Elsdorf: Ein Bagger steht in der Nähe des Aussichtspunktes Terra Nova im Tagebau Hambach

Der Blick in den Tagebau Garzweiler zeigt das Ausmaß des Braunkohleabbaus.

Rheinisches Braunkohlerevier: Kein Aufbruch in den "Zukunftsdörfern"

Stand:

In den geretteten Erkelenzer Dörfern geht es nur langsam voran. Verfallen jetzt auch noch hunderte Millionen Euro Fördergeld?

Von
Tobias Zacher
Tobias Zacher
und Fritz Sprengart

Dreieinhalb Jahre nach der Rettung der fünf Erkelenzer Dörfer kommt die versprochene Wiederbelebung von Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich, Unterwestrich und Berverath nur langsam voran.

Lediglich ein ehemaliger Eigentümer hat von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht und sein altes Haus zurückgekauft. Ein weiterer Vertrag steht kurz vor dem Abschluss, sechs weitere Familien überlegen aktuell noch. Das teilt die Stadt Erkelenz auf WDR-Anfrage mit. Insgesamt waren rund 1.500 Menschen aus den fünf Dörfern weggezogen.

Häuser auf Immobilienportale gestellt

Die übrigen rund 500 Häuser kommen nun auf den freien Markt, werden nach und nach von Maklern auf den gängigen Immobilienportalen angeboten. Dort verlangt der Verkäufer, der Braunkohle-Konzern RWE, Festpreise in der Größenordnung von häufig 200.000 Euro - für Wohngebäude, die seit vielen Jahren leer stehen und zunehmend verfallen. Dem Vernehmen nach halten diese Beträge angesichts des Sanierungsbedarfs frühere Bewohner teils von einer Rückkehr ab.

Ex-Bewohner darf Haus nicht zurückkaufen

Oliver Kanneberg im Interview. Er steht auf einer leeren Straße.

Oliver Kanneberg

Es gibt auch Menschen, die zurück wollen in ihre alte Heimat - aber nicht können. Oliver Kanneberg lebte 20 Jahre in Kuckum, zog in einem Haus am Ortsrand seine Tochter groß, vor sieben Jahren wurde er umgesiedelt. In dem mehrstufigen Rückkaufsprozess mit der Stadt Erkelenz hatte er irgenwann entnervt aufgegeben. Dann meldete sich RWE im November und fragte, ob er noch Interesse habe. "Ich habe gesagt: ja", erzählt Oliver Kanneberg. Doch der Makler, an den RWE ihn dann verwies, ließ seine Hoffnungen schnell platzen.

"Leider können wir Ihnen derzeit keine Zusage geben, da es bereits einen anderen Interessenten gibt, welcher seinen Kaufwunsch auch zeitlich bereits vor Ihrem abgegeben hatte", teilte man ihm per Mail mit. Kanneberg fühlt sich ohnmächtig. "Der Mittelpunkt unseres Lebens hat sich hier abgespielt", sagt er über sein früheres Haus in Kuckum. "Ich möchte gern dieses Stück Heimat wieder in unserem Besitz haben."

Alte Bewohner wollen nicht zurück, neue sind nicht da

Seit Oktober 2022 steht endgültig fest, dass die fünf Erkelenzer Dörfer doch nicht von den Braunkohlebaggern des Tagebaus Garzweiler II weggegraben werden. Seitdem ist von Wiederbelebung und "Zukunftsdörfern" die Rede. Aber im Januar 2026 wollen oder können die alten Bewohner nicht zurück - und die neuen sind noch immer nicht da.

Wer sich in den Dörfern umschaut, sieht deshalb überall zugewachsene Vorgärten, staubige Fensterscheiben und bröckelnde Fassaden. Dazwischen nur vereinzelt bewohnte, gepflegte Häuser. "Hier hat sich eigentlich überhaupt nichts verändert", sagt Ex-Kuckumer Kanneberg.

Warum dauert das alles so lange?

Dabei hatte der Erkelenzer Bürgermeister Stephan Muckel (CDU) eine "zügige, qualitätsvolle Revitalisierung der fünf Erkelenzer Dörfer" versprochen. Warum dauert das alles so lange?

Am Geld kann es eigentlich liegen: Insgesamt 14,8 Milliarden stehen bis 2038 zur Verfügung für das große Projekt "Strukturwandel im Rheinischen Revier" - für Dorfbelebung, Arbeitsplätze, Neuanfang. Doch dieses Geld drohe teils zu verfallen, das befürchtet die Opposition im Landtag.

Der Grund: Bis Ende des Jahres müssen Projekte mit einem Volumen von zwei Milliarden Euro bewilligt sein, damit dieser Betrag vom Bund auch ins Rheinische Revier fließt. Tatsächlich hat die Landesregierung aber erst 546,5 Millionen Euro fest abgerufen, das teilt das NRW-Wirtschaftsministerium auf WDR-Anfrage mit.

Verfällt das Fördergeld?

Lena Teschlade

Lena Teschlade (SPD)

Weil weitere Projekte mit einem Volumen von mehr als einer Milliarde Euro derzeit im Verfahren sind, rechnet die Landesregierung in ihrer Budgetplanung mit 1,87 Milliarden Euro abgerufenem Fördergeld bis Jahresende. Allein: Ausgemacht ist das nicht.

Lena Teschlade, die in der SPD-Fraktion Beauftragte für das Rheinische Revier ist, will nicht so recht daran glauben. Der Prozess der Bewilligungen sei zwar von der schwarz-grünen Landesregierung beschleunigt worden. "Selbst wenn sie die Geschwindigkeit nochmal verdoppeln würden, was unrealistisch ist, würde man trotzdem nicht alles Geld verausgaben können", rechnet sie vor.

Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung

Ina Scharrenbach (CDU)

Bau- und Kommunalministerin Ina Scharrenbach (CDU) hält dagegen: Die Gefahr, dass die zwei Milliarden Euro verfallen, sehe sie "gar nicht", sagt sie. "Ziel ist es, dass kein Geld verfällt - und ich bin optimistisch, dass das auch gelingt", so Scharrenbach.

"Vielleicht wird das zehn Jahre dauern."

Stephan Muckel, Bürgermeister von Erkelenz

Stephan Muckel (CDU)

Dieses Fördergeld ist seit 2020 abrufbar, auch wenn davon in den fünf Erkelenzer Dörfern noch wenig zu sehen ist. Bürgermeister Muckel mahnt zur Geduld: Es gebe "keine Blaupause" für eine solche Wiederbelebung. Er verspricht für die Dörfer Dorfgemeinschaftshäuser, einen Kindergarten, und "irgendwann dort wieder eine Schule hinzubringen."

Er räumt aber auch ein: "Vielleicht wird das zehn Jahre dauern." Ihm sei es "ganz wichtig, dass ab 2036 Wasser in die Grube fließt." Ab dann soll der nahe Kohle-Tagebau geflutet und so in einen See verwandelt werden. "Und spätestens dann wird sich dieser Raum toll entwickeln."

Wiederbelebung der "Zukunftftsdörfer" kommt kaum voran

WDR Studios NRW 30.01.2026 01:09 Min. Verfügbar bis 30.01.2028 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Stadt Erkelenz
  • NRW-Wirtschaftsministerium
  • Eckpunktevereinbarung Braunkohleausstieg 2030
  • Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen
  • Interview Ina Scharrenbach
  • Interview Lena Teschlade
  • Interview Stephan Muckel
  • Interview Oliver Kanneberg

Sendung: WDR.de, Wiederbelebung der "Zukunftsdörfer" kommt kaum voran, 30.01.2026, 11:00 Uhr

Weitere Beiträge zur Politik in NRW

1 / 2