Mietwucher in NRW-Städten | Aktuelle Stunde
Aktuelle Stunde . 18.06.2026. 14:02 Min.. UT. Verfügbar bis 18.06.2028. WDR. Von Alexander Roettig.
Etwa 5.500 Online-Inserate für Wohnungen hat das Forschungsunternehmen Mietmonitor im Auftrag des Mietervereins Düsseldorf ausgewertet. Das Ergebnis der Studie ist am Donnerstag, dem 18. Juni, vorgestellt worden. Die Analyse zeichnet ein düsteres Bild des Wohnungsmarktes in der Landeshauptstadt: Die Zahlen seien "erschreckend", heißt es in einer Mitteilung des Vereins. Es werde "flächendeckend" gegen die Mietpreisbremse verstoßen, Mietpreisüberhöhung und Mietwucher seien "an der Tagesordnung".
Im Vergleich zum Jahr 2022, als die Vorgängerstudie erstellt wurde, habe sich die Situation durchgängig verschlechtert. "Wir haben eine Verdoppelung der Fälle von überhöhten Mieten, also Verstößen gegen die Mietpreisbremse. Deutlich zugenommen hat die Zahl der Mietpreisüberhöhungen, was eine Ordnungswidrigkeit ist. Der Anstieg des kriminellen Mietwuchers ist erschreckend", sagt Hans-Jochem Witzke, Vorsitzender des Mietervereins.
Jedes zweite Inserat verstößt gegen Bestimmungen
In der Studie wurden 4.500 Inserate für unmöblierte und 1.000 Inserate für möblierte Wohnungen aus den vergangenen zwei Jahren untersucht. Das Ergebnis: Hat im Jahr 2022 jede vierte angebotene Wohnung gegen Mietpreisbegrenzungen verstoßen, ist es jetzt mindestens die Hälfte. Die meisten überteuerten Angebote gab es laut der Studie in Düsseldorfer Stadtteilen wie Kaiserswerth, gefolgt von Oberkassel, Niederkassel und Unterbilk. Bei der Hälfte der unmöblierten Wohnungen, die mutmaßlich gegen die Mietpreisbremse verstoßen, ließe sich die Miete um mindestens 134 Euro pro Monat reduzieren.
Immer mehr Vermieter hielten sich nicht an Recht und Ordnung, beklagt der Mieterverein. Die scheinbar unbegrenzt steigenden Miet- und Wohnkosten seien für die große Mehrheit der Menschen in Düsseldorf ein Problem. Demnach lautet die Forderung von Claus Nesemann, Geschäftsführer des Mietervereins: "Die Stadt soll endlich ernsthaft den Online-Wohnungsmarkt überwachen, mahnen und abmahnen."
Wann spricht man von überhöhter Miete, wann von Mietwucher?
Es gibt in Deutschland genaue Definitionen der Begriffe, an denen sich die Politik und die Verwaltung in den Kommunen orientiert. Ein überhöhter Mietpreis herrscht laut Wirtschaftsstrafgesetz (§5) dann, wenn die örtliche Vergleichsmiete um mehr als 20 Prozent überschritten wird. Ist die Miete über 50 Prozent höher als die Vergleichsmiete, wird von Mietwucher gesprochen. Mietwucher gilt juristisch gesehen als Straftat, während eine überhöhte Miete nur als Ordnungswidrigkeit gesehen wird.
Die Mietpreisbremse legt Obergrenzen fest.
Mietwucher kann mit Geldstrafen und einer Freiheitsstrafe von maximal drei Jahren Haft bestraft werden, in besonders schweren Fällen können auch zehn Jahre verhängt werden. Wer überhöhte Mieten verlangt und verurteilt wird, muss mit einer Geldstrafe von bis zu 50.000 Euro rechnen.
Was wird in NRW dagegen unternommen?
In NRW ist eine Mietpreisbremse in Kraft. 2015 wurde diese in 18 Kommunen eingeführt, seit März 2025 gilt sie in 57 Kommunen (siehe unten). Diese Bremse funktioniert relativ simpel: Mieten dürfen dort nur alle drei Jahre um maximal 15 Prozent steigen. Bei neuen Mietverträgen gilt eine Preisgrenze von maximal 10 Prozent über der ortsüblichen Miete.
Mietervereine kritisieren die Mietpreisbremse allerdings als nicht ausreichend. So werden Verstöße von Vermietern nicht mit einem Bußgeld bestraft. Es muss lediglich die zu viel gezahlte Miete zurückgezahlt werden - und das auch nur höchstens für zweieinhalb Jahre. "So haben Vermieter keinen direkten finanziellen Anreiz, sich aus eigenen Stücken an die Mietpreisbremse zu halten", heißt es etwa beim Mieterverein Düsseldorf. Das Bauministerium des Landes sieht dagegen keinen Handlungsbedarf. Die Mieterschutzverordnung sei "wirksam", hieß in einer Mitteilung auf Nachfrage des WDR.
Wo in NRW haben es Mieter besonders schwer?
In NRW gibt es seit März 2025 die neue Mieterschutzverordnung, auch bekannt als Mietpreisbremse. Diese gilt laut NRW-Bauministerium in Gebieten, denen per Gutachten ein "angespannter Wohnungsmarkt" attestiert wurde. Die Situation für Mieterinnen und Mieter in insgesamt 57 NRW-Kommunen gilt demnach als angespannt. Darunter finden sich Großstädte wie Düsseldorf, Köln, Bonn, Münster, Bielefeld oder Dortmund, aber auch kleinere Orte wie Rösrath, Telgte, Lotte, Bad Lippspringe oder Alfter.
Die meisten betroffenen Kommunen liegen im Rheinland. Im Ruhrgebiet hingegen gebe es aktuell kein gravierendes Problem mit Mietwucher, teilte der Mieterschutzbund Recklinghausen dem WDR mit. Das liege am sozialen Gefüge im Ruhrgebiet mit vielen niedrigeren Einkommen, sagt der Vorsitzende Claus Beese. Außerdem seien viele Wohnungen in der Hand von Wohnungsbaugesellschaften, die eher moderate Mieten verlangten.
Wie funktioniert der Trick mit den möblierten Wohnungen?
Seit die Mietpreisbremse in Kraft ist, ist der Anteil an möblierten Wohnungen auf dem Markt stark gestiegen. Laut "German Real Estate Index" des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW Kiel) beziehen sich 17 Prozent aller Wohnungsinserate in 37 untersuchten großen deutschen Städten auf möblierte Wohnungen. Hier wird dann oft ein "Möblierungszuschlag" fällig, der im Gegensatz zur Miete nicht reguliert wird. Im schlimmsten Fall wird dann für ein altes Sofa und ein klappriges Bett ein üppiger Aufschlag fällig. "So kann man die gesetzliche Mietpreisbremse umgehen", sagt Hans-Jochem Witzke, NRW-Vorsitzender des Deutschen Mieterbundes.
Auch an Karneval sind die hohen Mieten ein Thema.
Um diese Auswüchse zu bekämpfen, hat das Bundesjustizministerium eine Gesetzesinitiative angestoßen. Möblierungszuschläge sollen demnach in Zukunft gesondert ausgewiesen werden. Sie sollen "angemessen" sein und sich am realen Wert der Möbel orientieren.
Wie kann ich feststellen, ob ich zu viel Miete zahle?
Entscheidend ist die ortsübliche Vergleichsmiete, die als Bezugsgröße dient. Viele größere Kommunen haben ihren Mietspiegel oder sogar entsprechende Berechnungstools auf ihren Homepages hinterlegt. Ansonsten können Mieter den Mietspiegel beim Wohnungsamt der Kommune erfragen.
Oder man nutzt eines der vielen Online-Tools wie etwa die "Mietwucher-App" der Partei Die Linke. Wer in Bochum, Bonn, Dortmund, Köln oder Münster lebt, kann dort seine Adresse eingeben und ein paar Angaben machen: Wohnungsgröße, Nettokaltmiete, Baujahr sowie Sanierungszustand, Ausstattung, Lage und Gesamtzustand des Hauses. Die App ermittelt aufgrund der Angaben, ob die Miete überhoht oder gar als Wucher gilt und gibt Hinweise, was dagegen unternommen kann. Es gibt sogar die Möglichkeit, direkt über die App eine Meldung beim zuständigen Wohnungsamt zu machen.
Die App kann in Dortmund seit Dezember 2024, in den anderen vier NRW-Städten seit Juli 2025 genutzt werden. Die bisherige Bilanz: Über 44.000 Haushalte in NRW hätten bislang gecheckt, ob sie zu viel Miete zahlen. Zwei Drittel der überprüften Mieten seien überhöht gewesen, teilte Die Linke mit. Negativ-Spitzenreiter war der Auswertung zufolge Köln: Dort seien die gemeldeten Mieten im Schnitt um 70 Prozent überhöht gewesen.
Köln ist ein sehr teures Pflaster für Mieter.
Insgesamt hätten allerdings nur 882 der über 28.000 betroffenen NRW-Haushalte Verdachtsmeldungen an die zuständigen Ämter verschickt. Viele Haushalte meldeten die Verstöße nicht "aus Angst, ihre Wohnung zu verlieren", teilte das Büro der wohnungspolitischen Sprecherin Caren Lay dem WDR mit.
Auch viele Mietervereinigungen bieten solche Rechner an. So hat der Mieterverein Düsseldorf ein Online-Tool, das ähnlich funktioniert wie die Mietwucher-App. Hier können auch Nicht-Mitglieder innerhalb von zehn Minuten ermitteln, ob sie zu viel Miete zahlen und dies im Fall der Fälle direkt dem Wohnungsamt melden und Anzeige erstatten. Laut Mieterverein hat die Stadt aufgrund von Meldungen in diesem Tool inzwischen 30 Verfahren eingeleitet.
Hinweis der Redaktion, 19.6.2026: Im Beitrag stand zunächst, dass der Mieterverein Düsseldorf die Inserate ausgewertet habe. Tatsächlich wurde die Studie im Auftrag des Mietervereins vom Unternehmen Mietmonitor durchgeführt. Das haben wir nachträglich präzisiert.
Unser Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa, AP
- Strafgesetzbuch
- Wirtschaftsstrafgesetz
- Bauministerium NRW
- Mietwucher-App der Linken
- Mieterverein Düsseldorf
- Mieterschutzbund Recklinghausen
- Bundestagsbüro von Caren Ley (Die Linke)
Sendung: WDR.de, Mietwucher in NRW: Wann wird's unseriös und wie wehre ich mich?, 18.06.2026, 10:25 Uhr
