Es gibt Orte im Land, deren Name einem fast so vertraut vorkommt, wie der eigene. Nicht, weil man schon mal dort war, sondern allein, weil man ihn schon so oft gehört hat. Für mich ist einer davon Herzebrock-Clarholz in Ostwestfalen-Lippe.
Zu verdanken habe ich das nicht etwa der Tatsache, dass ich gebürtige Münsterländerin bin und OWL somit lange nur ein Katzensprung entfernt war, sondern allein meinem Dasein als Autofahrerin und Pendlerin und dem Dasein von NRW als Stauland Nr. 1.
Im Schnitt stehe ich gemeinsam mit dem Rest von Ihnen jede Woche rund eine Stunde und 51 Minuten im Stau. Nicht selten sind daher die Momente im stockenden Feierabendverkehr auf der A57, wenn im Radio gefühlt minutenlang die aktuellen Staumeldungen zu hören sind. Und wird dann die A2 "zwischen Oelde und Herzebrock-Clarholz" erwähnt, kommt mir nur ein Gedanke: "Alles wie immer".
Gekommen um zu bleiben
Wie dramatisch richtig dieser Satz ist, hat mir in dieser Woche meine Recherchen im WDR-Archiv gezeigt: Dort bin ich auf TV-Beiträge aus den frühen 2000ern bis 2010ern gestoßen, in denen vom "Dauerthema Stau" und dem "Verkehrschaos NRW" als "politische Evergreens" die Rede war. Untermalt dabei von dem Song "Gekommen um zu bleiben" von der Band Wir sind Helden.
Alle in den Beiträgen genannten Verkehrsminister aus NRW versprachen, sich dem Thema anzunehmen. Da war etwa Peer Steinbrück (SPD), der die rot-grüne Landesregierung 1999 für die Einrichtung einer Arbeitsgruppe zum "Störfallmanagement auf Bundesautobahnen" lobte.
Sechs Jahre später – Rot-Grün unter Steinbrück war da gerade abgewählt kündigte der damalige Verkehrsminister Oliver Wittke (CDU) eine "Offensive gegen Stau" an. Dahinter verbarg sich dann ein Maßnahmenkatalog, der das Dauerdrama auf NRWs Straßen verdeutlicht: Neben einem besseren Management der Baustellen sollten diese auch schneller durchgeführt werden und dabei moderne Technik zum Einsatz kommen. Fühlt sich das für Sie beim Lesen auch an wie ein Déjà-vu – oder eher wie eine Zeitschleife, aus der NRW einfach nicht herausfindet?
Das Dauerdrama Stau ist also nicht nur nicht besser geworden, sondern noch schlimmer: Zum Stauproblem gesellten sich über die Jahre zahlreiche Brösel-Brücken im Land. Das Ergebnis erleben wir alle tagtäglich, ob auf der Straße oder in der Bahn: Stau wegen Sanierungsstau, wohin man nur fährt. Wie kann es sein, dass sich in 20 Jahren so wenig getan hat?
Ein bisschen mehr Absprache in Sicht
Ein Grund: Die Prioritätensetzung der Politik, erklärten uns diese Woche zwei Ex-NRW-Verkehrsminister im Doppel-Interview. Schuld sind aber auch die enorme Zunahme des LKW- und Transit-Verkehrs in den vergangenen 30 Jahren. Das macht eine Infrastruktur, deren Großteil an Brücken aus den 1960er stammt, nicht mit.
Saniert werden muss also. Ein kleiner Fortschritt dabei: Ab kommendem Jahr müssen sich Kreise, Kommunen und weitere wichtige Stellen wie die Autobahn GmbH bei Baumaßnahmen digital abstimmen. Problem: Die Pflicht gilt nicht für die Deutsche Bahn. Dabei sind allein in NRW acht weitere Korridorsanierungen geplant, die unweigerlich mehr Verkehr auf die Straße drängen.
Umso wichtiger bleibt es da wohl, sich regelmäßig mit Leidensgenossinnen und -genossen über die besten Staustrategien auszutauschen. Und da hilft bekanntlich auch der Blick aufs Positive: Als faradayscher Käfig schützt uns das Auto zumindest vor Hitzegewittern, wie sie am Wochenende drohen. Vielleicht entlädt sich dabei gleichzeitig die aufgebauschte Kanzlerdiskussion der vergangenen Tage.
