Menschen werden immer häufger Opfer von Cyberkriminalität
Kriminalfälle aus NRW: Als ein Online-Date tödlich endete
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Unter dem Namen "Riddick300" schreibt ein 27-Jähriger mit über hundert Frauen im Internet. Was als harmloser Flirt beginnt, endet tödlich. Wie konnte es soweit kommen? Ein Experte ordnet die Risiken von Chaträumen und die steigende Kriminalität im digitalen Raum ein.
Der Fall Riddick300
Stundenlang, ganze Nächte hindurch. Der 27-jährige Carsten B. (Name geändert) verbringt viel Zeit am Computer. Unter dem Pseudonym "Riddick300" treibt er sich im Jahr 2008 in Chaträumen auf der Plattform Knuddels herum. Er schreibt dort mit über 100 Frauen, trifft sie teilweise auch. Seine feste Freundin, mit der er in Hamburg zusammenlebt, ahnt nichts von seinen Seitensprüngen.
Auch nichts von dem mit Ramona C. (Name geändert) im Juni 2008. Er trifft die dreifache Mutter in ihrer Wohnung in Marl, sie schlafen miteinander. Doch dann droht sie ihm damit, anderen Frauen in den Chatforen von einer angeblichen Vergewaltigung zu berichten. Carsten B. wird wütend. So wütend, dass er ein Messer nimmt. 26 Mal sticht er damit auf die Frau ein und tötet sie. Kurz darauf nimmt die Polizei "Riddick300" fest. Mehr zum "Chatroom-Killer"-Fall, in dem auch eine zweite Leiche noch eine Rolle spielt, zeigen wir bei WDR Lokalzeit MordOrte.
WDR-Autor Hamzi Ismail hat sich für "Lokalzeit MordOrte" näher mit dem Fall beschäftigt. Für Lokalzeit.de hat er mit dem Cyberkriminolgen Prof. Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger von der Hochschule der Polizei Brandenburg über die Gefahren von Chatforen und digitaler Kommunikation gesprochen.
Das Risiko von Chaträumen
Lokalzeit: Was macht digitale Interaktionen so riskant, vor allem wenn es um ein erstes reales Treffen geht?
Thomas-Gabriel Rüdiger: In der digitalen Welt vertrauen Menschen fremden Personen, obwohl sie diese noch nie persönlich gesehen haben. Selbst wenn es zu einem Videocall kommt, könnte das in Zeiten von KI alles gefaked sein. Wir wissen eigentlich gar nicht, wer der andere ist und mit wem wir da tatsächlich kommunizieren. Wenn man sich dann trifft und vielleicht erkennt, diese Person hat doch eine andere Motivation als angenommen, dann birgt das ein großes Risiko. Vor allem bei Minderjährigen sehe ich immer wieder, dass sie sehr naiv an manche Sachen in der digitalen Welt herangehen.
Cyberkriminologe Prof. Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger
Lokalzeit: Wie haben sich Chaträume und Onlineforen in den letzten Jahren als "Tatorte" für Straftaten entwickelt?
Rüdiger: Die Anzahl an Delikten, die ihren Ursprung in der digitalen Welt haben, sind in den letzten 20 Jahren stark gestiegen. Dazu zählen auch Chatrooms und Messenger-Dienste. Die Entwicklung überrascht nicht: Immer mehr Menschen sind online, also gibt es auch immer mehr Risiken für Menschen, Opfer von Straftaten im Internet zu werden. Diese sogenannten "Tatmittel Internet", wie sie in der Polizeisprache heißen, nehmen einen immer größeren Raum in den Kriminalstatistiken ein. Ich glaube sogar, wir haben inzwischen mehr Kriminalität im digitalen als im analogen Raum.
Lokalzeit: Das Risiko, im Internet Opfer einer Straftat zu werden, ist also höher als im "realen" Leben?
Rüdiger: Nein, so kann man das nicht sagen. Es kommt natürlich auf die Art und die Schwere eines Delikts an. Doch es ist festzustellen, dass digitale Kriminalität sehr viel seltener zur Anzeige gebracht wird als ein analoges Delikt. Nehmen wir das Beispiel Phishing-E-Mails. Sicherlich werden viele Menschen schon mal solch eine strafbare Phishing-Mail erhalten haben. Doch wer bringt die schon zur Anzeige? Wer bringt schon jede Beleidigung im Netz zur Anzeige? Und obwohl sie selten zur Anzeige kommen, nehmen die Delikte im Internet seit Jahren einen immer höheren Stellenwert ein.
Lokalzeit: Was heißt das für die Arbeit der Ermittlungsbehörden?
Rüdiger: Für die Polizei und Strafverfolgungsbehörden heißt das, sie müssen immer aktiver werden. Mich treibt vor allem auch um, dass viele User das Gefühl haben, das Internet sei ein rechtsfreier Raum, wo sie tun und machen können, was sie wollen. Ich habe den Eindruck, dieses Gefühl greift immer mehr um sich. Das hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass die Sicherheitsbehörden zu wenig Präsenz im digitalen Raum zeigen.
Lokalzeit: Wie kann Ihrer Meinung nach mehr Präsenz sichergestellt werden?
Rüdiger: Denkbar wären zum Beispiel virtuelle Polizeistreifen, eine zentralisierte digitale Internetwache für ganz Deutschland, sowie eine Kinder-Online-Wache, die es Minderjährigen ermöglicht, einfach mit der Polizei zu kommunizieren. Doch dafür bräuchte es auch den kriminalpolitischen Willen, etwas ändern zu wollen. Das würde zudem bedeuten, dass mehr Personal für digitale Themen abgestellt werden müsste.
Wie können Straftaten im Internet verhindert werden?
Lokalzeit: Wie schwer ist es für Ermittlungsbehörden, Täterinnen und Täter im Internet aufzuspüren?
Rüdiger: Wenn sich jemand, wie im vorliegenden Fall, in einem Chatroom anmeldet, hinterlässt er immer Spuren in irgendeiner Form. Zudem ist es für Ermittlungsbehörden einfacher geworden, mit Betreibern von Plattformen zu kooperieren. Das erleichtert die Arbeit. Wenn jedoch ein Täter technisch sehr bewandert ist, hat er heute im Gegenzug auch mehr Möglichkeiten, eine Strafverfolgung zu vermeiden. Somit kann man sagen, dass sich sowohl die Möglichkeiten zur Verhinderung der Strafverfolgung als auch die Strafverfolgungsmaßnahmen weiterentwickelt haben.
Lokalzeit: Was könnte dabei helfen, das Risiko zu verringern, Opfer einer Straftat im Internet zu werden?
Rüdiger: Wir müssen als Gesellschaft eine generelle Sensibilisierung und Wissensvermittlung vorantreiben. Schülerinnen und Schüler sollten ab der 1. Klasse das Fach "Digitale Bildung" belegen - verpflichtend und an jeder Schule. Bei diesem Thema hinken wir völlig hinterher, die Schulen kommen kaum voran. Wenn wir das nicht verbessern, zieht es diesen Rattenschwanz nach sich, dass junge Menschen über die Risiken des digitalen Raums nicht richtig oder kaum aufgeklärt wurden - und so auch viel eher Opfer von digitalen Straftaten werden können.
