Fatbikes sind ein neuer Radtrend aus den Niederlanden | Video

WDR 00:25 Min. Verfügbar bis 17.06.2028

Manipulierte E-Bikes Mit Tempo 87 auf dem frisierten Fatbike zur Schule

Stand:

Fatbikes sind wuchtig, cool - und oft frisiert. Der Trend aus den Niederlanden hat viele Jugendliche in der Grenzregion erfasst.

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Montagmorgen, kurz nach halb acht. In der Innenstadt von Gronau ist ordentlich Verkehr. Manche fahren zur Arbeit, andere zur Schule. Eltern begleiten ihre Kinder in die Kita, Lieferanten bringen Waren in die Läden. Es sind Autos unterwegs und viele Fahrräder: Hollandräder, Mountainbikes und auch jede Menge Fatbikes.

Fatbikes zeichnen sich durch ihr wuchtig-kompaktes Aussehen aus. Mit ihrem gedrungenen Rahmen und vor allem mit den dicken Reifen sind sie ein echter Hingucker. Ursprünglich gebaut, um in Wald und Wildnis, im Sand oder sogar im Schnee zu fahren, haben Fatbikes längst die Zivilisation erreicht. In den Großstädten sind es vor allem Lieferdienste, die die flotten Gefährte mit Elektromotor nutzen, um Essen und Lebensmittel auszuliefern. Im Westen NRWs werden sie auch bei Kindern und Jugendlichen immer mehr zum Phänomen - und zum Problem.

Zwölfjähriger auf dem Schulweg erwischt - mit 87 km/h

Denn eines dieser Fatbikes fällt kürzlich einer Polizeistreife auf, die in Gronau unterwegs ist. Der Fahrer ist auffällig schnell, schlängelt sich waghalsig durch den Verkehr, überholt gleich reihenweise andere Radfahrer. Also halten die Beamten ihn an und stellen erhebliche Mängel an seinem Fatbike fest. Die Bremsen sind verbogen und funktionieren nicht richtig, ein Pedal ist beschädigt.

Außerdem sieht es so aus, als ob der Antrieb des Fatbikes manipuliert wurde. Die Polizisten gehen davon aus, dass der Fahrer mit bis zu 87 km/h in der Gronauer Innenstadt unterwegs war. Das Fatbike wird daraufhin beschlagnahmt. Normalerweise würde jetzt auch ein Strafverfahren eingeleitet. Das ist aber in diesem Fall nicht möglich. Denn der Fahrer ist erst zwölf Jahre alt, er war auf dem Weg zur Schule.

Fatbikes: "Ab Werk manipulierbar"

Was auf den ersten Blick nach einem Schuljungenstreich aussieht, entwickelt sich für die Polizei im Kreis Borken zu einem "großen Problem". Das sagt Dominik Rezler, der dort die Direktion Verkehr leitet: "Wir werden in Gronau mit Fatbikes geradezu überflutet." Und viele von diesen Rädern seien frisiert und viel zu schnell unterwegs.

Dass man die Antriebstechnik von E-Bikes relativ einfach manipulieren kann, ist schon länger ein Thema bei den Behörden. Wer dort einen sogenannten Chip oder Dongle einbaut, kann so die eingebaute Geschwindigkeitsbegrenzung der Motoren umgehen, die normalerweise nur bis Tempo 25 unterstützen. Doch bei Fatbikes ist die Manipulation offenbar noch einfacher.

Hinterer Reifen eines Fatbikes

Wuchtiges Aussehen, beliebt bei den "Coolen": Fatbikes

Dort braucht man keine Zusatzgeräte, Fatbikes seien sozusagen "ab Werk manipulierbar", sagt Rezler. "Ein paar Klicks in den Einstellungen genügen - und schon kann man bis zu 100 Kilometer pro Stunde erreichen." Die allermeisten dieser Räder, so Rezler, stammten aus China und erfüllten nicht die EU-Standards. Im Internet bestellbar sind sie trotzdem.

Zielgruppe sind Jugendliche zwischen 11 und 16

Und wer fährt die Fatbikes? "Die 'Coolen' auf dem Schulhof", sagt Rezler, der die Hauptzielgruppe zwischen 11 und 16 Jahren ausmacht. Nachdem Anfang Mai in Gronau ein Hund von einem Fatbike überfahren wurde und daraufhin starb, geriet der Protest noch lauter.

Unter anderem wurde eine Petition gestartet, die fordert, Fatbikes mit Mofas gleichzustellen. Das würde bedeuten: Es gibt ein Mindestalter, eine Helmpflicht, eine Fahrprüfung sowie Kennzeichen und eine Versicherungspflicht. Die Initiatorin der Petition spricht von einer "alarmierenden Situation" in Gronau: "Immer mehr Fatbikes rasen durch unsere Straßen, oft gefahren von Menschen, die noch zu jung und unerfahren für so schnelles Fahren sind", heißt es dort.

Jugendliche, die mit frisierten Fatbikes unterwegs sind, gefährden nicht nur sich und andere, sondern unter Umständen auch den Führerschein, den sie in ein paar Jahren vielleicht machen wollen. Denn wer erwischt wird, riskiert, dass er von der Fahrerlaubnisbehörde als "charakterlich ungeeignet" eingestuft wird und dann Probleme bekommt, wenn er später den Führerschein beantragen will.

Probleme können übrigens auch auf die Eltern zukommen. Denn am Ende sind sie haftbar und müssen für mögliche Schäden aufkommen. Und es stellen sich noch weitere Fragen, die rechtlich relevant werden könnten: Wer hat das Fatbike bestellt und dem Kind zur Verfügung gestellt? Wussten die Eltern, dass die Technik des Rads manipulierbar ist und dass man damit viel zu schnell fahren kann?

Niederlande denkt über Helmpflicht und Mindestalter nach

Gronau ist kein Einzelfall. Auch im Kreis Kleve sind Fatbikes ins Visier der Behörden gerückt. Und es ist kein Zufall, dass das Phänomen derzeit vor allem im Westen NRWs existiert. Denn der Trend kommt aus den Niederlanden. "Die Welle schwappt von dort zu uns rüber", sagte ein Polizeisprecher aus Gronau dem WDR.

Zwei Frauen fahren mit einem Fatbike durch den Park

In den Niederlanden sind Fatbikes beliebt.

Fatbikes sind in den Niederlanden weit verbreitet und sorgen immer wieder für Ärger und Beschwerden. Die Zahl der schweren Verletzungen nach Unfällen ist laut den Verkehrsbehörden drastisch gestiegen.

Auch in der Politik ist das Thema angekommen: Die niederländische Regierung will nun beraten, ob Fatbikes künftig als eigene Fahrzeugkategorie eingestuft werden sollen - inklusive Helmpflicht und Mindestalter. Mehrere Städte, darunter Amsterdam und Enschede, haben bereits Fahrverbotszonen für Fatbikes eingerichtet.

In NRW ist der Fatbike-Trend erst am Anfang

So weit ist man in NRW noch nicht. Beim Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste, wo man die Daten für die Verkehrs- und Unfallstatistiken erfasst und aufbereitet, werden Zahlen zu Fatbikes derzeit nicht gesondert erfasst. Wie viele Unfälle es gab, wie schwer die Folgen waren, wie oft frisierte Räder sichergestellt wurden? All diese Fragen lassen sich derzeit nicht klären.

Ein Fahrer für den Essenslieferdienst Lieferando fährt mit einem Fatbike

Lieferdienste in Großstädten nutzen Fatbikes oft.

Genauso wenig wie die Frage, wie viele Fatbikes auf unseren Straßen überhaupt unterwegs sind und wie es mit den Wachstumszahlen aussieht. Der Verband der Zweirad-Industrie (ZIV) kann darüber keine Zahlen ausweisen, blickt aber ebenfalls kritisch auf die günstigen Fatbikes, die hier als Direktimporte landen.

"Manche E-Fatbikes werden mit elektronischen Steuerungen, Displays oder Gasgriffen angeboten, bei denen sich Geschwindigkeitsbegrenzungen vergleichsweise einfach verändern lassen. Teilweise werden solche Funktionen bereits in der Produktkommunikation angedeutet oder über Zubehör, Apps oder Menüs zugänglich gemacht. Aus unserer Sicht ist das hoch problematisch", so ZIV-Experte Sebastian Grassow.

Werden Fatbikes zum Ärgernis wie E-Scooter?

Zurück zur Polizei im Kreis Borken: Dort sieht man sich nach den jüngsten Ereignissen als "Pilotbehörde" beim Thema Fatbikes. "Im Moment betrifft das nur die Kommunen in Grenznähe", so Rezler. "Aber wir fürchten, das könnte ein landesweites Problem werden - ähnlich wie bei den E-Scootern." Deshalb veranstaltet die Polizei Präventionskurse an Schulen und Infoabende für Eltern.

Es läuft ein Erfahrungsaustausch mit den Kollegen in den Niederlanden, zudem soll es auch mehr Kontrollen geben. Hierfür will man - als erste Polizeibehörde in Deutschland - spezielle "Rollenprüfstände" anschaffen, mit denen man frisierte Fatbikes schnell überprüfen kann. "Wir hoffen, dass wir so den Trend ausbremsen können", sagt Dominik Rezler.

Mit 87 km/h auf dem frisierten Fatbike zur Schule

WDR 17.06.2026 02:01 Min. Verfügbar bis 17.06.2028 WDR Online

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Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagenturen dpa, AP
  • WDR-Gespräch mit Dominik Rezler (Kreispolizei Borken)
  • Statement von Sebastian Grassow (Zweirad-Industrie Verband)
  • Niederländisches Ministerium für Infrastruktur und Wasserstraßen
  • Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste NRW

Sendung WDR.de, Mit 87 km/h auf dem frisierten Fatbike zur Schule, 17.06.2026, 5:05 Uhr
Sendung: WDR.de, Fatbikes sind ein neuer Radtrend aus den Niederlanden, 17.06.2026, 18.15 Uhr

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9 Kommentare

  • 9 Wüstenfähe 17.06.2026, 21:10 Uhr

    So what. Das Regelwerk ist klar. Ab 14 Jahren, 250 Watt, 25 km/h, ohne Gashebel. Der Rest der Verantwortung liegt bei Eltern und Polizei. Die Bevölkerung oder Nachbarn könnten auch Hinweise an die Eltern geben, wenn die Karre zu schnell ist. Das ist kein Anschwärzen, sondern nur Hilfe für den Jugendlichen. Problem ist aber, dass die Dinger höllisch schwer sind und bei Kollision andere schwer verletzen können. Deswegen könnte man über ein Versicherungskennzeichen nachdenken. Für längere Touren sind die Fatbikes nicht geeignet, wegen Wolfreiten auf dem Bananensattel. Andere Pedelecs müssen nicht versichert werden, weil es einen Unterschied macht, ob Fatbike und Show oder Güdereit ganz lieb und brav.

  • 8 Düsseldorfer 17.06.2026, 15:03 Uhr

    Von Niederlanden rübergeschwappt? -Quatsch! In Düsseldorf fahren schon seit Jahren die Kurierdienste unbehelligt mit den Dingern durch die Gegend. Ohne Kennzeichen, ohne Pedalnutzung (also kein Pedelec), dafür aber auch gerne auf dem Gehweg. Meine Meinung: Jedes motorbetriebene Zweirad braucht eine Fahrerlaubnis, ein lesbares Kennzeichen und Helmpflicht. Alles andere ist Anarchie. Pedelecs als Kompromiss sind schon in Ordnung, der Rest geht einfach zu weit.

  • 7 Tom 17.06.2026, 14:57 Uhr

    So ein Quatsch - das Fatbike Problem trifft zumindest hier in Oberhausen auch zu... frisierte Teile ohne Versicherung ohne Ende... Die Polizei Oberhausen ist zumindest nur unsichtbar dagegen unterwegs. Man kann es sogar relativ einfach sehen - in dem Moment wo nicht "getreten" wird, ist es kein versicherungsfreies "Fahrrad" ... Oft genug gesehen das Polizeifahrzeuge einfach dran vorbeifahren... die Kids sind so dreist auf dem Bürgersteig zu fahren ohne Tritt und viel zu schnell - Menschen zu gefährden - keine Besatzung der Polizei bemüht sich ...

    • Düsseldorfer 17.06.2026, 17:33 Uhr

      Mensch, so ein Zufall! @WDR: Könnte es vielleicht sein, dass etliche Städte in NRW dasselbe Problem haben, nicht nur Gronau?

    • Wüstenfähe 17.06.2026, 20:57 Uhr

      @Düsseldorfer. Aus Gronau stammt die Openpetition zur Verschärfung der Regel.

  • 6 B.P. 17.06.2026, 13:41 Uhr

    Da seit Beginn der "Sichtungen" erkennbar ist, daß diese Räder meistenteils frisiert sind und damit schneller gefahren werden kann als mit E-Bikes erlaubt, ist das hier geschilderte Vorgehen der Behörden wieder einmal eindeutig als zu langsam anzusehen. Bei Nicht-Übereinstimmung mit den hiesigen Vorschriften, da in erster Linie China-Importe, für solche Gefährte sind diese einfach als nicht erlaubt zu klassifizieren und somit aus dem Verkehr zu ziehen. Aber nein, vermutlich werden erst einmal wieder langwierige Erhebungen und Statistiken zu diesem Problem durchgeführt.

  • 5 Andre Schäfer 17.06.2026, 12:36 Uhr

    Mit regulär V/max 25km/h sind die Dinger das Äquivalent zu einem Mofa und da sollten die gleichen Regelungen gelten: Ab 15, mit Ausbildung und Prüfbescheinigung, Helmpflicht, Pflicht einer Haftpflichtversicherung, alternativ Führerschein AM (inklusive Erste Hilfe und Sehtest)! Und wer das Ding frisiert, ganz gleich wie einfach das bei diesem China-Schrott ist, der soll auch bitte die gleichen Folgen spüren wie bei einem frisierten Mofa / Roller.

  • 4 Edwina 17.06.2026, 11:22 Uhr

    Für wen oder was sollen Fatbikes eigentlich gut sein? Wer braucht sowas????

    • Düsseldorfer 17.06.2026, 17:31 Uhr

      Reifen, die breiter als durchschnittliche Fahrradreifen sind, haben durchaus Sinn, um a) nicht in Straßenbahnschienen stecken zu bleiben (der Sturz birgt hohe Verletzungsgefahr) b) bei höheren Geschwindigkeiten und beim Bremsen ausreichend Haftung zu haben Lieferdienste z. B. in Spanien fahren daher sehr gerne mit breiteren Reifen umher. Dort allerdings mit regulär zugelassen Mopeds. Siehe https://www.electrive.net/2025/07/24/silence-und-pandago-wollen-3-000-e-roller-fuer-lieferdienste-bereitstellen/

  • 3 j 17.06.2026, 10:33 Uhr

    Warum sollte man jetzt neue Regelungen einführen? Es sind E-Bikes, die entsprechend der existierenden Regel/Gesetze nicht im Straßenverkehr benutzt werden drüfen, wenn sie entsprechend frisiert sind. Fertig. Keine neuen Regeln nötig. Was nötig ist sind ausreichende Kontrollen, um bestehende Regeln durchzusetzen. Wer im Straßenverkehr andere Menschen durch Rücksichtslosigkeit gefährdet gehört bestraft. Wer sich selbst gefährdet ist selbst schuld. Aufklärung an Schulen - darüber was mit dem Körper passiert, wenn er mit großer Geschwindigkeit auf den Asphalt oder ein Hinderniss klatsch - wäre sinnvoll.

  • 2 Hannes 17.06.2026, 10:07 Uhr

    Da muss man gar nichts tun ...außer vielleicht bei Unfällen mit Fatbikes den Fahrern pauschal die Schuld zuweisen und sie oder ihre Erziehungsberechtigten zu Schadenersatz verpflichten. Das spricht sich herum und dann ist es eher früher als später vorbei mit den manipulierten Bikes. Aber solange sich Kiddies, Verkäufer und Besitzer dieser manipulierten Kraftfahrzeuge(!) sicher sein können dass ihnen nichts passiert, passiert auch nichts.

    • Düsseldorfer 17.06.2026, 17:37 Uhr

      Zu kurz gedacht, das werden die zuständigen Versicherungen bei Personenschäden schon machen, keine Sorge! Bevor ein Schaden eintritt, wären Kontrollen mit entsprechenden Strafen zur Schadensverhinderung aber vorher schon recht sinnvoll. Ein einkassiertes Moped und zwei Jahre Führerscheinsperre sprechen sich auch rum...

  • 1 Leser 17.06.2026, 09:54 Uhr

    Zum Glück hat hier eine bestimmte Klientel noch nicht entdeckt ,dass - wie in London - die fatbikes sich zum Abziehen von Smartphones eignen. Reagiert wird ohnehin erst, wenn ein weiteres Tier zu Schaden kommt, oder sekundär ein Kind. Traurig.

    • WDR.de 17.06.2026, 18:14 Uhr

      Bitte achten Sie in der Diskussion darauf, keine Personengruppen pauschal zu bewerten oder zu stigmatisieren. Wir freuen uns über eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

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