Diese NRW-Städte haben die meisten Schulden

Schulden der Kommunen in NRW explodieren – wo die Not am größten ist

Stand:

Einbrechende Einnahmen, steigende Ausgaben: Die Städte Nordrhein-Westfalens müssen immer mehr Schulden aufnehmen. Gleichzeitig stauen sich die Investitionen an. Eine Datenanalyse.

Von Julian Budjan

7,7 Milliarden Euro – so viele Schulden haben die Gemeinden und Gemeindeverbände Nordrhein-Westfalens sowie ihre städtischen Betriebe und Einrichtungen alleine im Jahr 2024 neu aufgenommen. Bezieht man auch die Stadtwerke, Kulturbetriebe, Wohnungsbaugesellschaften, Abfallentsorgungs- oder Bäderbetriebe in die Rechnung ein, summiert sich der gesamte Schuldenberg auf über 74 Milliarden Euro.

"Die finanzielle Lage der Kommunen ist desaströs", sagt Christian Raffer vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu). Er verantwortet mit dem bundesweiten KfW-Kommunalpanel das bekannteste wissenschaftlich fundierte Lagebild der kommunalen Finanzen und Investitionen in Deutschland. Das Klagelied der Kommunen über klamme Kassen gebe es schon lange, sagt er, aber bis vor kurzem hätten es immer noch genügend Gemeinden gegeben, die finanziell komfortabel aufgestellt gewesen seien. "Jetzt geht es eigentlich allen schlecht. 2023 und 2024 hat sich die finanzielle Lage in der Breite gravierend verschlechtert. Und sie wird sich auch noch weiter verschlechtern."

Datenauswertung für NRW-Städte

Auch die Kassenergebnisse in NRW deuten darauf hin, dass sich die Lage in 2025 weiter zuspitzt: Ende März standen bei den Stadt- und Kreisverwaltungen 2,3 Milliarden Euro Verbindlichkeiten für das laufende Haushaltsjahr zu Buche. Jedoch handelt es sich hier um Zwischenstände, die im Laufe des Jahres noch ausgeglichen werden können.

Das düstere Bild, das Christian Raffer für die bundesweit über 11.000 Gemeinden zeichnet, gilt umso mehr für die knapp 400 aus dem Westen, wie die WDR-Datenrecherche zeigt. Von den bundesweiten kommunalen Gesamtschulden stammen mehr als 40 Prozent aus NRW. Die Altschuldenlast ist durch das Ende traditioneller Industrien historisch erklärbar. Nun entfällt aber auch etwa ein Drittel der bundesweiten kommunalen Neuverschuldung aus dem Jahr 2024 auf NRW.

Und ein Blick auf die Art der Schulden, die im vergangenen Jahr gemacht wurden, verrät: Neben den langfristigen, zinsärmeren Investitionskrediten sind zum ersten mal seit vielen Jahren auch die kurzfristigen Kassenkredite wieder stark angewachsen. Diese nimmt eine Kommune in der Regel auf, um finanzielle Engpässe zu überbrücken. Häufig werden diese Kredite im Laufe eines Jahres mit den Einnahmen wieder zurückgezahlt. Bleiben sie über das Ende eines Jahres bestehen, deutet das auf dauerhafte kommunale Haushaltsdefizite hin. "Das ist ein klarer Krisenindikator", betont Raffer.

Gerade hier gilt es unter den Kommunen in NRW auch zu unterscheiden: Zwar hat Düsseldorf unter den Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern mit Abstand die meisten neuen Schulden im Jahr 2024 aufgenommen. Die Landeshauptstadt stand noch 2023 mit etwa 340 Millionen Euro in der Kreide, 2024 kamen über 200 Millionen Euro hinzu. Allerdings entfiel der Großteil auf Investitionskredite.

Gewöhnliche Schulden und ungute Schulden

Wird etwa ein neues öffentliches Gebäude gebaut, kann es mit diesen Krediten vorfinanziert werden. Sie werden dann mitunter über 20 Jahre im Haushalt abgestottert. Das wird von vielen Städten bei größeren Investitionen so gehandhabt. Würden Kredite dieser Art allerdings für allerlei Investitionen aufgenommen werden, so Raffer, würde das den Handlungsspielraum im Haushalt auf Dauer auch einengen.

In anderen Städten ist ein klares Ungleichgewicht zwischen Investitions- und Liquiditätskrediten zu erkennen. Leverkusen hat über 300 Millionen Euro an Kassenkrediten aufgenommen, nur wenige Investitionskredite. Auch in Gelsenkirchen, Bonn oder Duisburg wurden mit hunderten Millionen Euro die Haushaltslöcher gestopft.

Insgesamt ist in 35 Kommunen der Schuldenstand innerhalb eines Jahres um mehr als die Hälfte gewachsen. 12 Kommunen haben ihre Schulden sogar mehr als verdoppelt – prominentes Beispiel ist Gütersloh mit 144 Prozent Neuschulden. Bei den Städten über 100.000 Einwohner stehen Düsseldorf (60%) und Leverkusen (59%) an der Spitze.

Natürlich spielt es auch eine Rolle, wie viele Menschen in einer Stadt leben. Verrechnet man die Einwohnerzahl mit den Schulden kommt die einstmals florierende Stadt Monheim bei Düsseldorf auf eine Pro-Kopf-Verschuldung von knapp 13.500 Euro. Sie verdoppelte ihre Schulden nahezu innerhalb eines Jahres – weil sie mit Einnahmen kalkulierte, die ausblieben.

Auch Mülheim an der Ruhr und Oberhausen haben fünfstellige Schuldensummen pro Einwohner angehäuft. Die Nummer eins bleibt Siegburg mit über 15.000 Euro Schulden pro Einwohner. 18 der 396 Kommunen in NRW weisen eine Pro-Kopf-Verschuldung von mindestens 6.000 Euro auf, darunter auch Köln, Bonn, Leverkusen, Remscheid oder Solingen.

Einnahmen stagnieren, Sozialausgaben gehen durch die Decke – der perfekte Sturm Michael Thöne, FiFo Köln

Doch warum geht es den Kommunen gerade jetzt so schlecht? Michael Thöne vom Finanzwissenschaftlichen Forschungsinstitut an der Uni Köln (FiFo) erklärt das so: "Aufgrund der wirtschaftlichen Flaute stagnieren die Einnahmen, auf der anderen Seite gehen die Sozialausgaben durch die Decke – es ist der perfekte Sturm, die Haushalte brechen regelrecht auseinander."

Im Grunde beträfe das, so sein Kollege Raffer vom Difu, alle Kommunen in Deutschland. Gerade in Krisenzeiten seien mehr Menschen auf soziale Hilfe angewiesen. Neben Bürgergeld, Geflüchtetenhilfe sowie Pflege sind, etwa durch den Kita-Ausbau, die Ausgaben der Kinder- und Jugendhilfe stark gestiegen (um 17 Prozent). Auch die Tarifabschlüsse im öffentlichen Dienst täten ihr Übriges, sie bedeuten 9 Prozent steigende Personalkosten für die Verwaltungen. Vor allem aber seien in den vergangenen Jahren immer mehr Aufgaben im sozialen Bereich an die Kommunen übertragen worden.

Kommunen haben mehr soziale Aufgaben in NRW als anderswo

Finanzexperte Michael Thöne vom FiFo Köln

Michael Thöne vom FiFo Köln forscht in NRW zu kommunalen Finanzen

Eigentlich sollen viele dieser sogenannten sozialen Pflichtaufgaben von Bund und Land (teil-)finanziert werden. Jedoch würden die tatsächlichen Kosten diese Erstattungen in vielen Bereichen bei weitem übersteigen, sagt Thöne: "In Nordrhein-Westfalen stellt sich die Situation noch pointierter als im Bundestrend dar, weil es viele sehr große Kommunen gibt, die noch einmal höhere Sozialausgaben haben. Zudem müssen die Kommunen auch finanziell Aufgaben allein tragen, um die sich anderswo die Länder ganz oder zum Teil kümmern." Etwa die Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung. Kostensteigerung allein hier 2024: 13,6 Prozent. Beteiligung der Landesregierung: null Prozent. In Niedersachen sind es 75 Prozent.

Was die leeren kommunalen Kassen umso gravierender macht: Eigentlich müsste in vielen Bereichen der kommunalen Infrastruktur massiv investiert werden. Zudem warten zahlreiche Zukunftsaufgaben wie Digitalisierung, Klimaschutz, Verkehrswende.

50 Milliarden Euro Investitionsrückstände

So haben sich riesige Investitionsrückstände aufgetürmt. Christian Raffer und sein Difu-Team haben für das repräsentative Kommunalpanel eine Summe von 215,7 Milliarden Euro errechnet – deutschlandweit. Über Jahre sei das Niveau konstant geblieben, nun gab es erstmals einen markanter Sprung von rund 40 Milliarden Euro.

In NRW beziffert der Städte- und Gemeindebund den Investitionsrückstand auf "deutlich über 50 Milliarden Euro". Auch das ist ein Allzeit-Rekord. Michael Thöne macht für seine Studie "NRW.Bank.Fokus Kommunen" das für die Gemeinden Nordrhein-Westfalens, was die Kollegen vom Difu deutschlandweit machen: Die Stimmung, die Probleme und die Gesamtsituation rund um Finanzen und Investitionen abzufragen. Etwas mehr als jede vierte NRW-Gemeinde hat an der Befragung zuletzt teilgenommen.

In der 2024er-Ausgabe, in der die Gemeinden nach dem Finanzjahr 2023 gefragt wurden, meldeten sie in einigen Bereichen erheblichen Bedarf an Investitionen.

Besonders drückt offenbar der Schuh im Bereich Schule, wo Sanierungen und Neubauten anstehen. Gleiches gilt für offene Ganztagesschulen, wo ab 2026 jedes Kind einen gesetzlichen Anspruch auf einen Platz haben wird. Auch bei den Straßen, Turnhallen, Schwimmbädern und Rathäusern bewerten mehr als zwei Drittel der Kämmerer die Rückstände bei den Investitionen als "nennenswert" oder "gravierend".

Als gravierend gilt in der Studie ein Rückstand, wenn eine Kommune ihre Daseinsvorsorge künftig bedroht sieht.

Auch nicht-monetäre Hemmnisse verstärken Investitionsstau

Die Ursachen liegen nicht nur in knappen Kassen und steigenden Baukosten, sondern auch im Personalmangel. Schon heute ist jede 14. Stelle in den Verwaltungen unbesetzt, bis 2030 könnte es jede siebte sein – rund 31.000 Stellen. Besonders im Planungsbereich droht akuter Engpass: Dort wäre bis dahin jede dritte Stelle unbesetzt.

Die Folgen zeigen sich schon jetzt: 2023 blieben zahlreiche Bauprojekte trotz gesicherter Finanzierung liegen. In den Bereichen Verkehr, Ganztagsbetreuung, Kultur- und Sportstätten wurde im Schnitt nur ein Drittel der Vorhaben aus den kommunalen Haushalten umgesetzt; in acht von 17 Infrastrukturbereichen sogar weniger als die Hälfte.

Wo als geht die Reise für die Kommunen in Nordrhein-Westfalen hin? Die Finanzwissenschaftler Raffer und Thöne registrieren in Gesprächen mit kommunalen Vertretern über Investitionen eine wachsende Zurückhaltung. Auch der Städte- und Gemeindebund NRW erwartet sinkende Investitionen.

Wird das Sondervermögen des Bundes den Kommunen helfen?

Aus dem 500 Milliarden Euro schweren Infrastrukturvermögen der Bundesregierung sollen 100 Milliarden an die Länder gehen, etwa 21 Milliarden nach NRW. "Weit mehr" als die Hälfte davon solle bei den Kommunen landen, wie der Ministerpräsident in einem WDR-Interview ausführte. Für Raffer bedeutet das: "Das Sondervermögen wird in den Kommunen allenfalls Löcher stopfen statt für echte, in die Zukunft gerichtete Investitionen zu dienen."

Ein großes Problem bleiben die Altschulden, die sich seit dem Niedergang traditioneller Industrien und dem folgenden Strukturwandel angehäuft haben. Vor einigen Wochen hat die Landesregierung zumindest eine kleine Lösung auf den Weg bringen können.

250 Millionen Schuldentilgung jährlich

Sie stellt bis 2055 jährlich 250 Millionen Euro für die Kommunen zur Schuldentilgung bereit. Besonders hoch verschuldete Kommunen sollen profitieren, um die Liquiditätskredite überall innerhalb von 30 Jahren auf höchsten 1.500 Euro pro Einwohner zu senken. 2024 nahmen die Kommunen allein 2,5 Milliarden Euro neue Liquiditätskredite auf.

Vor wenigen Tagen kündigte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf dem CDU-Landesparteitag in Bonn an, dass auch der Bund Anfang 2026 ein Programm zur Entlastung besonders verschuldeter Kommunen auf den Weg bringen wolle. Er sprach von "einem kleinen Beitrag des Bundes". Die Altschuldenhilfe des Bundes wurde bereits im Koalitionsvertrag festgehalten. Dort ist von jährlich bis zu 250 Millionen Euro die Rede. Profitieren sollen die Länder, die ihrerseits Maßnahmen zur kommunalen Schuldentilgung umsetzen – wie NRW.

Für Thöne ist die Altschuldenlösung ein Fortschritt, dennoch brauche es grundlegendere Reformen und Entlastungen bei sozialen Pflichtaufgaben. Die Investitionsrückstände könnten die Kommunen nicht alleine aufholen. Er sagt: "Mich wundert es wirklich, dass dieses Thema im Wahlkampf zur Kommunalwahl nicht präsenter ist."

Unsere Quellen:

Hinweis der Redaktion vom 5. September 2025, 14:45 Uhr: In einer vorherigen Version dieses Beitrags stand, dass 11 Milliarden Euro aus dem Infrastrukturvermögen der Bundesregierung nach NRW gehen. Es sind aber etwa 21 Milliarden. Wir haben das entsprechend korrigiert.

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