Bistums-Reaktion zu Studie zur sexualisierter Gewalt
Aktuelle Stunde . 13.03.2026. 32:17 Min.. UT. Verfügbar bis 13.03.2028. WDR. Von Oliver Köhler.
Nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie für das Erzbistum Paderborn hat Erzbischof Udo Markus Bentz am Freitag um Verzeihung gebeten und Konsequenzen angekündigt. Die Studie zeige, dass Vorfälle verharmlost und bagatellisiert worden seien, sagte Bentz in Paderborn. Es gehe nicht nur um individuelles Fehlverhalten, sondern institutionelles Versagen. Die erste Sichtung der Studie habe "die fatale, strukturelle Dimension des Versagens" deutlich gemacht.
Im Zeitraum von 1941 bis 2002 hatte die Studie mehr als 200 Geistliche identifiziert, die sich an 489 Opfern vergangen haben sollen - erheblich mehr als bisher bekannt. Ein zweiter Teil der Studie, der die Zeit von 2003 bis 2023 abbildet, soll im nächsten Jahr veröffentlicht werden.
Kirchenrechtler Thomas Schüller von der Universität Münster begleitet seit Jahren die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der Katholischen Kirche. Wir haben ihn um eine Einschätzung der jüngsten Entwicklungen gebeten.
WDR: Herr Schüller, die neue Missbrauchsstudie im Auftrag des Erzbistums Paderborn hat die Zahl der Opfer und mutmaßlichen Täter stark nach oben korrigiert. Läuft die Aufarbeitung in Paderborn schonungsloser als in anderen Bistümern?
Thomas Schüller: Wenn unabhängige Forscher erstmalig alle noch vorhandenen Akten und Unterlagen einsehen und mit Betroffenen sprechen können, kommen einfach deutlich höhere Zahlen zustande. Höher zumindest als 2018, als die Bistümer in einem regelrechten Parforceritt ihre Personalakten durchsehen mussten. Man muss dazu wissen: Viele Informationen zu Missbrauchsfällen finden wir gar nicht in den regulären Akten, sondern in "Neben-Akten" oder in Dokumenten ohne Aktenzeichen. Jetzt in Paderborn war es so, dass die Forscher einfach alle vorhandenen Akten und Archivalien einsehen konnten - auf diese Weise bekommt man höhere Zahlen.
Man muss aber beachten: Bisher gab es in Deutschland nur sogenannte "Hellfeld"-Studien. Das bedeutet, dass nur ermittelt und verfiziert wird, was in den Akten steht. Und beim Thema Missbrauch war es in den vergangenen 50 bis 60 Jahren oft so, dass vieles gar nicht verschriftlicht, sondern nur mündlich weitergegeben wurde. Würde man eine Dunkelfeld-Studie in Auftrag geben, in der wirklich alle verfügbaren Informationsquellen ausgewertet werden, dann würde man auf ganz andere Zahlen kommen.
Ein Beispiel: In Frankreich wurde mit Geld vom Staat eine unabhängige Dunkelfeld-Studie zum Thema angefertigt. Dabei wurden mehr als 300.000 Betroffene ermittelt.
WDR: Bezogen auf die Hellfeld-Studien der NRW-Bistümer: Sehen Sie da qualitative Unterschiede?
Schüller: Vor allem gibt es starke methodische Unterschiede. In Köln und Aachen wurden zum Beispiel mithilfe von Fachkanzleien rein juristische Untersuchungen angestellt. Das Material wurde also vor allem auf strafrechtlich und kirchenrechtlich relevante Aspekte gescannt. In Essen wurde hingegen ein sozialwissenschaftlicher Ansatz gewählt: Dabei wurde auf die allgemeinen Rahmenbedingungen in den Gemeinden, den katholischen Jugend- und Erwachsenenverbänden geschaut. Was genau hatte dazu beigetragen, dass zu oft weggeschaut wurde?
Thomas Schüller
Und in Münster, wo ich selbst an der Untersuchung beteiligt war, hat man einen historischen Ansatz gewählt. Das heißt: Hier hat ein großes Forschungskonsortium das soziale Umfeld abgeleuchtet, aber auch alle möglichen anderen Quellen genutzt, auch staatliche.
Kurz: Je nachdem welche Methodik zum Einsatz kommt, erhält man andere Ergebnisse. Und die verschiedenen Studien sind nur bedingt miteinander vergleichbar. Allerdings kommen sie zu einem übereinstimmenden Ergebnis: Die Bischöfe haben bis in die 2000er-Jahre Missbrauchsfälle systematisch vertuscht. Man hat immer die Kleriker geschützt, man hat nie die Opfer im Blick gehabt. Und auch Gemeinden, Lehrer, Strafverfolgungsbehörden und sogar Eltern der Opfer haben alle Augen zugedrückt.
Protest vor dem Paderborner Rathaus
WDR: Sind Kinder und Jugendliche inzwischen im kirchlichen Kontext ausreichend vor Übergriffen geschützt?
Schüller: Bei der Vorbeugung sexualisierter Gewalt hat sich extrem viel getan. Inzwischen kann man sagen, dass die katholische Kirche in diesem Bereich neue Standards gesetzt hat. Jeder der ehrenamtlich oder hauptamtlich mit Kindern und Jugendlichen oder schutzbedürftigen Erwachsenen zu tun hat, muss regelmäßig Präventionsschulungen durchlaufen. Dadurch werden sie rechtzeitig auf die Gefahrenlagen hingewiesen. Sie bekommen einen geschulten Blick, was Nähe und Distanz im Umgang mit Kindern und Jugendlichen angeht. Und wie man erkennt, ob Kinder schon negative Erfahrungen machen mussten. Das ist die beste Form, um solche Taten in der Zukunft zu verhindern.
Außerdem wird das in allen Bistümern in NRW noch von unabhängigen Wissenschaftlern bewertet. Das heißt, man unterzieht sich auch einer Manöverkritik: Haben wir die richtigen Instrumente? Müssen wir noch nachlegen? Das sorgt für die nötige Sensibilität. Gänzlich verhindern kann man solche Taten leider, leider nicht.
WDR: Kann so eine engmaschige Beobachtung bei Seelsorgern auch zu einer leichten Paranoia führen?
Schüller: Nun ja, einige meinen, dass die frühere Unbekümmertheit in der Kinder- und Jugendarbeit so nicht mehr existiert. Wenn ein Jugendlicher oder junger Erwachsener kommt und ein Seelsorge-Gespräch führen möchte, dann bleibt immer öfter die Tür offen. Oder es wird nach Möglichkeit ein zweiter Gesprächspartner hinzugezogen.
Die Sorge ist da: Kann meine Körpersprache, die Art, wie ich mich artikuliere, schon als missbräuchlich interpretiert werden? Aber dennoch ist eine intensive Präventionsarbeit die beste Lösung: Sie schützt nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch die Seelsorger selbst.
WDR: Was muss die Kirche tun, um die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in den kommenden Jahren zu verbessern?
Schüller: Bisher haben sich die Untersuchungen auf die Bistümer konzentriert. Es gibt aber noch viele weiße Lücken: zum Beispiel die Orden, die Kinderheime und Schulen. Da laufen die Untersuchungen nur zögerlich an. Auch bei der finanziellen Entschädigung für Opfer sexualisierter Gewalt gibt es noch Probleme, vor allem, weil das Verfahren so intransparent ist. Da gibt es erheblichen Nachholbedarf, da braucht man sich nicht auf die Schulter zu klopfen.
Das Interview führte Andreas Poulakos.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Thomas Schüller
Sendung: WDR 2, Morgenmagazin, 13.03.2026, 8:13 Uhr