Sexarbeit: Wie groß sind die Gefahren?
Tod in der Hotelsuite
Ein Morgen im Januar 2012. Ein Luxushotel am Düsseldorfer Hafen, Suite 610. Im Bad entdeckt ein Zimmermädchen eine Leiche. Die Tote ist nackt und blutüberströmt. Getötet mit 18 Messerstichen. Es ist Sexarbeiterin Cristina B.
Die 25-Jährige wächst in Rumänien auf, kommt 2010 mit Anfang 20 nach Deutschland. Sie hofft, hier mehr Geld zu verdienen, wird Sexarbeiterin. Im November 2011 lernt sie ihren Kunden Ali D. (Name geändert) kennen. Der 42-Jährige gibt sich als wohlhabender Geschäftsmann aus. Er kommt jetzt wöchentlich - nur um sich mit Cristina B. zu unterhalten. Intim werden sie nicht. Ali D. erzählt, er habe Krebs und werde bald sterben. Er verspricht Cristina B. 500.000 Euro, Sicherheit und ein Leben außerhalb der Prostitution. Dabei besitzt Ali D. fast nichts. Wie er das Vertrauen von Christina B. missbrauchte, rekonstruieren wir auch bei WDR Lokalzeit MordOrte auf YouTube.
Ali D. weiß, dass seine Lügen auffliegen werden. Doch bis dahin will er laut späterem Gerichtsurteil in der Illusion leben, mit einer jungen, attraktiven Frau zusammen zu sein. Cristina B. kann er seine Geschichte glaubhaft verkaufen. Sie vertraut ihm und kündigt im Bordell.
Um Cristina B. zu beeindrucken, reserviert Ali D. eine Hotelsuite. Dort verbringen beide zwei Tage zusammen. In der zweiten Nacht will Cristina B. spätestens um 1 Uhr zu Hause sein, schreibt sie einer Freundin. Doch dort kommt sie nie an. Es kommt zu einem Streit zwischen der 25-Jährigen und Ali D. Vermutlich, weil seine Lügen auffliegen. Kurz danach ist Cristina B. tot.
In diesem Hotel in Düsseldorf tötete Ali D. die Sexarbeiterin Cristina B.
Ali D. flieht zunächst in die Türkei, kehrt aber nach Deutschland zurück. Die Polizei nimmt ihn fest. Der 42-Jährige beteuert seine Unschuld. Doch alle Spuren deuten auf ihn als Täter hin. Das Landgericht Düsseldorf verurteilt ihn schließlich wegen Totschlags zu zehn Jahren Haft. Nach acht Jahren kommt er auf Bewährung frei und greift 2020 in einem Neusser Hotel wieder eine Sexarbeiterin an. Sie kann schwerverletzt fliehen.
Sexarbeiterinnen als "Therapeutinnen"
Katrin Schneider arbeitet bei der Beratungsstelle Rahab für Menschen, die in der Prostitution tätig sind oder waren. Um sie zu schützen, haben wir ihren Nachnamen geändert und zeigen ihr Gesicht nicht. Regelmäßig besucht Schneider Sexarbeiterinnen vor Ort, hilft bei Fragen und Problemen. Im Interview gibt sie Einblicke in ihre Arbeit und erklärt, wie sicher Sexarbeit in Deutschland ist.
Lokalzeit: Ein Kunde kommt in ein Bordell und möchte sich einfach nett mit einer Sexarbeiterin unterhalten. Wie oft kommt so etwas aus Ihrer Erfahrung vor?
Katrin Schneider: Das ist gar nicht so selten. Ich war letztens selbst noch einmal überrascht, als mir eine Sexarbeiterin erzählte, wie viele Kunden sie hat, die einfach in Ruhe quatschen und in den Arm genommen werden wollen. Das ist zwar nicht die Regel, die meisten wollen schon sexuelle Dienstleistungen. Aber das kommt vor.
Katrin Schneider berät Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind
Lokalzeit: Weil die Männer die Frau attraktiv finden oder in dem Moment eine Art Therapeutin suchen? Was ist da der Gedanke?
Schneider: Eine Sexarbeiterin sagte genau das: "Ich mache auch therapeutische Arbeit". Sie sagte, manchmal sind das einfach Männer, denen keiner zuhört oder die sich ihren Frauen nicht offenbaren können. Die kommen, um zu erzählen, die sind einsam. Es ist eben leichter, sagte diese Sexarbeiterin, in ein Bordell zu gehen, zu zahlen und eine Stunde lang hört mir dann jemand zu, als anders soziale Kontakte zu finden.
Gefahren und Schutz in der Sexarbeit
Lokalzeit: Wie gefährlich ist der Beruf einer Sexarbeiterin?
Schneider: Der Großteil der Kunden ist nicht kriminell oder böse. Aber es gibt einzelne, die das sind. Intimität, alleine mit einem Mann in einem Raum zu sein, das ist für Frauen, glaube ich, immer gefährlich. Und da ist Sexarbeit nochmal anders. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass die Leute in Kontakt sind. Und dass es auch wichtig ist, dass wir als Gesellschaft ein bisschen dieses Stigma auflösen. Damit die Leute darüber reden können, damit sie sich Hilfe suchen können.
Lokalzeit: Cristina B. war noch sehr jung, noch nicht so erfahren in diesem Beruf. Könnte das auch ein Grund dafür gewesen sein, dass sie noch diesen Glauben hatte, dass da jemand ist, der sie "retten" möchte?
Schneider: Das ist tatsächlich etwas, das wir in unserer Arbeit beobachten, dass Alter und auch Vernetzung untereinander die Leute schützen. Frauen, die das lange machen, die haben natürlich eine andere Erfahrung. Die haben Ideen, wie man sich schützen kann. Das haben Berufsanfängerinnen nicht. Und natürlich schützt es die Frauen, wenn sie zusammen in einem Bordell arbeiten, in einem Club, wo sie nicht alleine sind.
Lokalzeit: Ali D. hat Cristina B. enorm viel Geld versprochen. Wie muss ihre Situation gewesen sein, dass sie diesem Menschen all diese Lügen geglaubt hat?
Schneider: Ich kann an dieser Stelle nur spekulieren, aber ich denke, dass ihre Situation so war, dass sie das geglaubt hat oder glauben wollte. Dass sich Kunden in Sexarbeiterinnen verlieben, das hören wir öfter. Und natürlich gibt es dann immer irgendwann den Punkt, an dem die Kunden wollen, dass die Frau damit aufhört: "Ich kann für uns beide sorgen. Du musst diese Arbeit nicht mehr machen". Es gibt Frauen, die darauf eingehen. Aber es gibt auch genug, die sagen: "Nein, ich verdiene hier mein Geld. Der kann sich in mich verlieben, aber das bleibt meine Arbeit."
Ausweg aus der Sexarbeit
Lokalzeit: Im Gerichtsurteil steht, dass Cristina B. freiwillig als Sexarbeiterin tätig war. Was steckt hinter dem Wort "freiwillig" bei Sexarbeit?
Schneider: Grundsätzlich gibt es das Prostituiertenschutzgesetz. Wer über 18 Jahre alt ist und nicht von Dritten gezwungen wird, macht das freiwillig. Das andere ist Zwangsprostitution oder Menschenhandel. Aber wenn man jetzt über den Begriff der Freiwilligkeit redet, dann kommt man in so etwas Moralisches, weil: Was ist im Kapitalismus freiwillig? Es ist einfach eine Arbeit, die sehr niedrigschwellig ist. Ich brauche keine Berufsausbildung. Ich brauche nicht viele Sprachkenntnisse.
Lokalzeit: Was bedeutet das für die Frauen?
Schneider: Für viele Frauen ist das eine Möglichkeit, ungelernt viel Geld zu verdienen, vielleicht auch von dem Punkt aus, von dem man kommt. Außerdem sind viele Frauen alleinerziehend. Und das ist eine Arbeit, die Flexibilität für Mütter zulässt. So hart das klingt. Ich muss ehrlich sagen, ich treffe wenige Menschen, die mir sagen: "Ich möchte das machen, bis ich mal in Rente gehe".
Mehr über die Angebote der Beratungsstelle Rahab und Kontaktmöglichkeiten gibt es auf der Website des Sozialdienstes katholischer Frauen und Männer Düsseldorf und auf Instagram.
Dieser Beitrag liefert Informationen zum YouTube-Video von WDR Lokalzeit MordOrte "Zimmermädchen findet tote Frau" vom 26.01.2026, 17.00 Uhr.
