Kirche zahlt hohe Beträge an Missbrauchsopfer

02:02 Min. Verfügbar bis 11.12.2027

360.000 Euro: Kirche zahlt hohe Beträge an Missbrauchsbetroffene

Stand:

Mehrfach hat die Kirche Opfern von Missbrauch hohe Geldbeträge gezahlt, zeigt eine Recherche von WDR und Kölner Stadt-Anzeiger. Zuletzt bekam eine Betroffene vom Erzbistum Köln 360.000 Euro. Ein Kölner Gericht hatte zuvor geurteilt, die Kirche trage keine Verantwortung dafür, dass ein Priester ihr jahrelang sexualisierte Gewalt angetan hatte. Was die betroffene Melanie F. und ihr Anwalt, Kirchenrechtler und die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung zu den Zahlungen sagen.

Von Christina Zühlke

Melanie F. ist eine zarte Person mit schulterlangen, schimmernd weißen Haaren. Sie zittert schnell, wenn ihr kalt ist. Oder wenn sie aufgeregt ist. Als sie für ein WDR-Interview zum ersten Mal wieder zu dem Haus in Kerpen zurückkehrte, in dem sie als Kind einige Jahre lebte, wehte ein eisiger Wind.

Sie musste das Interview damals erst einmal abbrechen, noch eine Runde um den Block laufen. Erst dann schaffte es die 60-Jährige, zu erzählen: "Unten links war die Küche, davor war so ein Gebetszimmer. Ans Badezimmer will ich gar nicht denken."

Denn in diesem Badezimmer wurde sie jahrelang missbraucht - von einem katholischen Priester. Seit Jahren kämpft sie deshalb um Gerechtigkeit. Sie hat im Juli dieses Jahres vor Gericht verloren, und bekommt nun trotzdem 360.000 Euro von der Kirche - eine der höchsten Summen, die je gezahlt wurden. Aber der Reihe nach und zurück zum Reihenhaus auf dem Kirchplatz in Kerpen.  

Zweimal wurde Melanie F. schwanger 

Frau mit weißen Haaren und Brille guckt in die Kamera, im Hintergrund eine grüne Landschaft

Melanie F.

Dort wohnte sie ab dem Alter von zwölf Jahren mit ihrem Pflegevater, Bernd Ue., einem katholischen Geistlichen. Fast jedes Wochenende habe sie ihn in der Badewanne befriedigen müssen, noch im Bad habe er ihr danach die Beichte abgenommen. Zweimal wurde sie sogar schwanger. Beim ersten Mal nahm Bernd Ue. sie mit zu einem Frauenarzt, der nahm eine Abtreibung vor, ohne, dass die Minderjährige wusste, was geschah. Bernd Ue. bestreitet die Taten nicht.  

Er hatte sie und einen Jungen bei seiner ehrenamtlichen Arbeit im Kinderheim kennengelernt und schließlich bei sich aufgenommen. Mit Genehmigung des Jugendamtes einerseits, aber auch der damaligen Kölner Kardinal Joseph Höffner hatte persönlich zugestimmt. Ein einmaliger Vorgang, so sagen es auch die Dokumente, die von damals vorliegen. Dennoch schaute niemand von der Kirche mehr nach, wie es den Kindern im Pfarrhaus erging.  

Gericht sagt: Missbrauch geschah in der Freizeit , nicht im Dienst

Frau mit weißen Haaren im Gerichtssaal neben Anwälten in schwarzer Robe

Archivbild: Prozess von Melanie F. gegen Erzbistum Köln

Die Taten sind lange verjährt, gegen den Täter von damals kann Melanie F. nicht mehr klagen. Wegen weiterer Taten wurde er in einem Strafprozess verurteilt, er sitzt im Gefängnis. Melanie F. klagte vor einem Zivilgericht gegen die katholische Kirche als Institution, weil die sie als Kind nicht genügend geschützt hätten. Im Juli wies das Landgericht Köln die Klage ab. Der Priester habe den Missbrauch in seiner Freizeit als Pflegevater begangen, nicht im Dienst. Für ein Fehlverhalten des Erzbistums habe es keine Anhaltspunkte gegeben. 

Kurz nach der Urteilsverkündung sagte Melanie F. im Gespräch mit dem WDR, sie könne zwar rein sachlich noch Recht von Unrecht unterscheiden, "aber der Gerechtigkeitssinn ist durch das ganze Leben kaputtgemacht worden. Das ist zerstört worden, weil man mit so viel Ungerechtigkeit Erfahrung gemacht hat."

Kirche zahlt hohe Summen an Opfer von sexualisierter Gewalt

Umso überraschter war Melanie F., als sie jetzt ein Brief bekam. Von der "Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen", der UKA, die von den katholischen Bischöfen ins Leben gerufen wurde. Darin heißt es, die UKA habe "alle geschilderten Tatumstände wie auch die Auswirkungen der sexualisierten Gewalt auf Ihren Werdegang und Ihr Leben sowie ein mögliches institutionelles Versagen berücksichtigt." Ergebnis: Melanie F. soll 360.000 Euro bekommen. 

Nach Recherchen von WDR und Kölner Stadt-Anzeiger ist das die zweithöchste Summe, die in einem Bistum in Nordrhein-Westfalen je gezahlt wurde. Nachfragen in den fünf Bistumsverwaltungen ergaben: In Münster wurden einmal 370.000 Euro gezahlt, in Essen 320.000 Euro. Aachen, Paderborn, Essen und Münster haben jeweils noch einmal 300.000 Euro gezahlt. Das Erzbistum Köln hat auf eine Anfrage bisher nicht reagiert. 

Viele Betroffene bekommen deutlich geringere Summen

Deutschlandweit soll es sogar einmal eine Zahlung von 500.000 Euro gegeben haben, das erfuhren WDR und Kölner Stadt-Anzeiger aus dem Umfeld der UKA. Diese Summen scheinen zwar extrem hoch und die katholische Kirche hat nach Angaben der UKA bis Ende 2025 auch schon 77 Millionen Euro gezahlt.

Von den rund 2.500 Betroffenen, die einen Antrag stellten, bekamen allerdings weit mehr als die Hälfte nur eine Zahlung unter 20.000 Euro.   

Ein Mann mit Brille hält sich den Daumen an den Mund und guckt nachdenklich

Kirchenrechtler Thomas Schüller 2024 bei einer Podiumsdiskussion

Der Professor für Kirchenrecht Thomas Schüller aus Münster engagiert sich selbst für Missbrauchsbetroffene. Er sagt im WDR-Interview, die Höhe der Zahlungen habe nach einem Gerichtsurteil in Köln zugenommen. Damals waren einem ehemaligen Messdiener 300.000 Euro Schadensersatz zugesprochen worden. Schüller sagt: "Die Anerkennung des Leids als freiwillige Leistung in dieser Höhe ist ja nur ein schwacher Trost für ein total verkorkstes Leben, in dem Seele und Leib zerstört wurden.

Missbrauchsbeauftragte: "Kein Betrag kann verlorene Kindheit wettmachen"

Kerstin Claus ist seit 2022 die unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Sie sagt, wie wichtig die Zahlung so hoher Summen sei: "Kein Betrag der Welt kann eine verlorene Kindheit und Jugend wettmachen, das ist vollkommen klar."

Es sei aber bekannt, dass Betroffene massiver sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend häufig armutsbetroffen seien. "Denn die Biografie ist meist geprägt von diversen Brüchen und Belastungen, die aus den Erfahrungen der Kindheit und Jugend resultieren." Genauso wichtig sei aber die Funktion, dass erlittenes Leid so anerkannt würde. 

Kritik von Kerstin Claus: "Evangelische Kirche hinkt um Jahre hinterher."

Porträtfoto einer Frau mit grauen kürzeren Haaren und Brille sitzt bei einer Pressekonferenz

Kerstin Claus, Bundesbeauftrage für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Claus sagte im WDR-Interview, das Verfahren der katholischen Kirche bringe Probleme mit sich. Aber dass es überhaupt ein strukturiertes Verfahren gebe, sei sehr wichtig und fehle bei anderen Institutionen: "Die Evangelische Kirche hinkt um Jahre der katholischen Kirche hinterher und für Betroffene ist das tatsächlich desaströs, weil sie in Teilen schon seit vielen Jahren versuchen, Anerkennung und angemessene Entschädigung zu bekommen."

Auch im Sport vermisst Claus entsprechende Entschädigungsverfahren und appelliert an die Bundesregierung, Gelder einzufrieren, wenn Kinderschutz nicht gewährleistet werde: "Ich kann nicht nachvollziehen, warum Sportförderung in diesem Sinne, in diesem Maße weiter möglich ist, wenn gleichzeitig bestimmte erste Schritte seitens des verfassten Sportes noch nicht gegangen sind."

Bundesregierung spart bei Fonds für Opfer von sexualisierter Gewalt

Problematisch sei auch, fügt Claus hinzu, dass die Bundesregierung selbst vielen Betroffenen von sexualisierter Gewalt gerade eine Möglichkeit nehme, Gelder zu beantragen. Denn der "Fonds Sexueller Missbrauch" wird - entgegen des Versprechens aus dem Koalitionsvertrag - zur Zeit nicht mit neuen Geldern bestückt.  

Hingegen lobt die Beauftragte die Landesregierung in NRW: "Nordrhein-Westfalen ist das erste Bundesland, das eine Aufarbeitungskommission berufen hat. Das ist ein immens wichtiger Schritt und ich kann nur alle anderen Bundesländer auffordern, diesem Schritt Nordrhein-Westfalens zu folgen." Denn nur durch Druck auf Institutionen, auch auf Länderebene, könne sich etwas bewegen. 

Hohe Summe: Katholische Kirche zahlt an Missbrauchsopfer

WDR Studios NRW 11.12.2025 03:50 Min. Verfügbar bis 11.12.2027 WDR Online

Melanie F. hält an Klage gegen Erzbistum Köln fest

Älterer Mann steht in einem Arbeitszimmer und guckt in die Kamera

Anwalt Eberhard Luetjohann

Und Melanie F.? Sie hat sich zwar über die Zahlung der Kirche gefreut, aber an der Klage gegen das Erzbistum Köln will sie trotzdem festhalten und geht in Berufung. An ihrer Seite steht der Rechtsanwalt Eberhard Luetjohann: "Der Betrag, der jetzt gezahlt worden ist, ist viel zu niedrig. Wenn Sie sich vorstellen, dieses arme Mädchen, die ganze Jugend ist da zerstört worden, immer in den offiziellen Amtssitzen, in den Pfarrhäusern, immer unter Aufsicht von anderen Priestern und Vorgesetzten. Deswegen klagen wir weiter." Der Fall liegt nun beim Oberlandesgericht.  

Richtig so, findet Kirchenrechtler Thomas Schüller: "Das Landgericht Köln hat sich bei diesem zivilrechtlichen Verfahren bis auf die Knochen blamiert, weil es ja versucht hat, theologisch zu urteilen, ob ein Priester privat oder dienstlich handeln kann. Das ist ein Skandalurteil in Köln."

Schüller sagt, es gehe nicht, dass ein Priester sein Amt nutze, um das Vertrauen der Kinder und des Jugendamtes zu gewinnen, aber dann beim Missbrauch plötzlich nur als Privatmann gehandelt haben soll. 

Das Landgericht Köln bittet auf WDR-Anfrage um Verständnis: Gerichtliche Entscheidungen könne man nicht kommentieren. Wichtig sei aber, "dass Richterinnen und Richter nach Recht und Gesetz ohne Ansehen der Person entscheiden."

Melanie F. sagt, es gehe ihr bei der Klage nicht um mehr Geld. Sie wolle, dass offiziell anerkannt wird, dass die Verantwortlichen in der Kirche Fehler gemacht haben. Fehler, die bei ihr dazu geführt haben, dass ihr Gerechtigkeitssinn zerstört worden sei und dass sie weder Freude noch Leid wirklich spüren könne.  

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit Anwalt Eberhard Luetjohann
  • Gespräch mit Kirchenrechtler Thomas Schüller
  • Erzbistümer Köln und Paderborn, Bistümer Münster, Aachen und Essen
  • Unabhängige Kommission für Anerkennungszahlungen (UKA)
  • Gespräch mit Klägerin Melanie F.
  • Gespräch mit Kerstin Claus, Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung

Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 11.12.2025, 12.45 Uhr

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