Milliardeninvestition : Großer Nachholbedarf bei Zivilschutz in NRW
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10 Milliarden Euro will der Bund in den Zivilschutz investieren. In NRW ist der Nachholbedarf groß: Schutzräume fehlen, Fahrzeuge sind veraltet und Hilfsorganisationen meinen, das Ehrenamt werde unterschätzt. Experten zweifeln daran, dass Deutschland bis 2029 ausreichend vorbereitet ist.
Deutschland hat beim Zivilschutz großen Nachholbedarf, meint Tanja Knopp. Sie ist Landesrotkreuzleiterin beim Deutschen Roten Kreuz Westfalen-Lippe und Teil der DRK-Bundesleitung. Der Katastrophenschutz sei in den vergangenen Jahren - etwa nach der Ahrtal-Flutkatastrophe - gestärkt worden. Der Zivilschutz allerdings sei nach dem Ende des Kalten Krieges weitgehend vernachlässigt worden.
Tanja Knopp, Landesrotkreuzleiterin DRK Westfalen-Lippe
Knopp erwartet, dass nicht viel von den 10 Milliarden Euro in Nordrhein-Westfalen ankommen werden: "Es ist das bevölkerungsreichste Bundesland, da brauchen wir einfach mehr als die anderen, um entsprechend gut aufgestellt zu sein. Und der Nachholbedarf ist einfach riesig."
Rotes Kreuz befürchtet zu wenig Unterstützung
Ein großer Teil der Mittel solle in Infrastruktur wie Schutzräume und Sirenen fließen. Gleichzeitig werde aus Sicht des DRK zu wenig berücksichtigt, dass rund 90 Prozent des Bevölkerungsschutzes ehrenamtlich getragen werden. Besonders Hilfsorganisationen bräuchten deutlich mehr Unterstützung, um zusätzliche Kräfte auszubilden und dauerhaft zu halten, so Knopp weiter.
Sie hofft, dass die angekündigten Milliarden ein erster Schritt seien und weitere Mittel folgen. Investitionen in Bevölkerungsschutz stärkten nicht nur die Krisenvorsorge, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Das Technische Hilfswerk hat sich heute auf WDR-Anfrage ebenfalls zurückhaltend geäußert. Man begrüße es, dass der Bevölkerungsschutz mit zusätzlichen Mitteln gestärkt werden soll. Fragen zu den Plänen des Ministeriums ließ das THW unbeantwortet.
Keine einsatzfähigen öffentlichen Schutzbunker in NRW
Ein ehemaliger Hochbunker in Hagen beherbergt heute ein Bunkermuseum.
Herausforderungen beim Zivilschutz gibt es in Nordrhein-Westfalen auch bei den Bunkern: Derzeit gibt es noch 48 öffentliche Schutzräume mit insgesamt rund 66.000 Plätzen. Das hat die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben auf WDR-Anfrage mitgeteilt.
Dazu zählen demnach unter anderem Hochbunker, Stollen oder ehemalige Hilfskrankenhäuser. Die meisten dieser Schutzräume befinden sich im Regierungsbezirk Düsseldorf (18), gefolgt von Arnsberg (12), Köln (10), Münster (7) und Detmold (1).
Diese Schutzräume werden aber seit 2007 nicht mehr gewartet und instandgesetzt. Faktisch ist keine der Anlagen funktions- oder einsatzbereit.
Einsatzfahrzeuge im Oldtimer-Alter
Bei den Hilfsorganisationen sieht es ähnlich aus. Beim Technischen Hilfswerk oder dem Deutschen Roten Kreuz sind teilweise Fahrzeuge im Oldtimer-Alter im Einsatz. Der Feuerwehr Dortmund fehlen Zelte, um eine große Zahl von Menschen unterzubringen, die nicht in ihre Wohnungen können. Dort gibt es inzwischen immerhin Treibstoff-Reserven für Feuerwehr und Rettungsdienst - und sechs Monate Vorrat an medizinischem Bedarf.
Von der Wuppertaler Feuerwehr heißt es heute: Bunker oder gleichwertige Schutzräume gibt es überhaupt nicht mehr. In einem der größten ehemaligen Bunker der Stadt - in der Nähe des Hauptbahnhofs - befindet sich jetzt einer der angesagtesten Musikclubs der Welt. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe schaue sich in Wuppertal aber bereits nach geeigneten Räumlichkeiten um.
"Wir haben ja noch gar nicht angefangen. Wir fangen gerade an." Ulrich Ueckerseifer, WDR-Wirtschaft
Bundesinnenminister Dobrindt will mit einem Milliardenpaket den Zivilschutz stärken.
Das größte Problem ist die Zeit: Minister Dobrindt will das Land bis 2029 zivilschutzfähig machen. Das dürfte schwierig werden, meint Ulrich Ueckerseifer aus der WDR-Wirtschaftsredaktion: "Ich halte das für eine Illusion. Bis beispielsweise neue Spezialfahrzeuge, banale Zelte oder ein komplexes mobiles Lazarett beschafft und davor erstmal hergestellt sind, vergeht Zeit. Da fehlen jetzt einige Jahre."
Experten gingen laut Ueckerseifer davon aus, dass der Aufbau eines vollumfänglichen Zivilschutzes ein ganzes Jahrzehnt benötigt. Zudem benennt er eine weitere Herausforderung: die alternde Bevölkerung.
Die alternde Bevölkerung ist aus Expertensicht eine zusätzliche Herausforderung für den Zivilschutz.
Es gebe viel mehr alte Menschen, denen im Zivilschutz-Fall geholfen werden müsse, als beispielsweise vor zwanzig Jahren. Dementsprechend brauche man auch viele Menschen, die sich engagieren. "Die haben wir. Es gibt ein riesiges ehrenamtliches Engagement. Das muss aber gut gesteuert und organisiert werden", so Ueckerseifer.
Unsere Quellen:
- Bundesanstalt für Immobilienaufgaben: Rechtliche Abwicklung öffentlicher Schutzräume
- WDR-Anfrage Bundesanstalt für Immobilienaufgaben
- WDR-Anfrage Technisches Hilfswerk
- WDR-Interview mit Ulrich Ueckerseifer, WDR-Wirtschaftsredaktion
- WDR-Interview mit Tanja Knopp, DRK Westfalen-Lippe
Sendung: WDR 3, Der Tag um sechs, 18.05.2026, 18 Uhr