Der ganze Stolz ihres Mannes: Marianne Lütkehölter hat alte Traktoren geerbt
Marianne Lütkehölter muss ihre gesamte Kraft aufwenden, um den schweren Eisenriegel am Holztor der uralten Scheune zu heben. Im schummrigen Dämmerlicht befindet sich all das, was vom Lebenswerk ihres Mannes noch übrig ist.
Hölzerne Anhänger für Landmaschinen, die seit Jahrzehnten diesen Ort nicht mehr verlassen haben. Ausgebaute Motoren und verrostete Zylinderköpfe. Ein archaischer Mähdrescher, an dem der Lack abblättert. Und fünf Traktoren. Unter einer dicken Staubschicht schimmert an einigen Stellen noch immer stolz ihre blaue Farbe hindurch. Es sind Modelle der Marke Fordson aus den 1950er- und 1960er-Jahren.
Das sind die alten Traktoren in Bielefeld
00:26 Min.. Verfügbar bis 14.09.2027.
"Power Major" heißt eines der Traktor-Modelle. Der Name prangt auf der Motorhaube. Fordson ist eine traditionsreiche Marke aus den USA, erdacht vom legendären amerikanischen Automobilpionier Henry Ford und seinem Sohn, Edsel Ford. Henry Ford and Son, kurz: Fordson. Amerikanische Traktoren, gebaut im englischen Dagenham, konzipiert für europäische Landwirte.
Auf einem Acker waren die Oldtimer von Marianne Lütkehölter schon lange nicht mehr unterwegs, vielleicht werden sie es auch nie wieder sein. Bei einigen ist die gesamte Karosserie durchgerostet, bei anderen fehlt das Getriebe. Dennoch hat die Besitzerin die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich jemand der Oldtimer erbarmt: "Wenn sich niemand findet, dann muss ich sie leider auf den Schrott geben." Und das, findet sie, sei einfach zu schade.
2000 Euro auf dem Dachboden
Auch finanziell: Durchschnittlich lagen in deutschen Haushalten 2022 ungenutzte Gegenstände im Wert von mehr 2000 Euro. Das ergab eine Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov zusammen mit dem Wuppertal Institut. Mit ihren fünf Traktoren lagert Lütkehölter einen nochmal deutlich höheren Wert in ihrer Scheune.
Die Oldtimer-Traktoren verrosten auf dem Bielefelder Bauernhof
Auf dem Bauernhof der Lütkehölters drehte sich alles um Traktoren. Mariannes Mann August, ein notorischer Sammler, hortete hier alles, was er in die Finger kriegen konnte. Einst standen hier laut Lütkehölter bis zu 25 Oldtimer gleichzeitig auf dem Bauernhof. Fast alle von ihnen sind Trecker aus dem Hause Fordson. "Er hat alles gekauft, was blau-weiß war", sagt seine Witwe heute.
Während sie die meisten von ihnen mittlerweile verkauft hat, sind auf dem Dachboden des alten Bauernhauses aus dem 19. Jahrhundert noch immer die Spuren des Treckerwahnsinns sichtbar. Zentnerschwer lagert hier Literatur, die seit Jahrzehnten niemand mehr gelesen hat. Treckerzeitschriften, Treckerbücher, Fotos von Treckern.
Was hat Lütkehölters Mann so an Treckern fasziniert?
00:18 Min.. Verfügbar bis 14.09.2027.
Lütkehölter nahm die ausufernde Leidenschaft ihres Ehemannes einfach hin. Doch jetzt, knapp drei Jahre nach seinem Tod, will die 76-Jährige einen Schlussstrich ziehen. Alles, was mit Traktoren zu tun hat, muss raus. "August war ein sehr schwieriger Mann. Intelligent, aber schwierig. Ich durfte damals einfach nichts wegschmeißen", meint sie heute.
Oldtimer-Traktoren für ein kleines Vermögen
Aber sind die kaputten Trecker-Oldies von Lütkehölter überhaupt noch etwas wert? Könnte sein, muss aber nicht, meint Dirk Lindner aus dem hessischen Groß-Gerau. Lindner ist so etwas wie der deutsche "Fordson-Papst", jahrzehntelang betrieb er im Internet eine Seite für Ersatzteile der Oldtimer-Marke.
Zwar seien die alten Fordson hierzulande nicht so bekannt wie vergleichbare Schlepper von deutschen Herstellern wie Deutz, Porsche oder Lanz, aber wertlos seien sie deswegen noch lange nicht: "Der Markt für deutsche Oldtimer-Trecker ist abgegrast. Deswegen werden die Fordson jetzt immer beliebter. Die kriegst du einfach nicht kaputt." Lindner schätzt alle fünf der fahrunfähigen Traktoren zusammen auf einen Wert von etwa 10.000 Euro.
Vorausgesetzt, ihre Besitzerin findet einen Sammler, der bereit ist, sie ihr als Paket abzukaufen. "Wenn man sie einzeln verkauft, ist vielleicht noch ein bisschen mehr drin. Aber das wäre auch viel mehr Arbeit", sagt Lindner.
Für Lütkehölter sind das gute Nachrichten. Den Platz in der Scheune hat sie ohnehin schon längst verplant. Ihre Nachbarn wollen ihr Wohnmobil hier unterbringen. Irgendwann, meint sie, während sie das Scheunentor hinter sich schließt, sei es auch mal gut mit der Sammelleidenschaft. Die Oldtimer rosten erstmal weiter, wo sie sind. Zumindest vorerst.
Über dieses Thema haben wir auch am 04.09.2025 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit OWL, 19.30 Uhr.
