Zahl antisemitischer Vorfälle in NRW steigt weiter stark an | Aktuelle Stunde

00:24 Min. Verfügbar bis 28.05.2027

Zahl antisemitischer Vorfälle in NRW steigt weiter stark an

Stand:

940 antisemitische Vorfälle hat RIAS in NRW 2024 gezählt. Unbeschwertes jüdisches Leben sei kaum noch möglich.

Um mehr als 40 Prozent ist die Zahl antisemitischer Vorfälle gestiegen, die die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW) im Jahr 2024 erfasst hat. 940 Vorfälle werden im neuen Jahresbericht registriert, der am Mittwoch in Düsseldorf vorgestellt wurde. Das sind durchschnittlich 18 Vorfälle pro Woche.

Die starke Zunahme hängt zeitlich eng mit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und mit dem Gaza-Krieg zusammen. Im Vorjahr waren es noch 664 Ereignisse gewesen. In ihrem ersten Jahresbericht für das Jahr 2022 zählte die RIAS 264 antisemitische Vorfälle.

"Was wir heute erleben müssen, haben wir uns lange nicht vorstellen können", sagte Alexander Sperling, Geschäftsführer des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe. "Antisemitismus ist für uns Alltag", so Sperling. Und weiter:

"Unbeschwertes jüdisches Leben ist fast nur noch in geschützten Räumen möglich". Alexander Sperling

Beleidigungen, Bedrohungen, Gewalt

18 körperliche Angriffe wurden gezählt, ein Fall extremer Gewalt, 22 Bedrohungen, fünf Diskriminierungen, 61 gezielte Sachbeschädigungen und 549 Fälle von verletzendem Verhalten. Jeder fünfte Fall wurde bei der Polizei angezeigt. Die RIAS registriert auch Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze.

Viele der Beleidigungen, Bedrohungen und Diskriminierungen, um die es im Bericht geht, erleben Jüdinnen und Juden im öffentlichen Raum: Auf der Straße, in Verkehrsmitteln, in Schulen und Universitäten, an Gedenkorten für den Holocaust. 101 solcher Gedenkorte seien gezielt angegriffen worden.

Zahl antisemitischer Vorfälle in NRW steigt weiter stark an

WDR Studios NRW 28.05.2025 00:18 Min. Verfügbar bis 28.05.2027 WDR Online

"Viel weniger Scham"

Der Gaza-Krieg sei eine "ganzjährige Gelegenheitsstruktur" für manche Menschen, um ihre antisemitische Haltung auszudrücken, sagte Jörg Rensmann, Leiter von RIAS NRW. Er glaubt, diese Haltungen hätten schon vorher existiert und kämen nun vermehrt zum Vorschein. "Menschen haben viel weniger Scham, ihren Antisemitismus auszudrücken", sagte Rensmann

Aus Sicht der RIAS kommt es bei vielen Vorfällen zu einer Verharmlosung des Holocaust. Entweder werde dieser ganz geleugnet oder gleichgesetzt mit "israelischem Regierungshandeln", so Rensmann. Er sehe "ein Bedürfnis, die Erinnerung nicht aushalten zu wollen".

Alexander Sperling beklagte eine zunehmende "Entsolidarisierung" mit den Jüdinnen und Juden. Dazu zählte er auch die Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz, der Anfang der Woche gesagt hatte, er verstehe die Ziele des Gaza-Krieges nicht mehr.

"Angriff auf die Grundwerte"

Der erneute enorme Anstieg antisemitischer Vorfälle mache deutlich, "dass wir entschieden gegen Anfeindungen und Übergriffe gegen Jüdinnen und Juden vorgehen müssen", sagte Josefine Paul, grüne Ministerin für Integration. "Antisemitismus ist ein Angriff auf die Grundwerte unserer Demokratie".

Unsere Quellen:

  • Pressekonferenz zur Vorstellung des Jahresberichts "Antisemitische Vorfälle in Nordrhein-Westfalen 2024"

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