Wie sicher ist unsere Infrastruktur in NRW?

Aktuelle Stunde 05.01.2026 26:02 Min. UT Verfügbar bis 05.01.2028 WDR Von Martina Koch

Angriff auf Stromnetze: Wie können NRW-Städte sich schützen?

Stand:

Tagelang ohne Strom: Kann in NRW Ähnliches passieren wie jetzt in Berlin? Theoretisch gibt es viele Angriffspunkte.

Von Nina Magoley

Seit Samstag sitzen Tausende Menschen im Berliner Südwesten ohne Strom in ihren Wohnungen. Grund ist der Angriff bislang unbekannter Täter auf wichtige Stromkabel eines Heizkraftwerks. Noch bis mindestens Donnerstag soll das für viele Betroffene so bleiben.

Zu dem Angriff bekannt hat sich inzwischen die sogenannte "Vulkangruppe", die vom Bundesverfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft wird. Die Gruppe soll auch für den Brandanschlag auf einen Hochspannungsmast im März 2024 in Brandenburg verantwortlich sein, der die Stromversorgung der nahen Tesla-Fabrik lahmlegte. Auch damals waren eine Klinik, ein Logistikzentrum und tausende Privatwohnungen in Berlin und Brandenburg von dem massiven Stromausfall betroffen.

Gruppe droht mit weiteren Zielen

Nach Stromausfall: Einsatzkräfte der Polizei stehen vor dem Kraftwerk Lichterfelde

Tatort Kraftwerk Lichterfelde in Berlin

In ihrem Bekennerschreiben auf der Homepage der Kampagne "Switch off  – the system of destruction", erklärt die Gruppe, Ziel sei es gewesen, "der Gaswirtschaft und der Gier nach Energie einen hohen Schaden zuzufügen". Auf der Homepage werden weitere Unternehmen mit genauen Adressen genannt, die die Gruppe als mögliche Ziele identifiziert - darunter die Chemieunternehmen Bayer/Monsanto, BASF und das international agierende Bauunternehmen Strabag/Züblin.

Es müssten Fakten geschaffen werden, heißt es in dem Bekennerschreiben: "Das Ausschalten eines Gaskraftwerkes ist einer dieser Fakten, es können aber auch Land-, Platz- und Waldbesetzungen, Zerstörung von Golfplätzen und Flughäfen der Reichen sein." 

Terrorismus-Experte Michael Götschenberg im Gespräch in der Aktuellen Stunde

Terrorismus-Experte Michael Götschenberg im Gespräch mit Anne Gesthuysen

Der ARD-Terrorismus-Experte Michael Götschenberg hält das Bekennerschreiben für echt, gibt aber zu bedenken, dass es mehrere Gruppen gibt, die unter dem Namen "Vulkangruppe" firmieren. Diese Tatsache habe dazu geführt, "dass die Ermittler in den vergangenen Jahren nie so wirklich Einblick in die Strukturen bekommen haben", so Götschenberg gegenüber dem WDR am Montagabend. Sie seien nie so wirklich in der Lage gewesen, zu identifizieren, wer die Brandanschläge verübt habe.

"Man muss sagen, dass man bei den Ermittlungen in den vergangenen Jahren nicht so wirklich weit gekommen ist." Michael Götschenberg, ARD-Terrorismus-Experte

Reul: "Alles schön öffentlich gemacht"

Ein Anschlag auf das Stromnetz wie in Berlin könne durchaus auch in NRW passieren, sagte Innenminister Herbert Reul (CDU) am Montagmorgen im WDR-Interview: "Wir haben eine Infrastruktur, die angreifbar ist." Das Thema sei über viele Jahre nicht ernst genommen worden. Ein Problem: "Wir haben sogar vor lauter 'Transparentitis' alles schön öffentlich gemacht, wo genau welcher Knotenpunkt ist, wo genau welche Stromverbindung ist."

Die zerstörte Kabelbrücke in Berlin, das erklären die mutmaßlichen Täter in ihrem Bekennerschreiben allerdings, sei "nicht öffentlich verzeichnet" gewesen.

Um potentielle Angriffe zu verhindern, müssten Energieversorger und Betreiber kritischer Infrastruktur "alle selber auch Verantwortung übernehmen" und entsprechende Stellen gut schützen, sagte Innenminister Reul weiter. Aber: "Einhundert Prozent Sicherheit wird es nie geben." Das habe auch der Anschlag auf die Bahnstrecke Düsseldorf-Duisburg im vergangenen Jahr gezeigt. Danach war der Bahnverkehr tagelang lahmgelegt. "Wir können ja nicht an jeder Stelle Polizisten hinstellen", so Reul.

Viele potentielle Angriffspunkte

Susanne Fabry, Vorstandsmitglied beim Kölner Energieversorger RheinEnergie

"Gegen Angriffe von außen sind Sie nicht gefeit": Susanne Fabry, RheinEnergie

Grundsätzlich ließen sich Angriffe auf Netzbetreiber nicht ausschließen, sagt Susanne Fabry, Vorstandsmitglied beim Kölner Energieversorger RheinEnergie: "Jedes Netz hat seine Angriffspunkte." Allein in der Millionenstadt Köln betreibe Rhein Energie 10.000 Kilometer Stromkabel, 50 Umspannwerke und 3.500 Ortsnetzstationen. Welche Auswirkungen ein Anschlag auf dieses Netz haben könnte, ließe sich theoretisch überhaupt nicht prognostizieren, so Fabry weiter.

"Gegen Angriffe von außen sind Sie nicht gefeit", führt Fabry aus, vielmehr gehe es darum, im Fall eines Angriffs "resilient zu sein und möglichst schnell und gut eine Wiederversorgung herzustellen". Bei RheinEnergie halte man daher die Infrastruktur immer im Blick, "wir schauen ständig: Wo gibt es neueste technische Entwicklungen, was können wir tun?" Bei Ausfällen sei der Entstördienst dafür zuständig, Notstromaggregate aufzubauen und Kabel wieder herzustellen.

Bauprojekte im Internet einsehbar

Weniger Transparenzpflicht würde allerdings auch RheinEnergie begrüßen, sagt Fabry. Neue Bauprojekte der Energieversorger seien für jeden im Internet einzusehen, Infrastrukturen leicht zu erkennen. "Wir versuchen immer, nicht zu viel von unserem Netz zu veröffentlichen", ergänzt sie, "um gerade der Gefahr entgegen zu wirken, dass jemand böswillig Schäden verursachen will".

Auf der Jahrespressekonferenz des Städte- und Gemeindebunds (DStGB) am Montagmorgen war der Vorfall in Berlin auch Thema. Die Mehrheit der Kommunen sei "bestens vorbereitet", sagte DStGB-Präsident Ralph Spiegler. Gleichzeitig gebe es einige "wenige, die sich bislang nicht auf den Weg gemacht haben". Er erwarte "von jedem Bürgermeister und jeder Bürgermeisterin, dass ich beispielsweise einen Stab bereits eingerichtet habe, dass ich mich vorbereitet habe, dass ich Notstrom-Einspeisung und dergleichen vorbereitet habe".

Gemeinsam Notstromaggregate anschaffen

Das Bild zeigt ein Notstromaggregat.

Notstromaggregat nach Stromausfall in Bönen

Von der Bundesregierung fordert der Städte- und Gemeindebund eine koordinierte Finanzierung, damit Kommunen sich besser schützen könnten. Eine Maßnahme sei zum Beispiel, Notstromaggregate in einheitlich definierten Bereichen der Kommunen aufzubauen, die dann zentral organisiert und kompatibel miteinander seien. Stadtgebiete könnten sich diese Notstromaggregate im Ernstfall gegenseitig zur Verfügung stellen.

Auch die bisherige Trennung zwischen Katastrophenschutz - hier sind die Länder zuständig - und dem vom Bund koordinierten Zivilschutz sei im Ernstfall hinderlich, um schnell reagieren zu können, so Spiegler. Beides müsse man "zusammen denken", es brauche eine "einheitliche Resilienzstruktur".

Gefahr vor allem durch Cyberattacken

Im jüngsten Verfassungsschutzbericht für NRW ist weder die "Vulkangruppe" erwähnt, noch werden verstärkte Aktivitäten linksextremistischer Gruppen gegen Infrastruktur thematisiert. Vielmehr sei in der linksextremen Szene im Themenfeld Ökologie ein Rückgang an Aktivitäten zu verzeichnen. Allerdings seien "Reaktionen linksextremistischer Akteure auch auf klimapolitische Entscheidungen" der neuen Bundesregierung zu erwarten.

Deutlich besorgter zeigt sich der NRW-Verfassungsschutzbericht angesichts möglicher Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur. Ziele könnten vor allem Gas-, Wasser- und Stromversorgung sein. Als potentielle Täter werden hier aber vor allem Russland und China genannt.

Unsere Quellen:

  • WDR-Interview mit NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU)
  • WDR-Interview mit Susanne Fabry, Vorstandsmitglied beim Kölner Energieversorger RheinEnergie
  • Michael Götschenberg, ARD-Terrorismus-Experte, in der Sendung "Aktuelle Stunde" am Montag, 5.1.2026
  • Deutscher Städte- und Gemeindebund
  • NRW-Verfassungsschutzbericht 2024
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Homepage der linksextremistischen Gruppierung "Switch off" mit Bekennerschreiben der "Vulkangruppe"

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 05.01.2026, 18:45 Uhr

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