Der Tote am Fuße der Burg Altena
Am 5. September 2015 erschüttert ein Todesfall die Kleinstadt Altena im Märkischen Kreis. Einigen Menschen dort lässt er bis heute keine Ruhe. Unterhalb der Burg Altena, im Weyhe-Park, entdecken Spaziergänger in einem Gebüsch den leblosen Körper eines jungen Mannes. Er hat mehrere Schnitte am Hals. Der Rechtsmediziner stellt später fest: Der Mann ist verblutet. Seinen Fall erzählen wir auch auf dem YouTube-Kanal WDR Lokalzeit MordOrte.
Der Name des Toten ist Recep B., ein 20-Jähriger mit türkischen Wurzeln. Von klein auf lebt er mit seinen Eltern und vier Brüdern in Altena. Er ist ein bunter Hund in der 16.000-Einwohner-Stadt, jeder kennt und grüßt ihn. Recep B. war bei allen beliebt, erinnert sich Lara Jäger, eine gute Freundin von ihm: "Er war ein richtiger Strahlemann, er ist tanzend und singend durch die Stadt gezogen. Jeder hat ihn einfach sympathisch gefunden."
B. jobbt als Kellner und genießt das Leben eines jungen Erwachsenen, der zwischen türkischer Tradition und westlich geprägtem Lebensstil seinen eigenen Weg sucht. Doch nicht immer ohne Probleme. Wegen seiner Homosexualität, die Recep B. offen auslebt, kommt es gelegentlich zu Konflikten mit seiner Familie.
Treffen mit einem Unbekannten
Den Tag vor seinem Tod verbringt Recep B. mit Freunden, vor allem mit den Schwestern Danah und Lara Jäger. Ein Tag wie jeder andere, berichten sie. Gegen 21 Uhr trennen sich ihre Wege. "In der Stunde davor hat er uns berichtet, dass er später noch ein Date am Burgweg hat. Er hatte Bedenken geäußert, da es ein ruhiger, abgelegener Ort ist. Sollte was passieren, würde er zu einem Freund rennen, der in der Nähe wohnt."
Die beiden Freundinnen, Danah und Lara Jäger, erinnern sich an Recep B.
Zuvor ist B. noch zu Hause und zieht sich um. Sein Bruder Faruk B. (Name geändert) erinnert sich, wie sich Recep B. und seine Mutter in der Küche unterhielten: "Recep sagte, dass er bei einem Freund übernachten wird. Dass er sich zwischenzeitlich noch mit wem anderen treffen möchte, hat er uns nicht berichtet."
Im Laufe des Abends wird der 20-Jährige ein letztes Mal lebend gesehen. Zeugen berichten, er sei in Begleitung eines unbekannten jungen Mannes gewesen. Die Beschreibung des Begleiters: eine helle, grau-karierte Kapuzenjacke, dunkle Hose, etwa 1,70 Meter groß. Trotz Öffentlichkeitsfahndung, Plakaten in deutscher und türkischer Sprache und Aufrufen in den Medien, gibt es bis heute keinen Hinweis auf die Identität. Dabei könnte er der Schlüssel zur Aufklärung sein.
In deutscher und türkischer Sprache wurde nach Hinweisen gesucht
Recep B. stirbt in dieser Nacht. Was genau passierte, ist unklar. Was klar ist: Recep B. ist verblutet, er hatte mehrere Schnitte am Hals. Doch wer hat sie ihm zugefügt? War es Suizid? Oder hat ihn jemand getötet?
Die Polizei durchkämmt mit einer Hundertschaft das Gelände unterhalb der Burg Altena, auch Spürhunde sind im Einsatz - doch ohne Erfolg. Da es in der Nacht zuvor stark regnete, ist der Boden aufgeweicht und mögliche Spuren verwischt. Auch die Auswertung von Recep B.s Handydaten bringen keine neuen Erkenntnisse. Hinweise auf Fremdeinwirkung lassen sich nicht zweifelsfrei nachweisen.
Die Frage nach der Schuld
Die Staatsanwaltschaft Hagen geht aufgrund des bisherigen Ermittlungsstands davon aus, dass Recep B. keinem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel: "Im Rahmen der rechtsmedizinischen Untersuchung des Leichnams konnte festgestellt werden, dass die Wundsituation mit einer Selbsttäterschaft in Einklang gebracht werden kann." Recep B.s Freunde sowie Familie sehen das anders. Sie sind überzeugt, dass der junge Mann getötet wurde. "Recep hat sich auf gar keinen Fall selbst umgebracht. Vor allem nicht mit einem Messer, er hatte Angst vor Messern. Jeder, der Recep kannte, weiß, dass er getötet wurde", so sein Bruder Faruk B.
Polizisten bei der Spurensuche an der Burg Altena im Jahr 2015
Es gibt Stimmen in Altena, die Receps Familie mit seinem Tod in Verbindung bringen wollen. Sie habe seine Homosexualität nicht akzeptieren wollen, heißt es. Dafür gibt es keinerlei Hinweise oder Beweise, betont die Staatsanwaltschaft Hagen. Faruk B. verärgern solche Anschuldigungen. Sie kämen von Personen, die Receps Familie weder kennen noch mit ihnen sprechen würden.
Wenngleich Recep B.s Sexualität für seine Familie schwer zu akzeptieren war, liebten sie ihn, sagt Faruk B.: "Nur, weil wir nicht damit einverstanden waren, wie Recep gelebt hat, heißt das noch lange nicht, dass wir ihn nicht liebten. Wir waren eine Familie. Familien halten immer zusammen, egal was ist."
Die Burg Altena: Wie starb Recep B.?
Ein weiteres Indiz, das die Spekulationen in Altena befeuert, dass Recep getötet wurde: Das mutmaßliche Tatwerkzeug, ein Messer oder ein anderer spitzer Gegenstand, mit dem sich Recep B. in den Hals geschnitten haben könnte, wurde nie gefunden. Doch müsste dieser im Falle eines Suizids nicht in der Nähe des Toten gelegen haben?
Die Staatsanwaltschaft Hagen teilte dem WDR auf Nachfrage dazu mit: "Der Verstorbene war nach Angaben der Rechtsmedizin noch eine gewisse Zeit handlungsfähig, sodass nicht ausgeschlossen werden kann, dass er das Messer in dem unwegsamen Gelände selbst entsorgte."
Receps letzter Weg
Bevor Recep B.s Leiche zur Bestattung in die Türkei überführt wird, versammeln sich wenige Tage nach seinem Tod hunderte Menschen in Altena auf dem Bungernplatz zu einer Trauerfeier. Freunde richten am Fundort eine kleine provisorische Gedenkstätte mit Blumen und Kerzen ein. Recep fehlt, sagt seine beste Freundin Danah Jäger: "Ich würde ihm gerne Danke sagen, dafür wie er war, wie aufopferungsvoll er mit anderen war und wie sehr ich ihn immer noch liebe."
Mit Kerzen und Bildern nahmen Freunde und Familie Abschied von Recep B.
Für die, die ihn kannten, ist Recep B.s Tod mehr als ein Kriminalfall - es ist die Geschichte eines jungen Lebens, das viel zu früh und unter ungeklärten Umständen endete. Die Ermittlungen im Fall Recep B. sind eingestellt.
Doch neue Spuren oder Zeugen könnten den Fall jederzeit wieder in Bewegung bringen und Recep B.s Freunde und Familie endlich Gewissheit bringen, sagt Faruk B.: "Der Täter sollte sich stellen. Ich bin mir sicher, dass er nicht ruhig schlafen kann. Wir könnten so endlich Erleichterung finden, auch der Täter könnte sich dadurch erlösen."
