen mich hier umbringen, hat er immer wieder gesagt. Er hatte Angst vor den Pflegern dort. Das war für uns das Schlimmste, was wir erlebt haben. Mein Vater war eigentlich immer ein sehr positiver Mensch, dass er so etwas am Ende seines Lebens durchmachen musste, tut weh.

Unser Quelle:

  • Gespräch mit Angehörigem

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Aachen, 19.06.2026, 19:30 Uhr

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