Castor-Transporte in Nordrhein-Westfalen

"Kraftakt" Castor-Transporte: Wer hat uns das eingebrockt?

Stand:

CDU, Grüne, SPD - die größten Landtags-Fraktionen wollten die Atommüll-Transporte nicht. Warum rollen sie trotzdem? Eine Analyse.

Der erste von 152 Castor-Behältern ist erfolgreich von Jülich nach Ahaus gebracht worden. Ohne Zwischenfälle, und mit einer Transportzeit von rund vier Stunden sogar etwas schneller als vorab erhofft.

Das ist die gute Nachricht.

Gigantischer Aufwand

Hinter dieser scheinbaren Erfolgsgeschichte steckt ein gigantischer Aufwand: Ein Polizeieinsatz mit 2.400 Beamtinnen und Beamten. Sicherheitskonzepte mit hunderten Beteiligten. Und Einschränkungen für Menschen überall in NRW, weil sie zu später Stunde an gesperrten Autobahn-Auffahrten feststeckten. Jülich und Ahaus wirkten zeitweise wie belagert angesichts der vielen Polizeikräfte.

Dazu kam die Sorge vor der radioaktiven Strahlung: Was, wenn etwas schief geht? Schließlich sind die Brennelemente, die 170 Kilometer durch NRW gefahren werden, hochangereichert.

Die schlechte Nachricht ist: Dieses Schauspiel wird sich noch dutzendfach wiederholen.

Mindestens 51 weitere Transporte

NRW-Innenminister Herbert Reul

Herbert Reul (CDU)

Denn in Jülich warten weitere 151 Behälter auf ihren Transport nach Ahaus. Selbst wenn in Zukunft, wie angedacht, bis zu drei Behälter zu einer Transportfahrt gebündelt werden, bedeutet das mindestens 51 weitere Castor-Konvoi-Fahrten.

Vermutlich werden es am Ende deutlich mehr. Bereits den ersten Transport nannte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Morgen danach einen "Kraftakt", auf den er "gerne verzichtet" hätte.

Das alles kostet viel Geld: Mehr als 150 Millionen Euro sind laut Jülicher Entsorgungsgesellschaft (JEN) für die Transporte nach Ahaus und die Lagerung der Behälter veranschlagt. Die Kosten für die Polizeieinsätze, die bei jeder Fahrt aufs Neue nötig werden, kommen noch oben drauf.

Ein ziemlicher Wahnsinn?

Ist das nicht alles ein ziemlicher Wahnsinn? Hätte es nicht eine andere Lösung geben können? Zumal Landesregierung und die größte Oppositionsfraktion, die SPD, in seltener Einigkeit gegen die Transporte sind?

Eine Antwort in fünf Akten, die am Ende auf zwei Punkte zulaufen werden: politisches Risiko und Geld.

1. Geübte politische Spielchen

Tatsächlich gibt es seit vielen Jahren die Idee, die Castor-Behälter in Jülich zu lassen. In einem neuen, modernen Zwischenlager. Es wäre der Weg gewesen, die aufwändigen und nicht vollkommen ungefährlichen Transporte zu vermeiden. Die schwarz-grüne Landesregierung ist dafür: Sie wolle "eine Minimierung von Atomtransporten" und "die Option eines Neubaus eines Zwischenlagers in Jülich vorantreiben", vereinbarte sie bereits 2022 in ihrem Koalitionsvertrag.

Doch dieses neue Zwischenlager in Jülich wurde nie gebaut. So wurden die Transporte nach Ahaus unausweichlich.

Neubau in Jülich nie umgesetzt

30.01.2026, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Alexander Vogt (SPD), Mitglied des Landtages, spricht bei einer aktuellen Stunde zu Staus in Nordrhein-Westphalen im Landtag.

Alexander Vogt (SPD)

Für die SPD-Opposition im Landtag teilt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Alexander Vogt mit, das sei "allein das Ergebnis schwarz-grüner Tatenlosigkeit und damit das Scheitern von Wirtschaftsministerin Mona Neubaur".

Damit nimmt er seinen Parteifreund in Berlin in Schutz: Carsten Schneider, der als Bundesumweltminister auch für nukleare Sicherheit zuständig ist und die Bundes-Atomaufsicht führt.

Mona Neubaur (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie von Nordrhein-Westfalen sowie stellvertretende Ministerpräsidentin, spricht bei ihrer Jahresauftakt-Pressekonferenz in der Landespressekonferenz.

Mona Neubaur (Grüne)

NRW-Energieministerin Neubaur (Grüne) verteidigt sich mit den Worten, sie habe sich "eine andere Entscheidung des Bundes" gewünscht, sich für einen Zwischenlager-Neubau in Jülich eingesetzt und "alle Handlungsoptionen ausgeschöpft, um unnötige Transporte zu vermeiden."

Ihr Ministerium hat in NRW die Atomaufsicht.

Bund und Land zeigen aufeinander

So geht da politische Spielchen seit vielen Jahren: Das Land verweist auf die Verantwortung des Bundes. Der Bund bemängelt, das Land mache seine Hausaufgaben nicht.

Wer hat Recht?

2. Das Geflecht der Zuständigkeiten

1988 wurde der experimentelle "Kugelhaufenhochtemperaturreaktor" in Jülich stillgelegt. Übrig blieben 288.161 strahlende Brennelemente-Kugeln, die in ihren Castor-Behältern seit 1993 in einem nahgelegenen Zwischenlager aufbewahrt werden, bis heute.

Atommüll im Zwischenlager Jülich

Atommüll im Zwischenlager Jülich

Für den Atommüll und das Zwischenlager ist die Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen mbH (JEN) zuständig, eine hundertprozentige Tochter der bundeseigenen Entsorgungswerk für Nuklearanlagen GmbH (EWN). Die Kosten für Lagerung und Transport der Jülicher Castoren muss die JEN tragen, das Geld dafür bekommt sie von Bund (70 Prozent) und Land NRW (30 Prozent).

Die Genehmigung für das Jülicher Zwischenlager war von Anfang an auf 20 Jahre befristet. Weil damals wie heute ein Endlager für Atommüll in Deutschland nicht in Sicht ist, war klar: Entweder müssen ab 2013 die Castor-Behälter in ein anderes Zwischenlager - oder eine neue Genehmigung für den Standort Jülich muss her.

Bedenken bei Erdbebensicherheit in Jülich

Garrelt Duin bei Rede im Landtag

Garrelt Duin (SPD) 2013

Über solche Genehmigungen entscheidet das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE). Es ist als Behörde dem Bundesumweltministerium nachgeordnet - und verweigerte 2013 endgültig die weitere Genehmigung für das bisherige Jülicher Zwischenlager, wegen Bedenken bei der Erdbebensicherheit.

Die NRW-Atomaufsicht, damals noch in der Hand von Energieminister Garrelt Duin (SPD), sah sich deshalb 2014 gezwungen, die "unverzügliche" Räumung des Jülicher Lagers anzuordnen. Seitdem stehen die Castor-Behälter dort ohne Genehmigung.

Die Räumungsanordnung stellt nur fest, dass der Atommüll aus dem ungenehmigten Lager geschafft werden muss. Wohin, das muss die JEN entscheiden. Die verfolgte viele Jahre zwei Möglichkeiten parallel: Transport des Atommülls in das Zwischenlager Ahaus, das immerhin bis 2036 eine Genehmigung hat. Oder Neubau eines genehmigten Zwischenlagers in Jülich.

Bei der Ahaus-Option ging es schnell

Die Aufbewahrung der Jülicher Castoren in Ahaus genehmigte das BASE im Jahr 2016. Dass die zugehörige Transportgenehmigung erst neun Jahre später kam, im August 2025, ist auf den langen Rechtsstreit mit der Stadt Ahaus zurückzuführen, die dagegen klagte. Das Bundesamt handelte hier zügig.

Für ein neues Zwischenlager in Jülich dagegen gibt es bis heute keinen Antrag der JEN, geschweige denn eine Genehmigung des BASE. Zunächst war die Erdbebensicherheit der Hinderungsgrund, bevor das BASE im Herbst 2022 nach vielen Untersuchungen befand, dass es in dieser Hinsicht doch keine besondere Gefahr in Jülich gibt. Auch das Platzproblem wurde schließlich gelöst: Die JEN wählte zwei Grundstücke, die in Landesbesitz sind, für das neue Zwischenlager aus.

3. Gegenseitige Schuldzuweisungen

Gebaut wurde dieses Zwischenlager trotzdem nicht. Die JEN kaufte die angebotenen Flächen nie. Das kritisiert NRW-Ministerin Neubaur.

"Die JEN hätte bereits die für einen Zwischenlager-Neubau seitens der Landesregierung bereit gestellten Flächen erwerben können. Wir waren auch bereit, Mehrkosten dafür in Kauf zu nehmen und mitzutragen. Leider hat der Bund diese Lösung nicht unterstützt." Mona Neubaur (Grüne)

Es gibt also mit dem BASE eine Bundesbehörde, die zügig den Transport nach Ahaus genehmigt, aber bei der Neubaulösung in Jülich immer wieder Bedenken geltend macht. Und mit der JEN eine Bundes-Tochterfirma, die angebotene Grundstücke für ein neues Zwischenlager in Jülich nicht kauft.

Darüber das Bundesumweltministerium, das gegenüber der Genehmigungsbehörde BASE weisungsbefugt ist. Und das Bundesfinanzministerium, das alleiniger Gesellschafter der Mutter-GmbH der JEN ist.

Warum kritisiert SPD-Fraktionsvize Alexander Vogt trotzdem immer wieder hartnäckig NRW-Ministerin Neubaur ?

"Die Landesregierung hat bewusst darauf verzichtet, einen Neubau eines Zwischenlagers in Jülich zu forcieren. Und das, obwohl der Bund dazu bereit war, sollte das Land die Mehrkosten tragen." Alexander Vogt (SPD)

Der Schlüssel liegt im Wort "Mehrkosten".

4. Ein vergiftetes Angebot?

Denn das Bundesumweltministerium von SPD-Mann Schneider schätzt, dass eine Lösung mit neuem Zwischenlager in Jülich ungefähr 450 Millionen Euro teurer wäre als die Einlagerung in Ahaus.

Angesichts eines Bundeshaushalts von rund 500 Milliarden Euro mag diese Summe zwar eher klein erscheinen. Zumal das Land NRW ja, nach den Regeln der JEN-Finanzierung, davon immerhin 30 Prozent tragen müsste - und auch würde, wie Neubaur mehrfach versicherte.

Castor-Transporte: Schwarzer Peter mit Atommüll

Westpol 31.08.2025 06:16 Min. UT DGS Verfügbar bis 31.08.2030 WDR

Bund scheut Mehrkosten-Anteil

Trotzdem war der Bund nicht bereit, seinen Teil dieser Mehrkosten zu tragen: Dessen drei Ministerien für Umwelt, Finanzen und Forschung ließen den Haushaltsausschuss des Bundestags bereits 2022 wissen, dass sie die Ahaus-Lösung "aus wirtschaftlichen und zeitlichen Gründen als grundsätzlich vorzugswürdig einordnen". Die drei Häuser seien sich deshalb einig, "die Option des Neubaus eines Zwischenlagers in Jülich 'so bald wie möglich' nicht weiter zu verfolgen, weil der Castoren-Transport nach Ahaus deutlich schneller und kostengünstiger zu realisieren sei".

Carsten Schneider spricht im Plenum des Deutschen Bundestages

Carsten Schneider (SPD)

Zusätzlich forderte der Haushaltsausschuss des Bundestages mit einem Maßgabebeschluss wenig später, "die kostengünstigere Verbringung der Brennelemente nach Ahaus zu verfolgen, falls das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) die Mehrkosten eines Neubaus in Jülich nicht tragen möchte."

Gemeint sind hier die gesamten Mehrkosten von geschätzt 450 Millionen Euro, inklusive Bundesanteil. Dieser Beschluss sei für die Bundesregierung "von besonderer Bedeutung", betonte das Haus von Bundesminister Schneider, der aus Thüringen stammt, noch 2025.

Man kann das als vergiftetes Angebot auffassen, das Berlin an Düsseldorf sendete: Ihr wollt Euch dutzende umstrittene Castor-Transporte ersparen? Die ganzen Sicherheitsvorkehrungen, die unangenehmen politischen Debatten? Dann zahlt für uns mit. Falls nicht: Wir im Bund können mit den Transporten leben. Das politische Risiko habt vor allem Ihr in NRW.

5. Schwarz-grün will nicht allein zahlen

Die schwarz-grüne Landesregierung stand also vor der Frage, ob sie dem Bund alle Kosten abnehmen und die geschätzt 450 Millionen Euro Mehrkosten für die Jülich-Option komplett allein aus dem Landeshaushalt stemmen will.

CDU und Grüne entschieden sich dagegen. "Ein Zwischenlagerneubau allein auf Kosten des Landes ist nicht finanzierbar", schrieb Neubaur im vergangenen Herbst an den Wirtschaftsausschuss des Landtags. "Zudem würde dies die Beteiligungsverhältnisse von Bund und Land an der JEN nicht sachgerecht abbilden." Gemeint ist hier die eigentlich vereinbarte Kostenverteilung von 70 Prozent Bund, 30 Prozent Land.

Die SPD-Fraktion hat also einen Punkt, wenn ihr Vize Alexander Vogt der Landesregierung vorwirft: "Aus Kostengründen wurde eine sichere Lösung blockiert und stattdessen der Weg für Transporte quer durch NRW geöffnet." Dieser Vorwurf müsste aber, angesichts der Zuständigkeiten und Entscheidungsbefugnisse, mindestens genauso laut in Richtung Bundesregierung erhoben werden.

Fazit: Castor-Transporte sind schwarz, rot, grün

2022 stellte der Bundesrechnungshof in einem Bericht zu den Jülicher Castoren fest, dass das Bundesumweltministerium bei der Entscheidung "Jülich oder Ahaus" einen "großen Einfluss auf das Verfahren" hat. In Fragen der Atomaufsicht habe es die Fachaufsicht über die Länder, "was im Einzelfall auch zu bindenden Weisungen führen kann".

Wenn SPD-Mann Vogt sagt, "das Kennzeichen dieser Transporte ist schwarz-grün", dann hat er nicht unrecht. Aber er verschweigt, dass das Kennzeichen noch eine dritte Farbe hat: rot.

Unsere Quellen:

  • Eigene Recherche
  • Drucksachen aus Landtag und Bundestag
  • Statements Mona Neubaur, Alexander Vogt, Herbert Reul
  • Bericht des Bundesrechnungshofs
  • Koalitionsvertrag von CDU und Grünen in NRW von 2022

Wer ist politisch verantwortlich für die Castor-Transporte?

WDR Studios NRW 26.03.2026 00:52 Min. Verfügbar bis 25.03.2028 WDR Online

Sendung: WDR.de, Wer ist politisch verantwortlich für die Castor-Transporte?, 26.03.2026, 12:48 Uhr

Hinweis: In einer früheren Version des Artikels hieß es, das in den Castoren transportierte Material sei waffenfähig. Wir haben dies korrigiert.

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