Illegales Rennen: Lebenslänglich für den Täter
Aktuelle Stunde . 07.05.2026. 43:18 Min.. Verfügbar bis 07.05.2028. WDR. Von Rüdiger Knössl.
Sie war auf dem Heimweg von einem "Tanz in den Mai"-Feuerwehrfest in Remscheid-Lennep. Doch zu Hause sollte die 19-jährige Hanna nicht mehr ankommen. Sie und eine Freundin wurden Opfer eines schweren Verkehrsunfalles. Das ist jetzt gut ein Jahr her. Ein 700 PS starker Sportwagen, den ein 25-Jähriger lenkte, erfasste die beiden jungen Frauen, sie wurden durch die Luft geschleudert.
Der Wagen war beim extrem schnellen Anfahren ausgebrochen und auf den Bürgersteig geraten. Hanna starb, ihre Freundin überlebte schwer verletzt. Am Donnerstag hat das Landgericht Wuppertal nun seine Entscheidung verkündet und den Angeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt. Schuldig gesprochen wurde er wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Wir haben mit dem Verkehrspsychologen Omar Chehadi aus Werne über die Wirkung des Urteils gesprochen.
WDR: Herr Chehadi, eine lebenslange Haftstrafe für den Raser von Remscheid - glauben Sie, dass das Urteil eine abschreckende Wirkung für andere Raser hat?
Omar Chehadi: Einerseits wird das Urteil bei allen, die davon erfahren, eine abschreckende Wirkung erzielen. Aber das Problem ist andererseits, dass dies bei Menschen, die zu schnellem Fahren neigen, im Alltag oft in Vergessenheit gerät. Während des Rasens fühlen sie sich stark und denken "ich bin stark, ich fahre schnell, aber ich habe alles im Griff". Und oft genug geht ja auch alles gut - aber manchmal eben nicht.
WDR: Das Gericht verurteilte den Angeklagten unter anderem wegen Mordes - welche Rolle für die öffentliche Wirkung spielt aus Ihrer Sicht das Wort "Mord"?
Omar Chehadi, Verkehrspsychologe
Omar Chehadi: Viele Menschen verbinden einen Autounfall mit einem tödlichen Ausgang zumeist nicht mit Mord. Aber es ist sehr wichtig für die psychologische Wirkung, die Dinge beim Namen zu nennen - also im Fall eines Falles von "Mord" zu sprechen. Und gleiches gilt für schwere Körperverletzung. Eine klare Benennung von dem, was passiert ist, führt dazu, dass potenzielle Raser einen Schockmoment haben. Im Idealfall führt das zu einer Bewusstseinsänderung - aber, wie gesagt, das gerät leider oft genug im Alltag in Vergessenheit.
WDR: Was, schätzen Sie, macht das Urteil mit dem Täter?
Omar Chehadi: Das Urteil macht sehr viel mit dem Täter. Für ihn war das Auto und der Umgang damit ein Stück Freiheit. Jetzt muss er nicht nur auf den Sportwagen verzichten, sondern hat auch noch lebenslänglich bekommen. Er wird wohl Scham- und Schuldgefühle, womöglich auch einen Nervenzusammenbruch haben. Und er dürfte wohl auch Abwehrmechanismen entwickeln und vielleicht die Schuld auch bei anderen suchen.
WDR: Kann das Urteil von Wuppertal dazu führen, dass Autofahrerinnen und Autofahrer ihren Pkw anders wahrnehmen - etwa nicht als Fortbewegungsmittel, sondern als Waffe?
Omar Chehadi: Ja und Nein. Einerseits hat es ja schon Vorfälle gegeben, bei denen manche ein Auto als Waffe nutzten - indem sie zum Beispiel damit absichtlich in eine Menschenmenge gerast sind mit dem Ziel, anderen Schaden zuzufügen. Aber eine solche Einstellung haben ja zum Glück nur sehr wenige. Die meisten sehen ihr Auto als Fortbewegungsmittel oder auch als Spaßobjekt.
WDR: Was müsste geschehen, um Fahrer nachhaltig dafür zu sensibilisieren, dass Raser das Leben anderer, aber auch das eigene gefährden?
Omar Chehadi: Es müsste viel mehr Aufklärung geben. Zum Beispiel über Kampagnen, in denen darüber informiert wird, welche fatalen Folgen Rasen haben kann. Solche Kampagnen darf es aber nicht nur geben, wenn gerade etwas Schlimmes passiert ist - sie müssen regelmäßig initiiert werden. Und es müsste eigentlich auch Eignungstests geben für Menschen, die einen 700 PS starken Sportwagen lenken wollen - der Führerschein hierfür reicht definitiv nicht aus.
Das Interview führte Sabine Meuter.
Sendung: WDR-Fernsehen, Aktuelle Stunde, 07.05.2026, 18.45 Uhr