Anett Carolin Kaiser steht neben inem Schild, auf dem "Auf Wiedersehen, Ihre Anett Carolin Kaiser" steht.

Anett Carolin Kaiser wollt mit ihrem Auto bis nach Spanien fahren.

Unfall oder Straftat? Der Cold Case Anett Carolin Kaiser aus Morsbach

Stand:

Sie wollte nach Spanien und tauchte nie wieder auf: Anett Carolin Kaiser gilt bis heute als vermisst. Ihr Haus in Morsbach bleibt als gespenstischer Ort zurück. Hatte die Frau einen Unfall? Oder wurde sie Opfer eines Verbrechens?

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Rätselhaftes Verschwinden

Es ist der 26. August 2011. An diesem Tag will Anett Carolin Kaiser sich mit ihrem Ford Transit auf den Weg nach Jerez de la Frontera in Andalusien machen. Sie hat dort ein Ferienhaus. Kaiser ist eine unsichere Fahrerin, ihr Wagen schon alt. Auf die Autobahn will sie nicht fahren, plant stattdessen, vor allem auf Nebenstrecken unterwegs zu sein. Spätestens am 10. September wolle sie zurück zu Hause sein, soll sie gesagt haben.

Gerade erst hat die 51-Jährige ein Haus in Morsbach-Steimelhagen gekauft. Sie will hier ein neues Leben beginnen - doch dazu soll es nicht kommen. Ob sie mit ihrem Auto jemals bis nach Spanien gefahren ist, ist bis heute ein Rätsel. Mehr zu Anett Carolin Kaisers Verschwinden gibt es bei WDR Lokalzeit MordOrte auf Youtube.

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Morsbach heute. Mitten im Dorf steht ein heruntergekommenes Haus. Spinnenweben vor den Fenstern, Büsche wachsen an der Fassade empor. Hinter dem Haus stehen vier riesige Container. Alles wirkt schon fast gespenstisch. Es ist das Haus, das Anett Carolin Kaiser 2011 gekauft hat. Nachdem sie Solingen verlassen hat, drei Jahre unterwegs war. Und bevor sie verschwunden ist. Seitdem hat niemand mehr in diesem Haus gewohnt.

Richtig eingezogen ist Kaiser hier nie, obwohl sie hier eigentlich neu anfangen wollte. Doch was für ein Leben war es, das sie unbedingt hinter sich lassen wollte? Die Hinweise darauf führen weit zurück - bis in ihre Kindheit.

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Der Hausverkauf: Trennung von der Vergangenheit

Rückblick: Im Jahr 2008 lebt Kaiser in Solingen. In der Stadt fühlt sie sich nicht wohl, will ihr Elternhaus unbedingt verkaufen. Sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater sind bereits verstorben. Ein Nachbar, der einige Häuser weiter wohnt, sucht ein Haus für seinen Sohn. Er spricht Kaiser an. Die zu diesem Zeitpunkt sei die 48-Jährige zunächst zurückhaltend gewesen, habe aber später doch verkauft, erzählt Kriminalpolizist Stefan Weiand heute. Er hat sich jahrelang mit dem Fall beschäftigt. "Zu dem Herren hat sie wohl eine etwas engere Bindung aufgebaut. Er hat dann für sie später auch verschiedene geschäftliche Dinge erledigt." Auch nach Kaisers Verschwinden wird dieser Nachbar noch eine Rolle spielen.

Kriminalpolizist Stefan Weiand, ein Mann mit kurzen grauen Haaren und Brille, sitzt in einem Büro.

Der ungelöste Fall beschäftigt Stefan Weiand noch bis heute

Anett Carolin Kaiser wird als eher menschenscheu und zurückhaltend beschrieben. Zu ihren Eltern soll sie kein gutes Verhältnis gehabt haben. Nachbarn berichten, sie sei als Kind viel geschlagen, regelrecht verprügelt worden. Michael Kaiser ist Anett Carolin Kaisers Großcousin. Knapp sechs Monate vor ihrer geplanten Reise nach Spanien hat er sie zuletzt gesehen. "Ihr Elternhaus hat sie gehasst. Sie wollte irgendwo ganz abgeschieden wohnen", erzählt er heute. Zu seiner Frau und ihm habe Kaiser als einige der wenigen Menschen wirklich Vertrauen gehabt. Seine Großcousine sei zierlich und lebendig gewesen. "Sie war ein offensiver, heftiger Typ. Und schwer einzufangen."

Beim Verkauf der Doppelhaushälfte zeigt sich wiederum, wovon Kaiser sich über Jahre wohl nicht trennen konnte: Sie hortet massenhaft Kleidung, Möbel und Antiquitäten. Alles, was sie besitzt, bringt sie in Lagerräumen und Containern unter. Im Anschluss will sie erst einmal reisen.

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Erste Ermittlungen

Zurück im Jahr 2011. Nach ihren Reisen hat Anett Carolin Kaiser ihr Haus in Morsbach gekauft. Direkt danach soll sie zu ihrem wohl letzten Urlaub nach Spanien aufgebrochen sein. Nachdem ihr ehemaliger Nachbar wochenlang nichts von Kaiser hört, meldet er sie im November 2011 als vermisst. Knapp zwei Monate später, als sie ursprünglich zurückkehren wollte.

Polizist Stefan Weiand und seine Kollegen nehmen Kontakt zur spanischen Polizei auf. Doch als die an Kaisers mutmaßlicher Unterkunft in Andalusien ankommt, ist sie verlassen. Nichts deutet darauf hin, dass sie jemals dort angekommen ist. Zuletzt gesehen wurde Kaisers blauer Ford Transit, ein alter THW-Wagen, in Burscheid. Dort hatte sie ebenfalls eine Lagerhalle angemietet.

Das verlassene Haus von Anett Carolin Kaiser in Morsbach.

Verlassen und heruntergekommen: Das Haus von Anett Carolin Kaiser in Morsbach

Die Polizei sucht auch Kaisers komplettes Grundstück in Morsbach ab. Leichenspürhunde suchen nach der Vermissten, um ausschließen zu können, dass sie sich noch dort befindet. Doch keine Spur.

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Vermutung 1: Anett Carolin Kaiser und das Geld

Anett Carolin Kaiser hat einiges von ihren Eltern geerbt. Besonders über den Verkauf verschiedener Immobilien sei sie zu Geld gekommen. "Sie war sicherlich nicht steinreich, aber sie war nicht unvermögend", sagt Weiand. Trotzdem habe sie ein eher bescheidenes Leben geführt. "Sie hat Flaschen gesammelt zum Beispiel. Sie war auf Trödelmärkten, hat da wahrscheinlich auch Sachen verkauft." Nur wenige Menschen sollen von dem Vermögen gewusst haben - darunter Kaisers ehemaliger Nachbar aus Solingen. Auch gegen ihn habe die Polizei den Anfangsverdacht gehabt, er könne etwas mit Kaisers Verschwinden zu tun haben. Dieser habe sich aber nicht erhärtet.

Kaiser habe immer viel Bargeld dabeigehabt, erzählt ihr Großcousin. "Deswegen denke ich auch, wenn das einer spitzgekriegt hat, hat er sie irgendwie erledigt." Sogar ihr neues Haus hat die Vermisste bar bezahlt.

Michael Kaiser öffnet einen der Container am Haus seiner Großcousine.

Voll bis unter die Decke: Michael Kaiser öffnet einen der Container am Haus seiner Großcousine

Nach Spanien habe Kaiser eine Summe im niedrigen vierstelligen Bereich mitgenommen, sagt Polizist Weiand. Einerseits liegt also der Verdacht nahe, dass sie aufgrund ihres Vermögens Opfer eines Verbrechens wurde. Dagegen spricht allerdings, dass auf ihren Konten nach ihrem Verschwinden keinerlei Abbuchungen festgestellt werden konnten.

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Vermutung 2: Eine unsichere Autofahrerin

Erst kurz vor der Reise hatte Kaiser ihren Ford Transit gekauft. Er sei zu diesem Zeitpunkt schon in keinem guten Zustand gewesen, erzählt Kriminalpolizist Weiand. Kaiser sei zuvor selbst lange kein Auto mehr gefahren. Ihr ehemaliger Nachbar habe ihr zur Auffrischung einige private Fahrstunden gegeben. Immerhin hätte die Route nach Spanien die ungeübte Fahrerin auch über unbewohnte, teils schwierig zu fahrende Strecken geführt. Es ist also auch möglich, dass sie auf dem Weg einen Unfall hatte.

Der blaue Ford Transit von Anett Carolin Kaiser.

Mit diesem Auto soll Anett Carolin Kaiser nach Spanien aufgebrochen sein

Abschließende Antworten hat Stefan Weiand bis heute nicht gefunden. Fälle, in denen ein Mensch so lange wie vom Erdboden verschluckt bleibt, seien auch in seinem Beruf selten, erzählt er. "Normalerweise, wenn man sich mit Sachverhalten beschäftigt, hat man immer so eine Gehrichtung. Das hat man in diesem Fall nicht." Nachdem der Fall Teil der Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" im ZDF war, hat es einige Hinweise gegeben. Doch keiner von ihnen hat zum Erfolg geführt. Anett Carolin Kaisers Verschwinden bleibt ein Cold Case.

Hinweise zum Cold Case Anett Carolin Kaiser

2021 hat NRW-Innenminister Herbert Reul eine Einheit gegründet, in der pensionierte Beamte ungeklärte (mutmaßliche) Mord- und Tötungsdelikte aus den vergangenen 50 Jahren aufarbeiten. Diese Cold-Case-Ermittler beschäftigen sich auch mit dem Fall Anett Carolin Kaiser. Wer Hinweise zu ihrem Verschwinden oder auch zu dem blauen Ford Transit mit dem Kennzeichen "SG AO 895" geben kann, kann sich an die Polizei Wuppertal wenden.

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