Die Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur Sylvia Löhrmann

Löhrmann: Es gibt keine Impfung gegen Antisemitismus

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Judenfeindliche Straftaten und Vorfälle nehmen in NRW zu. Die neue Antisemitismusbeauftragte Löhrmann (Grüne) will darauf auch mit mehr Bildungsangeboten und zeitgemäßen Konzepten der Erinnerungskultur reagieren.

Nein, der Kampf gegen Antisemitismus sei "nicht wie eine Impfung", sagte die neue NRW-Antisemitismusbeauftragte Sylvia Löhrmann am Montag in Düsseldorf. Die Grünen-Politikerin reagierte damit auf die Nachfrage eines Journalisten, ob sie für verpflichtende Schülerfahrten in KZ-Gedenkstätten sei. Nach dem Motto: Wer einmal in Auschwitz oder in Dachau war, ist immun gegen Judenhass und Rassismus. So einfach sei es nicht, betonte Löhrmann.

Dass Antisemitismus viele Gesichter hat, verdeutlichte Löhrmann bei der Vorstellung ihres Jahresberichts für 2024. Fast wöchentlich kommen neue Berichte über mehr judenfeindliche Vorfälle und Straftaten heraus.

Wie ist die Lage?

Die Beauftragte des Landes für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur, so Löhrmanns vollständiger Titel, sprach wegen der Lage im Nahen Osten von einer "zugespitzten" und "schlimmen" Stimmungslage bei vielen Juden in NRW. Da sei etwa die Sorge um die verbliebenen Geiseln, die seit dem 7. Oktober 2023 in der Gewalt der Hamas sind. Sie berichtete zudem von verschärftem Polizei- und Security-Schutz für Juden.

"Retraumatisierung" von Enkeln der Überlebenden

Israel und der Krieg in Nahost sind allgegenwärtig im Alltagsleben in Nordrhein-Westfalen. Junge Menschen laufen mit Palästina-Fußballtrikots durch die Straßen oder tragen die Kufiya, das Palästinensertuch. Israel-Fahnen oder jüdische Symbole öffentlich zu zeigen, ist hingegen riskant.

Es finde aktuell eine "Retraumatisierung der dritten und vierten Generation" statt, sagte Löhrmann. Großeltern hätten Kindern und Enkeln wegen des Holocaust geraten, sich besser nicht als Juden zu erkennen zu geben. Nun werden solche Warnungen laut Löhrmann für nachgeborene Jüdinnen und Juden auf traurige Weise aktuell.

Bespuckt und beleidigt

Anton Tsirin im Interview mit dem WDR zum Thema Antisemitismus

Anton Tsirin

Er sei noch nicht körperlich angegriffen, aber "bespuckt und beleidigt" worden, berichtet Anton Tsirin. Er trägt in der Öffentlichkeit die Kippa, die Kopfbedeckung jüdischer Männer - schon von daher kenne er Anfeindungen. Tsirin versucht, auch bei verbalen Angriffen mit Leuten ins Gespräch über das Judentum zu kommen. Als Jude engagiert er sich unter anderem bei Projekten gegen Antisemitismus an Schulen. Wenn es "hart auf hart kommt", so Tsirin, werde er zurückschlagen, um sich und seine Familie zu verteidigen. "Wenn alle Stricke reißen, werde ich Deutschland verlassen."

Gerade fanden wieder Demonstrationen in Düsseldorf und Dortmund statt, auf denen teils aggressiv gegen Israel Stimmung gemacht wurde. Derweil müssen Pro-Israel-Demos wie etwa Anfang Juni in Düsseldorf oder Veranstaltungen wie die jüdischen Kulturtage Rhein-Ruhr streng bewacht werden.

„Wohnhäuser von Jüdinnen und Juden werden markiert und beschmiert, in jüdischen Restaurants werden Fensterscheiben eingeschlagen, Veranstaltungen mit jüdischem Kontext werden abgesagt“, sagte Löhrmann am Montag. Jüdische Schülerinnen und Schüler würden von Klassenkameraden "angemacht", was sie zur Politik von Netanjahu sagen - dabei sei der Regierungschef dieser Kinder und Jugendlichen nicht der israelische Premierminister, sondern der deutsche Bundeskanzler. Löhrmann hatte das Ehrenamt der Antisemitismusbeauftragten im Herbst 2024 von der FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger übernommen.

Auf Nachfrage widersprach Löhrmann der Aussage von Bundeskanzler Merz (CDU), wonach es in Deutschland um einen "importierten Antisemitismus" wegen der "großen Anzahl von Migranten" gehe. Es gebe verschiedene Formen des Antisemitismus, betonte die Beauftragte, unter anderem rechtsextremistischen, linksextremistischen und islamistischen Hass auf Juden. Man dürfe die eine Form nicht gegen eine andere ausspielen - oder sagen, eine davon sei schlimmer.

Was tun gegen Antisemitismus?

Besonders dramatisch ist die Lage laut Löhrmann an den Hochschulen, wo jüdische Studierende und Dozenten Beleidigungen, Bedrohungen und Mobbing ausgesetzt seien. Löhrmann schlägt vor, "an allen Hochschulen und Universitäten Antisemitismusbeauftragte zu berufen". Die Beauftragten sollen als Anlaufstellen für Betroffene von antisemitischen Vorfällen dienen. Zudem sollen sie "Bildungs- und Sensibilisierungsangebote für Studierende und Hochschulpersonal" anbieten.

Auch in der Fort- und Ausbildung von Lehrern soll der Umgang mit antisemitischen Denkmustern stärker vorkommen. Generell brauche es mehr Medienkompetenzprojekte mit Fokus auf antisemitismuskritische Analyse sozialer Medien, Desinformation und Verschwörungserzählungen - gerade für junge Menschen. Löhrmann versuchte darüber hinaus, Mut zu machen und zivilgesellschaftliche Projekte im Kampf gegen Antisemitismus herauszustellen.

Zugleich plädierte die Antisemitismusbeauftragte dafür, neue und zeitgemäße Formen der Erinnerungskultur zu finden und zu fördern. Als Beispiele nannte Löhrmann Geschichtsprojekte, bei denen Schülerinnen und Schüler in ihrer Stadt zu Lebensläufen von Juden recherchieren. So könnten sie konkret etwas darüber erfahren, wie jüdische Menschen in ihrer Nachbarschaft während des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Fahrten in NS-Gedenkstätten sollten dabei angeboten werden - eine verpflichtende Teilnahme aber lehnte sie ab.

Über dieses Thema berichtet der WDR am 30.06.2025 auch in der Aktuellen Stunde im WDR Fernsehen.

Unsere Quellen:

  • Löhrmann bei Pressekonferenz in Düsseldorf
  • Tsirin im WDR-Interview
  • Nachrichtenagenturen epd und dpa

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