NRW baut zu wenig Wohnungen - doch nicht überall
Stand:
Eine Datenanalyse zeigt: Mehr als drei Viertel der Kreise baut zu wenig Wohnungen - und das seit Jahren. Doch zwischen Regionen wie dem Ruhrgebiet und dem Niederrhein sind die Unterschiede enorm. Karten zeigen die Lage in eurer Kommune.
Von Leonhard Eckwert
Eure Themen, eure Wahl: In der Woche vor den Kommunalwahlen beschäftigen wir uns in Online-Analysen und den WDR aktuell-Radionachrichten mit den Themen, die von den Menschen in NRW bei diesen Wahlen laut NRW-Trend als wichtigste Probleme vor Ort wahrgenommen werden.
Wenn Bund und Land neue Wohnungen wollen, dann geht das nicht ohne die Kommunen. Sie bearbeiten Bauanträge, beschließen neue Baugebiete oder betreiben eigene kommunale Wohnungsunternehmen. Die Kommunen bestimmen mit, wo am Ende die Bagger für neue Wohngebäude rollen. Und fest steht: In vielen Teilen Nordrhein-Westfalens sind in den vergangenen Jahren zu wenige dieser Bagger gerollt.
2024 wurden in NRW rund 41.000 neue Wohnungen fertiggestellt. So wenige Wohnungen wurden zuletzt 2015 gebaut. In den vergangenen zehn Jahren sind vergleichsweise wenige neue Wohnungen hinzugekommen. Und das nicht nur in NRW, sondern bundesweit.
Wenig ist übrig vom Bauboom der 90er Jahre. 1995 erreichte Nordrhein-Westfalen mit mehr als 100.000 neuen Wohnungen seinen bisherigen Neubaurekord. Nach der Wende zogen besonders viele Menschen aus der ehemaligen DDR und dem osteuropäischen Ausland nach NRW – und brauchten Wohnungen. Die Baubranche reagierte auf den gestiegenen Bedarf.
Seitdem sank die Zahl der jährlich neu gebauten Wohnungen und erreichte ihren Tiefpunkt im Jahr 2009 während der weltweiten Finanzkrise, die durch Immobilienspekulation in den USA ausgelöst wurde.
In den Folgejahren erholte sich der Wohnungsmarkt wieder und hunderttausende neue Wohnungen entstanden. Der Neubau verteilt sich aber sehr ungleich über die Kommunen.
Eure Themen, eure Wahl: Das sagt ihr zum Thema Mieten und Wohnen
Wir wollen eure Meinung zu den Themen wissen, die die Menschen in NRW vor der Kommunalwahl als drängendste Probleme empfinden. Das sagt ihr zum Thema Mieten und Wohnen.
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Wohnungsbestand schrumpft in einigen Gemeinden
Im Ruhrgebiet und in Südwestfalen sind seit 2010 vergleichsweise wenig neue Wohnungen entstanden. In einigen Gemeinden ist der Wohnungsbestand sogar geschrumpft. Zum Beispiel in kleinen Städten wie Ennepetal oder Schieder-Schwalenberg - hier gibt es vier Prozent weniger Wohnungen.
Am stärksten ist der Wohnungsbestand in der Stadt Altena (Märkischer Kreis) geschrumpft. Sie hat 455 Wohnungen weniger seit 2010. Das große Hochwasser 2021 beschädigt Häuser, die Stadt kämpft mit Leerstand. Zusätzlich hat keine andere Stadt im Westen in den vergangenen Jahrzehnten anteilig so viele Einwohner verloren wie Altena.
Selbst einige Großstädte wie Herne oder Remscheid haben heute teilweise hunderte Wohnungen weniger als noch 2010.
Auch wenn die Zahl der Wohnungen sinkt, steigt in so gut wie allen Gemeinden die verfügbare Wohnfläche. Das kann verschiedene Gründe haben: Die älteren, kleinen Wohnungen werden abgerissen und durch neue, größere ersetzt. Eigentümer legen Wohnungen zusammen oder erweitern sie, indem etwa der Dachboden ausgebaut wird.
Die Stadt Erkrath (Kreis Mettmann) ist die einzige Gemeinde in NRW, bei der die gesamte Wohnfläche gesunken ist. Die Flutkatastrophe 2021 hat auch in der Stadt Wohnungen beschädigt, die verfügbare Wohnfläche war 2024 immer noch niedriger als vor der Flut.
Viel Neubau entlang niederländischer Grenze
Woanders läuft es besser: Besonders im Niederrhein, in der Eifel und im Münsterland sind vergleichsweise viele Wohnungen entstanden.
In Gangelt (Kreis Heinsberg) ist die Zahl der Wohnungen seit 2010 am stärksten gewachsen - sie ist um fast ein Viertel gestiegen. Typisch für ländliche Gemeinden wie Gangelt sind Neubaugebiete mit Ein- und Zweifamilienhäusern.
Auch Gemeinden wie Weeze (Kreis Kleve) und Ostbevern (Kreis Warendorf) haben mit 21 Prozent mehr Wohnungen ordentlich zugebaut.
Unter den großen Städten sind insbesondere Paderborn und Aachen gewachsen. Hier gibt es zehn Prozent mehr Wohnungen.
Wohnungsbau reicht voraussichtlich nicht aus
Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat in diesem Jahr berechnet, wie viele Wohnungen zwischen 2023 und 2030 jährlich in Deutschland gebaut werden müssen, um den voraussichtlichen Bedarf zu decken.
In den vergangenen beiden Jahren haben viele Kreisen in Nordrhein-Westfalen diesen Bedarf verfehlt - teilweise mit großem Abstand. Mehr als drei Viertel der Kreise bauen nicht genug Wohnungen. Vor allem die kreisfreien Städte kommen nicht hinterher.
In Gelsenkirchen wurden in den vergangenen beiden Jahren gerade mal 160 neue Wohnungen fertiggestellt. Laut Prognose hätten es 860 sein müssen. Der Großteil der kreisfreien Städte hat weniger als die Hälfte der nötigen Wohnungen gebaut.
Dazu kommt in Städten wie Gelsenkirchen und Remscheid ein vergleichsweise hoher Leerstand, obwohl die Städte weiter wachsen. Das hängt auch oft vom schlechten Zustand der vorhandenen Wohnungen ab.
Baumeister ist der Kreis Kleve. Die dortigen Gemeinden übertreffen den prognostizierten Wohnungsbedarf von 1.700 Wohnungen für die beiden vergangenen Jahre mit mehr als 1.000 neuen Wohnungen locker. Auch die Kreise Euskirchen und Heinsberg bauen aktuell in einem Tempo, das über das nötige Minimum der Prognose liegt.
Die Berechnung des BBSR ist nur eine grobe Orientierung. In der Vergangenheit hat zum Beispiel die unerwartete Zuwanderung von Ukrainern durch den Krieg den Bedarf stärker erhöht als erwartet. Auch der bundesweite Trend, dass immer mehr Menschen alleine wohnen, hat den Wohnungsbedarf gesteigert. Eine Prognose, die man wagen kann: Wohnraum wird in vielen Orten NRWs noch länger knapp bleiben.
Eure Themen, eure Wahl: Mehr lesen
In der Reihe "Eure Themen, eure Wahl" liefern wir euch Fakten und geben Raum für eure Meinungen zu den Themen, die die Menschen in NRW vor der Wahl am meisten beschäftigen.
Unsere Quellen:
- IT.NRW
- Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)
- Zensus 2011 und 2022