Sexualisierte Gewalt im Erzbistum Paderborn: Uni stellt Studie vor
01:45 Min.. Verfügbar bis 11.03.2028.
Sexualisierte Gewalt im Erzbistum Paderborn: Uni stellt Studie vor
Stand:
Fünf Jahre dauerte die Untersuchung von Prof. Dr. Nicole Priesching und Dr. Christine Hartig von der Universität Paderborn. Ein Bündnis von Betroffeneninitiativen hat mehrere Demonstrationen angekündigt, unter anderem mit einem Karnevalswagen von Jacques Tilly.
Das Erzbistum Paderborn hat die Studie selbst in Auftrag gegeben, betont aber, dass sie unabhängig sei. Das Ergebnis kennen bisher weder die katholischen Kirchenvertreter, noch die Betroffenen. Große Überraschungen wird es bei der in der Uni Paderborn heute angesetzten Pressekonferenz vermutlich aber nicht geben.
Sexualisierte Gewalt an Minderjährigen
Im Dezember 2021 legten die Wissenschaftlerinnen eine Zwischenbilanz der Studie vor. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie bereits 160 Beschuldigte identifiziert. In der Überzahl waren es Priester. Möglich, dass diese Zahl nun nach oben korrigiert werden muss.
Die unabhängige Betroffenvertretung im Erzbistum Paderborn sprach in der vergangenen Woche von 240 registrierten Personen, die sexualisierte Gewalt durch katholische Kirchenvertreter erlitten hätten. Die Vertretung, es handelt sich um einen gemeinnützigen Verein, äußerte sich dazu am Rand der Einweihung eines Mahnmals im Paderborner Dom.
Katholische Kirche vertuschte Taten
Schon in ihrer Zwischenbilanz machten die Wissenschaftlerinnen 2021 deutlich: Sowohl Kirche als auch Gesellschaft hätten systematisch weggesehen und Straftaten gebilligt oder hingenommen.
In vielen Personalakten sei das Thema "sexueller Missbrauch" selbst dann nicht aufgetaucht, wenn das Generalvikariat Kenntnis gehabt habe. Oftmals seien Beschuldigte versetzt worden, so dass eine Wiederholungsgefahr bestanden habe.
Kindern sei oft nicht geglaubt worden. Von ihren eigenen Eltern oder auch von Ermittlungsbehörden. Die katholische Kirche habe sogar Druck auf Familien ausgeübt zu schweigen. Es habe keinerlei Sensibilität für den Schaden der Kinder gegeben.
Demonstrationen vor dem Dom und der Uni
Betroffeneninitiativen haben mehrere Demonstrationen angekündigt. Drei Tage lang wollen sie sich mit einem Karnevalswagen von Jacques Tilly an mehreren Standorten in Paderborn zeigen.
Das Mahnmal in Form eines Stahltisches steht in der Brigidenkapelle des Paderborner Doms.
Der Protest richte sich dabei nicht nur gegen die aus ihrer Sicht schleppende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, sondern auch gegen das im Dom aufgestellte Mahnmal. Dabei handelt es sich um eine Art Memoryspiel. Tafeln mit persönlichen Geschichten und Bildern Betroffener können umgedreht und somit quasi ans Licht geholt werden.
Die Kritik: Die sei nur ein kurzes Aufdecken für die Galerie, bevor man wieder zur Tagesordnung übergehe. Das Aktionsbündnis fordert von der katholischen Kirche ein "Ende der Symbolpolitik" und von der Staatsanwaltschaft Ermittlungen.
Staatsanwaltschaft Paderborn wartet Studie ab
Die Staatsanwaltschaft Paderborn werde sich die Ergebnisse der Untersuchung durch die Universität Paderborn genau ansehen, teilte ein Sprecher auf Anfrage des WDR mit. Es werde dann geprüft, ob "Ermittlungsverfahren wegen strafrechtlich noch nicht aufgearbeiteter möglicher sexueller Übergriffe einzuleiten" seien.
Bereits 2018 habe die sogenannte "MHG"-Studie dazu geführt, dass entsprechende Verfahren veranlasst wurden. Die Studie war damals von einem Forschungsverbund mehrerer Experten aus Mannheim, Heidelberg und Gießen, deshalb kurz MHG, durchgeführt worden.
Darin wurden auch Personalakten katholischer Priester aus dem Erzbistum Paderborn in der Zeit von 1946 bis 2014 ausgewertet. Es gab 111 Beschuldigte und 197 Betroffene nur im Erzbistum Paderborn.
Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen
Heute (12.03.2026) werden die Ergebnisse der Studie „Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941–2002)“ von der Universität Paderborn vorgestellt. Die Untersuchungen sind damit aber nicht beendet.
Die Ergebnisse umfassen die Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt. Ein zweites Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Nicole Priesching untersucht seit 2023 zudem die Amtszeit von Erzbischof Hans-Josef Becker, die sich von 2002 bis 2022 erstreckte.
Wann diese Ergebnisse veröffentlicht werden steht noch nicht fest. Sollten sich in dem zweiten Teil der Studie Anhaltspunkte für strafrechtlich relevante Taten ergeben, wären diese jedenfalls noch nicht verjährt.
Unsere Quellen:
- Universität Paderborn
- Erzbistum Paderborn
- Unabhängige Betroffenenvertretung e.V.
- "Aktionsbündnis" Betroffeneninitiativen
- Staatsanwaltschaft Paderborn
- WDR Reporter vor Ort
Sendung: WDR.de, Sexualisierte Gewalt im Erzbistum Paderborn: Uni stellt Studie vor, 11.03.2026, 06:02 Uhr
Sendung: WDR 2 Ostwestfalen-Lippe, Lokalzeit, 11.03.2026, 12:31 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 11.03.2026,19:30 Uhr
