W Social: Kann Europa sein eigenes X bauen?

03:26 Min. Verfügbar bis 16.06.2028 Von Jörg Schieb, Jörg Schieb

Soziale Netzwerke W Social - Eine europäische Alternative zu X startet

Stand:

Heute startet ein neues Social-Media-Netzwerk namens "W Social", das sich klar als Alternative zu Elon Musks X versteht. WDR-Digitalexperte Jörg Schieb über ein Projekt, das mit großem Versprechen ins Rennen geht.

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Eine Frage, die sich in diesen Tagen Viele stellen – vor allem mit dem Wunsch, weniger abhängig von US-Konzernen zu sein: Müssen wichtige soziale Netzwerke eigentlich immer zwingend aus dem Silicon Valley kommen?

Ein schwedisches Start-up sagt nachdrücklich "Nein!" – und schickt mit "W Social" eine europäische Alternative zu Elon Musks X ins Rennen.

Seit Elon Musk Twitter gekauft und in X umgetauft hat, kehren viele Menschen dem Dienst den Rücken – auch viele Politiker. Gleichzeitig wird der Ruf nach einer Alternative lauter, die nicht aus den USA oder China gesteuert wird.

Genau hier setzt "W Social" an. Das Versprechen: ein soziales Netzwerk nach europäischen Regeln, mit Datenschutz und ohne Bots. Der Anspruch ist groß – es geht um nichts weniger als ein Stück digitale Unabhängigkeit für Europa.

Erst im kleinen Kreis, ab jetzt für alle

Seit dem 9. Mai läuft die Plattform im sogenannten Beta-Betrieb, ein ausgewiesener Testbetrieb, der zunächst nur einem ausgewählten Kreis zur Verfügung steht. An diesem 17. Juni öffnen sich die Tore nun für die Allgemeinheit, wenn auch weiterhin offiziell im Testbetrieb.

Vorab gab es Anfragen aus mehr als 180 Ländern – das Interesse ist groß, der Nerv scheint getroffen. Geleitet wird das Projekt von der promovierten Juristin Anna Zeiter, selbst Schweizerin und früher bei der Händlerplattform Ebay für Datenschutz zuständig gewesen. Sie kennt sich also bestens aus mit den europäischen Anforderungen. Ihre Botschaft ist klar: "Europa muss unabhängiger werden."

Was hinter "W Social" steckt

W Social startet offiziell seine Testphase und jeder kann sich anmelden

W Social startet offiziell seine Testphase und jeder kann sich anmelden

Vorgestellt wurde das privat finanzierte Start-up bereits beim Weltwirtschaftsforum in Davos, das Motto: "Made in Europe for the World".

Das W steht in erster Linie für "We" – also "Wir" –, und zugleich für zwei Werte, die im Logo stecken: Das W ist grafisch aus zwei V zusammengesetzt, die für "Values" (Werte) und "Verified" (Verifiziert) stehen. Zusammen ergeben die beiden Vs ein "W" – und das soll auch für die W-Fragen stehen, also Wer, Was, Wann, Wo und Warum. Dass das W im Alphabet direkt vor X steht, ist laut Gründerin Zeiter ebenfalls kein Zufall.

Mit an Bord sind ein schwedisches Medienunternehmen als größter Geldgeber sowie Leute aus dem Umfeld von Spotify und Ericsson, dazu frühere schwedische Minister. Gearbeitet wird inzwischen auch in Berlin und Paris.

Den entscheidenden Schub gab ausgerechnet Elon Musk selbst: Als er öffentlich gegen die EU wetterte, zog das Team seinen Zeitplan vor – jetzt geht es schneller als ursprünglich geplant.

Ein Detail aus den Statuten verrät viel über die Absicht hinter dem Projekt: Stimmrecht beim Investieren sollen nach bislang bekannten Informationen ausschließlich Europäerinnen und Europäer bekommen. So wolle man verhindern, dass am Ende doch ein US- oder China-Konzern die Plattform aufkauft – ein Schicksal, das schon manches europäische Tech-Angebot ereilt hat.

Nur echte Menschen, keine Bots

Inhaltlich ist "W Social" ein Kurznachrichten-Dienst wie X – von Layout und Bedienung sehr ähnlich, nur eben mit europäischen Spielregeln. Drei Dinge sollen dabei den Unterschied machen.

  • Die Server stehen ausnahmslos in Europa, bei einem finnischen Anbieter, nicht bei US-Konzernen; es gilt also europäisches Recht und europäischer Datenschutz.
  • Jeder Account wird als echter Mensch überprüft, das soll die Flut an Fake-Profilen und Bots stoppen.
  • Und technisch setzt das Netzwerk auf dasselbe offene AT-Protokoll wie Bluesky – man kann also von Anfang an mit dessen rund 40 Millionen Nutzern kommunizieren, statt im leeren Raum zu starten.
Damit sich nur Menschen anmelden, ist ein Ausweis erforderlich, doch es werden keine Daten gespeichert

Damit sich nur Menschen anmelden, ist ein Ausweis erforderlich, doch es werden keine Daten gespeichert

Die Verifizierung läuft über den Chip im Ausweis. Entscheidend: Die Daten bleiben auf dem eigenen Gerät, "W Social" will sie gar nicht erst speichern. Geprüft wird nur eines – bist du ein Mensch? Das soll Bots verhindern.

Auftreten kann man trotzdem anonym, mit Spitznamen statt Klarnamen. Das ist besonders wichtig für Menschen, die in unfreien Ländern leben und ihre Meinung sonst nicht frei sagen können.

Warum europäische Alternativen ein Image-Problem haben

Und doch kommt bei vielen sofort der Gedanke auf: Sowas klappt doch nie ... Und hindert so die Menschen, sich überhaupt erst mit einem neuen Angebot zu beschäftigen.

EU-Projekte gelten schnell als betulich, als gut gemeint, aber wenig sexy. Mastodon oder Signal zum Beispiel zeigen das Muster: Sie funktionieren, bleiben aber Nischen für jene, die Datenschutz besonders hochhalten.

Die breite Masse aber folgt dort, wo die Freundinnen, die Promis und die Reichweite schon sind – und das ist bisher das US-Original. Ein gutes Produkt allein reicht eben nicht; es braucht das Lebensgefühl, dabei sein zu wollen.

Kann sich das gegen die US-Riesen durchsetzen?

Gesunde Skepsis ist zweifellos erlaubt. Bislang hat sich kaum eine Plattform gegen die US-Formate durchsetzen können – auch Bluesky bleibt trotz Millionen Nutzern weit hinter X zurück.

Offen ist bei "W Social" zudem, wie moderiert wird: Die Gründerin gilt als Verfechterin der freien Rede, Pornografie soll aber tabu sein. Die genauen Regeln will man gemeinsam mit der Community erarbeiten, unterstützt von KI-Filtern.

Das hartnäckige Gerücht, "W Social" bekomme 500 Millionen Euro von der EU, stimmt übrigens nicht – die Gründerin nennt es selbst Desinformation. Das Geld kommt von privaten Investoren, finanzieren soll sich der Dienst später über Werbung ohne Auswertung sensibler Daten sowie über Micropayments: Man soll einzelne Artikel kaufen können, ohne gleich ein Abo abschließen zu müssen.

Bewährungsprobe steht bevor

Noch fehlt der Plattform die Bewährungsprobe im Alltag – live ausprobiert hat sie bislang kaum jemand, zwischenzeitlich fehlte sogar das Impressum auf der Website.

Und doch: Das Interesse aus über 180 Ländern zeigt, dass etwas in Bewegung kommt. Viele wollen weg von X, ohne gleich bei der nächsten US-Plattform zu landen.

Wenn die Technik hält, die Moderation überzeugt und genug Menschen mitmachen, hat Europa hier zum ersten Mal seit Langem eine echte Chance auf ein eigenes, großes soziales Netzwerk. Ob "W Social" sie nutzt, entscheidet sich in den nächsten Monaten – nicht in den nächsten Tagen.

Unsere Quellen:

Sendung: WDR.de, W Social aus Schweden tritt als Alternative zu X an, 17.06.2026, 5 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 17.06.2026, 12:45 Uhr

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37 Kommentare

  • 37 Jens 17.06.2026, 21:02 Uhr

    Der Artikel sagt es ja passend. "Mastodon oder Signal ... zeigen das Muster: Sie funktionieren,... für jene, die Datenschutz besonders hochhalten." Also verwendet doch bitte auch Mastodon oder andere offene Plattformen, die Datenschutz hochhalten. Das ist auch europäisch und dazu weiß man genau was hinter den Kulissen passiert. Es braucht kein W hinter dem nicht klar ist was dort wirklich passiert und dem man als User schutzlos ausgeliefert ist. Finde ich alles zwielichtig. Geschlossene Plattform. Finanziert durch Großinvestoren... Sozial wirkt das auf mich nicht.

  • 36 Heinrich K. 17.06.2026, 20:27 Uhr

    1. Jede "Medaille" hat 2 Seiten (Vor- und Nachteile). 2. Bürokratimus auf ein Minimum beschränken. 3. Sicherheit möglichst hoch halten und 4. Datenschutz sicher ja aber bitte nicht übertreiben. Finde es schon sehr überfällig das Europa auf diese Idee kommt. Europa sollte noch wesentlich schneller sich in allen Bereichen unabhängiger von USA, China und Russland machen. Danke

  • 35 Annie Five 17.06.2026, 20:12 Uhr

    Hate Kommentare sollen untersagt werden.

    • Rainer 17.06.2026, 20:18 Uhr

      Wichtig ist Ehrlichkeit !

  • 34 Lutz Jährling 17.06.2026, 20:12 Uhr

    Total überlaufen. Ständige Abstürze und teilweise nicht gültige Zertifikate erschweren bis auf weiteres den Zugang. Die Betreiber sollten sich dringend darum bemühen mehr Server zur Verfügung zu stellen und den Zugang auch über mehrere verschiedene Browser zur Verfügung zu stellen.

  • 33 Mo Sami 17.06.2026, 20:11 Uhr

    Eine europäische Alternative ist sicherlich sehr willkommen für Europa und die ganze Welt. Viel Glück ..

  • 32 Jörg 17.06.2026, 20:11 Uhr

    …wichtig wäre, dass die europäischen Medien, die Politiker, Personen des öffentlichen Lebens und, und und die Plattform statt X nutzen und die Plattform dann auch „zitiert“ wird.

  • 31 Greg 17.06.2026, 20:08 Uhr

    "Und technisch setzt das Netzwerk auf dasselbe offene AT-Protokoll wie Bluesky – man kann also von Anfang an mit dessen rund 40 Millionen Nutzern kommunizieren, statt im leeren Raum zu starten.". Ganz genau! Und daher gibt es auch keinerlei Grund seine amtliche Ausweis-ID preiszugeben, wenn es Angebote (Eurosky, Bluesky) gibt, die sich in exakt das gleiche Netzwerk einklinken, ohne derartige Verifizierungsanforderungen zu stellen. Ganz grob formuliert, ist "VV/W" m.E. nichts anderes, als eine EU-geförderte bzw. geforderte Klarnamenpflicht durch die Hintertür - unter dem werbewirksam verwendeten Deckmantelmotto "Wir schützen die Demokratie!". "VV/W" dürfte also eine Plattform für ausgewiesene, kritiklose EU-Fan-Girls und -Boys werden, die sich in (einer weiteren Bubble) munter austauschen können; bis zuerst die Finanzmittel und später die Nutzer ausgehen. Elon Musk wird das kaum schaden, unabhängig davon, wie man zu ihm und dessen Twitter/X steht: das ist war und bleibt DAS Original.

  • 30 Rainer 17.06.2026, 20:08 Uhr

    Endlich eine App mit Ehrlichkeit ohne sexischtien Darstellungen

  • 29 JSo 17.06.2026, 20:07 Uhr

    Finde ich super, bin dabei!!

  • 28 Socken Panic 42 17.06.2026, 19:22 Uhr

    Fediverse, Mastodon und Matrix/Element sowie die Zeit vor Web 2.o (eigene Webseite oder Blog)... warum man nun eine Firma in der EU feiert, die Twitter (nach Jahren) ersetzen will, wenn es dezentrale und unabhängige Lösungen gibt, ist mir ein Rätsel. Ich meine, es muss ja nicht SMS, Briar, deltaChat oder jabber sein, die als Microblog oder Messanger nur bedingt bis garnicht taugen, aber alternativen zu X gibt es! Warum nur W?! Warum ist das dem WDR ein Beitrag wert, hehehehe

  • 27 Mirjam Lahousse 17.06.2026, 19:21 Uhr

    Bin bin dafür. Meine Erfahrung mit X sind sehr negativ. Als ich meine Follower nachgeprüft hatte, musste ich feststellen, dass über 400 Accounts in Nigeria ansässig waren und alle ID- Betrug begehen. Da müsste es von Vornerein unmöglich gemacht werden, irgendwelche Fake- Accounts zu erstellen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es gewollt ist. Irgendwo müssen ja die Gelder herkommen um Trillionär zu werden. Über 30 Telefonnummern aus USA hatte ich auch gemeldet, wo versucht wurde als "Elon Musk" Gelder zu erschwindeln. Sogar Sprachnachrichten wurden gefaket. Facetime Anrufe ebenfalls. Ich bin nicht darauf reingefallen. Ai/Ki macht vieles möglich. Es sollten allerdings nur geprüfte Nutzer Zugang bekommen. Pflicht:Foto/Facetime/ Sprachnachricht. Betrug ist heutzutage gang und gebe. Ich höre Fake-Sprachnachrichten raus und erkenne die Vollständige Nutzung der Ki. Wenn man jemandem ein Werkzeug in die Hand gibt, hat man dafür zu sorgen, dass man kein Missbrauch damit treibt.

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