Woran denken Sie, wenn Sie das Wort "Castor-Transport" hören?
Das Erste, was mir dazu in den Sinn kommt, sind die Ortsmarken La Hague, Wendland und Gorleben - sorgfältig betont von steifen Nachrichtenmenschen.
Castor - das fühlt sich weit weg an
Die Bilder von riesigen Kraftwerken, langsam kriechenden Güterzügen und entschlossenen Gegenprotesten, die ich dazu im Kopf habe, sind schwarz-weiß. Da muss mich meine kindliche Erinnerung täuschen, denn die Transporte von der französischen Wiederaufbereitungsanlage nach Niedersachsen gab es ab 1996 - da war das Farbfernsehen lange Standard.
Dennoch: Das fühlt sich alles ganz schön weit weg an. Schon lange gibt es lässige Nachrichtenmenschen. Anti-Atomkraft-Proteste dagegen kaum noch.
Von Gorleben bis Jülich: Ein alter Konflikt rollt wieder an
Doch Letzteres könnte sich ändern. Denn in dieser Woche wurde von der zuständigen Bundesbehörde eine große Zahl von - ja, tatsächlich - neuen Castor-Transporten genehmigt. Diesmal sollen sie einmal von Süd nach Nord durch NRW rollen: Von Jülich im Südwesten des Landes ins münsterländische Ahaus.
Die Route führt mitten durch die Ballungsräume Rheinland und Ruhrgebiet, oder unmittelbar an ihnen vorbei - je nachdem, welchen Transportweg die Polizei in den kommenden Wochen genehmigt.
In Jülich wurde gut 20 Jahre lang ein Hochtemperaturreaktor betrieben. In der Zeit gab es mehrere sicherheitsrelevante Zwischenfälle, die teils vertuscht wurden. 1988 wurde der Reaktor stillgelegt.
Übrig blieben knapp 300.000 hochradioaktive Brennelemente-Kugeln in gelben Castor-Behältern - in einem Zwischenlager, das seit 2013 keine Genehmigung mehr hat. Vor elf Jahren ordnete die Atomaufsicht an, dass das Lager "unverzüglich" geräumt werden muss. Passiert ist seitdem: Nichts.
Warum die Transporte riskant und vielleicht überflüssig sind
Castor-Transporte: Schwarzer Peter mit Atommüll
Westpol. 31.08.2025. 06:16 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 31.08.2030. WDR.
Die absurde Geschichte von politischem Geschacher und behördlicher Untätigkeit, die hinter den anstehenden Castor-Transporten steckt, erzählen Fritz Sprengart und ich am Sonntag im Polit-Magazin Westpol ab 19:30 Uhr im WDR-Fernsehen.
Besonders bemerkenswert: Der Atommüll, der bis heute in Jülich lagert, könnte dort bleiben - wenn man dort ein neues, modernes Zwischenlager bauen würde.
Das hätte den Vorteil, dass NRW die vielen aufwändigen Transporte erspart blieben - inklusive der dafür nötigen Polizei-Großeinsätze. Die Gefahr von Verkehrsunfällen und Anschlägen mit dem atomwaffentauglichen Material würde minimiert. Und auch Statiker könnten besser schlafen, wenn die 130 Tonnen schweren Laster nicht über NRWs Straßen fahren würden, Stichwort marode Brücken.
Die Gewerkschaft der Polizei hält die Transporte für "Wahnsinn", selbst Jülichs Bürgermeister sprach sich für ein neues Zwischenlager in seiner Stadt aus. Doch engagiert verfolgt wurde jahrzehntelang nur der Transport nach Ahaus.
Was nun kommt?
Voraussichtlich im Herbst werden die ersten Fahrten beginnen, per Schwerlasttransport über NRWs Autobahnen. Die Castor-tauglichen LKW-Kolosse, die höchstens 30 km/h fahren können, bestehen aus einer vierachsigen Zugmaschine und einem neunachsigen Auflieger. Vier davon gibt es in Deutschland.
Jeder kann immer nur einen Castor-Behälter mit hochradioaktivem Abfall transportieren. Und von denen warten 152 Stück auf ihre Schleichfahrt von Jülich nach Ahaus. Dort formiert sich derzeit Widerstand - unter anderem von Veteranen, die schon 1998 mit rund zehntausend anderen gegen Castor-Transporte in das Zwischenlager demonstrierten.
Trotz des endgültigen Atomausstiegs durch die schwarz-gelbe Bundesregierung im Jahr 2011: Das Kapitel "nuklearer Abfall" ist noch längst nicht abgeschlossen. Allen voran Nordrhein-Westfalen wird es in den kommenden Jahren beschäftigen.
Dieser Text erscheint auch als Editorial in "18 Millionen - Der Newsletter für Politik in NRW". Jeden Freitag verschicken wir die Themen, die NRW bewegen - an politisch Interessierte, Aktive, Gewählte, und Politik-Nerds. Hier können Sie den Newsletter kostenlos abonnieren:
