Verkehrsunfallstatistik: Mehr Unfälle mit E-Scootern & E-Bikes
Aktuelle Stunde . 11.03.2026. 31:09 Min.. UT. Verfügbar bis 11.03.2028. WDR. Von Mathea Schülke.
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) stellte am Mittwoch in Düsseldorf eine traurige Bilanz vor: 479 Menschen haben 2025 ihr Leben bei Verkehrsunfällen auf nordrhein-westfälischen Straßen verloren. Im Vorjahr waren es 485, damit bleibt die Zahl der Getöteten weiterhin sehr hoch.
Rund 10.000 Schwerverletzte
Die Verkehrsunfallbilanz 2025 verzeichnet rund 656.000 Verkehrsunfälle auf den Straßen in NRW, das sind rund 11.000 mehr als im Jahr davor. Dabei sind 479 Menschen getötet worden und 80.752 verletzt, 10.177 von ihnen schwer. Zu den Toten sagte Herbert Reul: "479 mal Angehörige, bei denen die Wucht des Unvorstellbaren zugeschlagen hat." Er warnte davor, sich an die hohe Zahl von Verkehrstoten zu gewöhnen. Um die Zahl der Verunglückten zu verdeutlichen, sagte Reul: "Das ist das Dortmunder Fußballstadion, richtig voll."
Aber auch ein volkswirtschaftlicher Schaden entstehe durch die Verkehrsunfälle. Reul zitierte die Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen. Sie hat jährliche Unfallkosten in Höhe von 9,3 Milliarden Euro für NRW errechnet.
Mehr Unfälle im Radverkehr
Der Radverkehr steche aus der Statistik besonders hervor, sagte Reul. 34 Prozent aller Unfälle mit Personenschaden entfielen auf den Radverkehr.
Die Zahl der Unfälle mit Fahrrädern und Pedelecs hat im Vergleich zum Vorjahr um 7,09 Prozent zugenommen und liegt nun bei 21.984. Stark gestiegen, nämlich um rund ein Drittel ist die Zahl der Getöteten, die traurige Bilanz liegt 2025 bei 106, im Vorjahr waren es 80. Das sei der höchste Wert im Zehn-Jahres-Vergleich.
In 66 Prozent wurden diese Unfälle von anderen Verkehrsteilnehmern verursacht. Die häufigsten Ursachen seien Vorfahrtsverstöße, Fehler beim Abbiegen und beim Einfahren in den fließenden Verkehr.
"Pedelecs sind längst kein Seniorenfahrzeug mehr", stellte Reul fest. Die stärksten prozentualen Anstiege bei der Nutzung der elektrisch unterstützten Räder gebe es bei Kindern und Jugendlichen.
Was steckt hinter "Alleinunfällen" auf dem Rad?
Der Minister hob bei der Vorstellung der Radunfallzahlen besonders den hohen Anteil sogenannter Alleinunfälle hervor. Bei 28 Prozent der Personenschäden handele es sich um ein "Verunglücken ohne Fremdeinwirkung", so Reul.
Doch sowohl der ADFC NRW als auch der VCD NRW erklären auf WDR-Anfrage, dass für Alleinunfälle oftmals eine mangelhafte Infrastruktur mitverantwortlich sei. Dazu zählten endende Radwege, Bordsteinkanten, Schlaglöcher, die Führung von Radwegen entlang von Schienen oder auch eine unzureichende Pflege von Radwegen zum Beispiel bei Glätte durch Eis und Schnee oder Laub.
Helmpflicht für Radfahrende?
Herbert Reul griff einen Dauerbrenner auf, wenn es um die Radsicherheit geht: die Diskussion um eine Radhelmpflicht. Er forderte sie nicht, betonte aber, dass er immer mehr dazu tendiere. Nach Ansicht des VCD NRW bringt eine Helmpflicht wenig und schadet der Radnutzung. Iko Tönjes, Sprecher des Landesverbands, zitiert im Gespräch mit dem WDR einen Spruch aus den Niederlanden: "Only Germans wear helmets." Aber dennoch gibt es vom VCD eine klare Empfehlung für den Helm, ebenso für sichtbare Kleidung. Ähnlich argumentiert der ADFC NRW.
Deutlich mehr Unfälle mit E-Scootern
Deutlich zugenommen haben laut Statistik Unfälle mit E-Scootern: 2025 seien rund 3.900 Menschen mit einem E-Scooter verunglückt – die meisten wurden verletzt-fünf Menschen wurden getötet. Die Zahl der Verunglückten stieg um rund 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In 96 Prozent der polizeilich erfassten E-Scooter-Unfälle habe es einen Personenschaden gegeben. Bei Kindern und Jugendlichen habe es sogar einen Anstieg von 72 Prozent gegenüber dem Vorjahr gegeben.
Reul regte an, darüber nachzudenken, ob es nicht verpflichtend werden sollte, dass E-Scooter-Fahrende die Kenntnis von Regeln im Straßenverkehr nachweisen müssen. Etwa analog zum Mofaführerschein. Eine Idee könnte sein, dass es bei der Ausleihe über eine App geschehe. Aber damit seien nicht die Privat-Besitzer der kleinen Flitzer erfasst. Reul staunte über die Zahl, dass 79 Prozent der bis zu 20 km/h schnellen Roller im Besitz von Privatpersonen sind.
Rückgang bei getöteten Motorradfahrerinnen und -fahrern
Hier gibt es einen deutlichen Rückgang von 86 Getöteten 2024 auf 45 im Folgejahr. Die Zahl der Leichtverletzten ist jedoch um 18 Prozent gestiegen auf 2.478, bei den Schwerverletzten gibt es einen Anstieg um drei Prozent auf 1.014.
Illegale Autorennen mit Höchststand
Seit 2017 gibt es für illegale Autorennen einen eigenen Straftatbestand. 2025 hat die Polizei in Nordrhein-Westfalen 2.384 verbotene Kfz-Rennen registriert – der höchste Stand seit Beginn der Statistik. Dabei gab es 663 Verkehrsunfälle mit 19 Toten.
Unfälle unter Drogen
2025 gab es laut Statistik 4.404 Unfälle unter Einfluss von Alkohol oder anderen berauschenden Mitteln. Den größten Anteil habe die Droge Alkohol mit 3.274 Unfällen, 1.130 Unfälle seien auf andere berauschende Mittel zurückzuführen. Bei diesen Drogen habe Cannabis mit 506 Unfällen den größten Anteil. Das sei ein Zuwachs von 23 Prozent und stelle den höchsten jemals erfassten Wert dar.
Appell von Innenminister Reul
Reul betonte, es seien "in den seltensten Fällen unglückliche Umstände, die zu Unfällen führen, sondern menschliche Fehler – ein kurzer Moment Unachtsamkeit, ein Griff zum Handy, Alkohol oder schlicht Rücksichtslosigkeit." Jeder Verletzte, jeder Tote im Straßenverkehr sei einer zu viel. Wer Kinder auf Pedelecs, Drogen am Steuer und PS-Rennen in der Innenstadt einfach hinnehme, spiele mit Menschenleben, betonte der Minister.
Bei jeder Fahrt und in jedem Verkehrsmittel müssen Vorsicht und Umsicht mitfahren.
Zur Erklärung der Zahlen verwies der CDU-Politiker auf Veränderungen im Straßenverkehr: "Er wird dichter, vielfältiger und damit komplexer." Heute teilten sich Autos, Fahrräder, Pedelecs, Lastenräder, E-Scooter, Motorräder und Fußgänger oft denselben, engen Raum. "Wo mehr Verkehr auf gleich viel Raum trifft, entstehen neue Konflikte", so Reul.
Grüne setzen auf Präventionsarbeit und mehr Blitzer
Martin Metz, Sprecher für Fahrrad- und Straßenverkehr der Fraktion der Grünen im NRW-Landtag, sagte dem WDR: "Gerade die Opferzahlen im Radverkehr und mit E-Scootern zeigen, wie wichtig unser Einsatz für mehr Sicherheit zum Schutz der Verkehrsteilnehmer ohne Knautschzone ist." Die Landesregierung werde dieses Jahr das Radvorrangnetz NRW vorlegen, das Grundlage für einen gezielten Ausbau von Radwegen und damit für mehr Radfahrer-Sicherheit sei.
Und die innenpolitische Sprecherin Julia Höller betonte, dass die Grünen unter anderem auf Prävention zum Beispiel mit Verkehrserziehung für Kinder und Jugendliche setzen. Höller verspricht sich zudem eine Verbesserung durch eine neue gesetzliche Regelung, die "auch kleinen Kommunen erlaubt, mehr zu blitzen und Raser zur Kasse zu bitten".
ADFC NRW: "Vision Zero" muss das Ziel sein
Der ADFC-Landesverband NRW fordert einen beschleunigten Ausbau einer sicheren Radverkehrsinfrastruktur. Verwaltung und Polizei müssten ihr Handeln konsequent an der Erreichung der Vision Zero ausrichten, also dem Ziel, die Zahl der Getöteten und Schwerverletzten auf Null zu reduzieren.
Marc Zietan, verkehrspolitischer Experte des ADFC NRW, sagte: "Es braucht ein sicheres und durchgängiges Radwegenetz, ein geringeres Verkehrstempo und sichere Kreuzungen." Zudem seien gezielte Kontrollmaßnahmen der Polizei "zwingend notwendig, damit beispielsweise sichere Überholabstände und Geschwindigkeiten eingehalten werden".
VCD NRW fordert Tempo-Reduzierung
Auch der VCD NRW beklagt, dass NRW "noch wesentlich entfernt ist von der Vision Zero", Appelle und Medienkampagnen reichten nicht, sagte der Sprecher des Landesverbands, Iko Tönjes. Damit menschliche Fehler möglichst folgenlos bleiben, helfe ein geringeres Tempo. Der Verband empfiehlt ein Grundtempo von 30 in Städten, mit der Möglichkeit auf Hauptverkehrsachsen Tempo 50 zu ermöglichen.
Wichtig sei, Sichtachsen beispielsweise an Querungen und schmalen Straße freizuhalten und Parkverbote zum Beispiel auf Geh- und Radwegen "effizient zu überwachen", so Tönjes.
Unsere Quellen:
- Pressemitteilung des NRW-Innenministeriums
- Pressekonferenz des Innenministers in Düsseldorf
- Statements der Grünen-Fraktion auf Anfrage
- Pressemitteilung des ADFC NRW und Antworten auf Anfrage
- Gespräch mit dem VCD NRW
- Eigene Recherche
Sendung: WDR 5, Nachrichten/Herbert Reul stellt Verkehrsunfallbilanz 2025 vor, 11.03.2026, 10 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 11.03.2026, 18:45 Uhr