Prozess: 20-Jähriger fährt Schülerin und Schulbegleiter tot
Aktuelle Stunde . 18.05.2026. 43:32 Min.. UT. Verfügbar bis 18.05.2028. WDR. Von Jochen Hilgers, Markus Schmitz.
Risikoverhalten : Was tun gegen tödliche Unfälle junger Männer?
Stand:
In Köln läuft ein Prozess gegen einen 20-Jährigen, der in Hürth in eine Schülergruppe gefahren war. Es handelt sich um einen weiteren tödlichen Unfall, der von einem jungen Mann verursacht wurde. Wie lassen sich solche Vorfälle künftig verhindern?
Warum ist der junge Mann in Hürth mit seinem Auto über eine rote Ampel in die Schülergruppe gefahren? Unter anderem um diese Frage geht es nun vor dem Landgericht Köln. Ein zehnjähriges Mädchen und ein 25-jähriger Schulbegleiter starben bei dem Unfall.
Auch wenn die Umstände oft unterschiedlich sind: Tödliche Unfälle junger Männer sorgen immer wieder für Aufmerksamkeit. In Dortmund raste etwa ein 21-Jähriger über eine rote Ampel und erfasste zwei Kinder. Ein elfjähriger Junge starb.
Anfang Mai wurde ein 25-Jähriger wegen Mordes verurteilt, der in Remscheid mit seinem Auto eine 19-Jährige getötet hatte. Im Fall des tödlichen Raserunfalls auf der A555 bei Wesseling wurden zwei Ex-Jugendspieler vom 1. FC Köln verurteilt. Bei einem schweren Verkehrsunfall in Monheim sind zwei Jugendliche gestorben. Der 18-jährige Fahrer war mit einem 500 PS starken Auto unterwegs.
Junge Männer als "Hochrisikogruppe"
Solche Fälle zeigen aus Sicht der Landesverkehrswacht NRW in bedrückender Weise, wie hoch das Risiko schwerster Verkehrsunfälle ist, wenn geringe Fahrpraxis, hohes Tempo, Imponierverhalten und mangelnde Selbstkontrolle zusammenkommen.
Manfred Wirsch, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, sieht es ähnlich: „Gerade bei jungen Männern trifft mangelnde Erfahrung und Fahrzeugbeherrschung oft auf eine ausgeprägte Risikobereitschaft“. Das sei eine Kombination mit hohem Gefährdungspotenzial.
Und das Problem nimmt zu. Seit 2017 gibt es für illegale Autorennen einen eigenen Straftatbestand. 2025 hat die Polizei in NRW 2.384 verbotene Rennen registriert – das ist der höchste Stand seit Beginn der Statistik. Dabei gab es 663 Verkehrsunfälle mit 19 Toten.
ADAC-Auswertung zu Unfällen junger Menschen
Wenn man sich Statistiken anschaut, ergibt sich ein relativ klares Bild: "Junge Fahrer sind nicht nur überproportional in Unfälle verwickelt, sie verursachen sie auch überproportional", schreibt etwa die Deutsche Verkehrswacht in einer Auswertung.
Eine ADAC-Analyse aus dem Jahr 2023 zeigt ebenfalls: 18- bis 24-Jährige verursachen deutlich mehr Unfälle als ältere Verkehrsteilnehmer. Doch es sind bei Weitem nicht nur "PS-Protze", die sich und andere Menschen in Lebensgefahr bringen:
- Bei 29 Prozent der Verkehrsunfälle von 18- bis 24-Jährigen Autofahrern war laut ADAC kein anderes Fahrzeug involviert.
- Oft liegt es an fehlender Erfahrung im Straßenverkehr.
- Junge Autofahrer sind häufig mit einem vergleichsweise älteren Fahrzeug unterwegs - ohne hohe Sicherheitsausstattung.
- Insgesamt sinkt laut ADAC aber sogar der Anteil der Unfälle, die durch junge Fahrer verursacht wurden.
Bei spektakulären Unfällen von Rasern handelt es sich also eher um Ausnahmefälle als um die Regel. Doch wenn sie passieren, sind ihre Auswirkungen oft dramatisch.
Was können höhere Strafen bringen?
Mittlerweile verurteilen Gerichte in Raserprozessen die Angeklagten sogar wegen Mordes. Kann das eine abschreckende Wirkung haben? Davon geht Verkehrspsychologe Omar Chehadi aus, wie er dem WDR gesagt hatte. Aber ein Problem ist aus Chehadis Sicht, "dass dies bei Menschen, die zu schnellem Fahren neigen, im Alltag oft in Vergessenheit gerät".
Nach Einschätzung des Deutschen Verkehrssicherheitsrates werden Täter nach einer Verurteilung nicht erneut auffällig. In der Praxis bleibe die juristische Ahndung eines illegalen Rennens jedoch schwierig.
Strafen allein seien kein Allheilmittel, sagt Peter Schlanstein, Vizepräsident der Landesverkehrswacht NRW. Sie seien aber ein unverzichtbarer Bestandteil jeder Präventionsstrategie.
Entscheidend ist nicht nur die Schwere der Strafe, sondern die Gewissheit, dass sie auch verhängt wird. Peter Schlanstein, Landesverkehrswacht NRW
Mehr Kontrollen als Lösung?
Detmold: 19-Jähriger verursacht schweren Verkehrsunfall.
Schlanstein lehrt als Polizeibeamter an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Münster und ist auch im Dachverband Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland aktiv. Er ist überzeugt: Man müsse die Häufigkeit von Verkehrskontrollen erhöhen, die sich auf die gefährlichsten Verhaltensweisen konzentrieren. "Polizei und Kommunen sollten mobile und stationäre Geschwindigkeitskontrollen an bekannten Hochrisikostrecken ausweiten, Nacht- und Wochenendkontrollen verstärken und automatisierte Überwachung dort einsetzen, wo wiederholt schwerste Verstöße auffallen".
PS-Begrenzung für jüngere Fahrer?
Ende Juni 2025 verlor ein 19-Jähriger in Solingen die Kontrolle über ein 400-PS-Auto, kam von der Fahrbahn ab, überschlug sich und landete schließlich im Vorgarten eines Einfamilienhauses. Da an illegalen Autorennen fast nur junge Männer beteiligt sind, gibt es eine Diskussion, ob eine PS-Beschränkung für Fahranfänger sinnvoll wäre.
Völlig zerstörtes Auto nach einem mutmaßlichen illegalen Autorennen in Dortmund.
"Es ist eigentlich ein Unding, dass junge Menschen solch PS-starke Autos fahren können", sagt Kurt Bartels. Der Vorsitzende des Fahrlehrerverbands Nordrhein ist aber überzeugt: Ein Verbot würde bestenfalls einen Teil des Problems lösen. Manch junger Mensch würde auch fahren, wenn es verboten wäre.
Das sieht auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat ähnlich. Ein Argument: Leistungsstarke Fahrzeuge würden oft einfach von älteren an jüngere Personen weitergegeben.
Das NRW-Innenministerium hält eine PS-Grenze für junge Menschen nicht für nötig, wie ein Sprecher mitteilte. Damit bleibt es bei der Position, die Herbert Reul bereits im vergangenen Jahr im WDR vertrat: "Es geht doch nicht um alle, sondern um ein paar wenige, die sich nicht benehmen können, die die falsche Einstellung haben, die durchdrehen und kein Verantwortungsbewusstsein haben".
Was kann Prävention leisten?
Viele Experten sind überzeugt, dass Kontrollen, Strafen & Co alleine das Problem nicht lösen werden und mehr Prävention nötig sei. In NRW gibt es mehrere Programme der Landesregierung.
Drastische Unfallbilder und eindrückliche Schilderungen von Betroffenen in weiterführenden Schulen – das ist der Kern des Präventionsprogramms "Crash Kurs NRW". Es wird vom NRW-Schulministerium und der Polizei NRW organisiert. Dabei schildern Angehörige von Opfern eindrücklich, wie groß ihr Schmerz ist. Und Rettungskräfte berichten schonungslos vom Unfallgeschehen.
Ein weiteres Präventionsprogramm ist "Verantwortung stoppt Vollgas" gegen illegale Autorennen. Es wird seit dem Schuljahr 2023/2024 an NRW-Schulen eingesetzt. Dazu gehören unter anderem Präventionsfilme und Rollenspiele.
Auf Prävention setzt auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat. Diese beginne allerdings "schon lange bevor ein junger Mensch den Führerschein in den Händen hält: durch Verkehrserziehung in Familie, Kindergarten und Schule", sagt DVR-Präsident Manfred Wirsch.
Kurt Bartels vom Fahrlehrerverband Nordrhein findet, dass die Fahrschulen künftig noch intensiver im Unterricht versuchen sollten, jungen Menschen Werte wie Verantwortung und Rücksicht im Straßenverkehr näherzubringen.
Tödlicher Raser-Unfall auf der A59
Bartels schaut deshalb kritisch auf die Pläne, mit denen Bundesverkehrsminister Schnieder den Führerschein billiger machen will. Die Eckpunkte sehen nämlich auch vor, dass die Vorbereitung auf die Theorieprüfung komplett online, etwa per App, erfolgen kann. "Überwiegend sind das 16- bis 20-jährige Menschen in einer entscheidenden Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Die brauchen wir in Präsenz bei uns", sagt Bartels dem WDR.
Hilft die Beschlagnahmung der Tatfahrzeuge?
Eine abschreckende Wirkung kann auch die Beschlagnahme von Tatfahrzeugen haben. Eine Möglichkeit, von der die NRW-Polizei auch Gebrauch macht. Aktuell ist das in Paragraf 111b der Strafprozessordnung in Verbindung mit Paragraf 315d des Strafgesetzbuchs geregelt, wie das NRW-Innenministerium auf WDR-Nachfrage erklärte.
Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat unterstützt einen Vorstoß des Landes Berlin. Das möchte eine Verschärfung und fordert eine leichtere Beschlagnahme von Kfz, mit denen Straftaten begangen werden. Es soll auch bei Mietwagen möglich sein. Eine entsprechende Bundesratsinitiative Berlins hatte NRW im März unterstützt. Für Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) ist die Einziehung der Tatfahrzeuge "ein wesentlicher Baustein der Abschreckung", wie er dem WDR sagte.
Wer das Leben anderer aus reinem Egoismus eklatant gefährdet, hat das Recht verwirkt, sein Auto zu behalten. NRW-Justizminister Benjamin Limbach
Der Entwurf aus Berlin wird nun in den Bundestag eingebracht. Die Erfolgsaussichten sind wohl gering, die Bundesregierung hat in einer Stellungnahme bereits Ablehnung signalisiert.
Unsere Quellen:
- Auswertung des ADAC
- Analyse der Deutschen Verkehrswacht
- Bisherige WDR-Berichterstattung
- WDR-Anfrage beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat
- WDR-Anfrage bei der Landesverkehrswacht NRW
- WDR-Gespräch mit dem Fahrlehrerverband NRW
- Schulministerium zu "Crash Kurs NRW"
- Schulministerium zu "Verantwortung stoppt Vollgas"
- NRW-Innenministerium (WDR-Anfrage)
- NRW-Justizminister Limbach (WDR-Anfrage)
Sendung: wdr.de, Was tun gegen tödliche Unfälle junger Fahrer?, 18.05.2026, 16 Uhr.