In Wuppertal missachtet ein 16-Jähriger auf einem E-Scooter die Vorfahrt, kollidiert mit einem Auto und wird lebensgefährlich verletzt. In Monheim verliert ein 13-jähriger Rollerfahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug, stürzt und muss ins Krankenhaus gebracht werden. In Düren übersieht eine Autofahrerin einen Zwölfjährigen auf seinem E-Scooter, der Junge wird durch den Aufprall schwer verletzt.
Das sind nur einige Beispiele aus den vergangenen Monaten für ein wachsendes Problem in NRW: Immer mehr junge E-Scooter-Fahrer verunglücken im Straßenverkehr. Doch wie lässt sich die Zahl der Unfälle senken?
Unfälle mit E-Scootern nehmen zu
2025 verunglückten rund 3.900 Menschen mit einem E-Scooter in Nordrhein-Westfalen, wie die Verkehrsunfallbilanz des Landes zeigt. Im Vergleich zu 2024 war das ein Anstieg um 50 Prozent. Damit setzt sich ein bedenklicher Trend fort: In den vergangenen fünf Jahren haben Unfälle mit den Fahrzeugen in NRW stetig zugenommen.
Verkehrsunfallstatistik: Mehr Unfälle mit E-Scootern & E-Bikes
Aktuelle Stunde . 11.03.2026. 31:09 Min.. UT. Verfügbar bis 11.03.2028. WDR. Von Mathea Schülke.
"Besonders besorgniserregend" ist laut Landesregierung die Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen. 2025 waren 566 junge Fahrer in Unfälle verwickelt - 72 Prozent mehr als im Vorjahr. Und: Hunderte Verunglückte waren 13 Jahre alt oder jünger, obwohl E-Scooter erst ab 14 Jahren genutzt werden dürfen.
Jugendliche unterschätzen Risiken
Ähnlich wie beim Fahrrad komme es meist an Kreuzungen sowie Ein- und Ausfahrten zu Unfällen mit E-Scootern, sagt Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer in Deutschland. Hoch sei zudem der Anteil an Alleinunfällen.
Unfallforscherin Kristin Zeidler
Gerade jüngere Fahrer würden die Roller als Spaßobjekt sehen. "Aber sie erreichen immerhin bis zu 20 Stundenkilometer, haben kleine Räder und ein relativ hohes Gewicht", betont Zeidler. "Dadurch sind sie vergleichsweise instabil und es kann schnell zu Stürzen kommen."
Umso wichtiger sei es, den Umgang mit den E-Scootern zu üben. Das Problem: Aktuell gebe es zu wenig Schulungen für Kinder und Jugendliche.
"Die Verkehrsausbildung an den Schulen muss deutlich ausgebaut werden." Kirstin Zeidler, Unfallforscherin
Bessere Ausbildung gefordert
Den Fahrradführerschein machen viele Grundschüler, doch danach gebe es bis zum Moped- oder Autoführerschein keine Mobilitätsausbildung mehr, kritisiert die Unfallforscherin. Um junge Rad- und Scooterfahrer auf den Ernstfall vorzubereiten, brauche es aber genau das.
"Kinder und Jugendliche befinden sich noch in der Entwicklung. Nach unseren Forschungen fällt es selbst 14-Jährigen manchmal noch schwer, die Geschwindigkeit von Autos richtig abzuschätzen", sagt Zeidler. "In der Pubertät sind viele zudem risikofreudiger und neigen zu Leichtsinn." Deshalb müssten motorische Abläufe und richtige Verhaltensweisen im Straßenverkehr regelmäßig wiederholt werden.
NRW-Innenminister Herbert Reul will zusätzliche Regeln.
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) regte bei der Vorstellung der Verkehrsunfallbilanz 2025 an, dass es verpflichtend für E-Scooter-Fahrer werden könnte, Kenntnisse der Verkehrsregeln nachzuweisen, bevor sie das Fahrzeug nutzen. Das könne etwa über die App der Verleiher geprüft werden - so die Idee.
Eine solche Vorgabe müsste auf Bundesebene beschlossen werden. Die Bundesregierung verschärft 2027 zwar einige Regeln für E-Scooter, ein verpflichtender Wissensnachweis gehört aber nicht dazu.
Initiativen vor Ort
In unterschiedlichen Städten und Kommunen nehmen Initiativen das Training von jungen E-Scooter-Fahrern inzwischen selbst in die Hand. Die Verkehrswacht Düsseldorf bietet zum Beispiel seit diesem Frühjahr eine E-Scooter-Academy für Schulen an.
Simon Höhner von der Verkehrswacht Düsseldorf (r.) erklärt Schülerinnen den richtigen Umgang mit E-Scootern.
Auf dem Plan stehen unter anderem Bremsübungen und Kurvenfahrten, zudem wird darüber aufgeklärt, weshalb man nicht zu zweit einen Roller nutzen oder schwere Taschen an den Lenker hängen sollte. Beides erhöht das Unfallrisiko.
"Da es für E-Scooter keine Führerscheinpflicht gibt, haben die meisten Jugendlichen gefährliches Halbwissen - oder kennen sich gar nicht aus", sagt Simon Höhner von der Verkehrswacht Düsseldorf. Darum seien Ausbildungsangebote so wichtig. Auch in Köln, Dortmund und Aachen bietet die Landesverkehrswacht die E-Scooter-Academy in Kooperation mit E-Scooter-Verleihern an. Das Ganze ist ein Pilotprojekt.
Leihscooter nicht für Minderjährige
Grundsätzlich dürfen E-Scooter ab 14 Jahren gefahren werden. Viele E-Scooter-Verleiher geben aber ein Mindestalter von 18 Jahren vor. So wolle man sicherstellen, dass die Fahrzeuge "sicher und verantwortungsvoll genutzt werden", teilt ein Sprecher der "Plattform Shared Mobility" (PSM) auf WDR-Anfrage mit. Dabei handelt es sich um Branchenverband, dem die Verleih-Firmen Bolt, Lime, Uber und Voi angehören.
Neben der Verkehrssicherheit spielen auch versicherungs- und haftungsrechtliche Rahmenbedingungen bei der Altersvorgabe eine Rolle, heißt es vom PSM.
In vielen Fällen dürfen nur Erwachsene E-Scooter leihen.
Bevor Fahrer einen E-Scooter leihen können, müssen sie bei der Registrierung ihre Volljährigkeit bestätigen. Zusätzlich sei die Nutzung an ein persönliches Nutzerkonto und ein hinterlegtes Zahlungsmittel gebunden, so der Branchenverband. "Eine Weitergabe des Kontos oder die Freischaltung eines Fahrzeugs für Dritte ist nicht zulässig."
Trotzdem sieht man im Straßenverkehr regelmäßig Jugendliche, die auf Leihscootern unterwegs sind. Missbräuchliche Nutzungen lassen sich - wie auch bei anderen digitalen Plattformen - nicht vollständig ausschließen, räumt der Verband PSM ein. Hinweise auf Verstöße würden geprüft und könnten Konsequenzen "bis hin zur Sperrung von Nutzerkonten" haben.
Aus Sicht der Unfallforscherin Kirstin Zeidler sollten die Verleiher hier allerdings nachbessern und technische Barrieren erhöhen, "damit wirklich erst volljährige Fahrer ihre E-Scooter nutzen können". Gleiches gelte bei Hürden für alkoholisierte Nutzer. "Es gibt zwar bei einigen Anbietern Reaktionstests, es ist aber fraglich, ob diese auch sensibel genug sind", sagt Zeidler. Alkohol sei neben dem verbotenen Fahren auf Gehwegen eine häufige Unfallursache.
Keine Helmpflicht
Nach Daten der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie erleiden Fahrer von E-Scootern häufig Kopfverletzungen bei Unfällen. Eine Helmpflicht gilt in Deutschland für die Fahrzeuge aber nicht, weil ihre maximale Höchstgeschwindigkeit bei 20 Stundenkilometern liegt, heißt es vom Bundesverkehrsministerium auf WDR-Anfrage.
Das Tragen eines Helmes werde jedoch empfohlen. Dem schließt sich Kirstin Zeidler von der Unfallforschung der Versicherer an.
"Wir appellieren daran, bei der Fahrt einen Helm zu tragen, sprechen uns aber gegen eine Helmpflicht aus." Kristin Zeidler, Leiterin Unfallforschung der Versicherer
Zwar gebe es immer mehr E-Scooter-Unfälle, aber die Zahlen seien im gesamten Unfallgeschehen noch vergleichsweise gering, so Zeidler. "Als die Gurtpflicht eingeführt wurde, hatte das ganz andere Ausmaße."
Andere Länder setzen bereits auf klare Regeln. In Österreich gilt etwa seit dem 1. Mai 2026 eine Helmpflicht für E-Scooter-Fahrer, die unter 16 Jahren alt sind. In Italien muss jeder Fahrer unabhängig vom Alter einen Helm tragen.
Kleine Räder als Risikofaktor
Die Unfallforscherin Kirstin Zeidler plädiert dafür, dass größere und breitere Räder bei E-Scootern zum Einsatz kommen sollten, um das Risiko zu verringern, dass Fahrer zum Beispiel auf nasser Straße wegrutschen. Auch andere Unfallforscher wie Siegfried Brockmann von der Björn Steiger Stiftung sprechen sich dafür aus.
Bei nassem Untergrund sollen E-Scooter-Fahrer besonders vorsichtig sein.
Jedes E-Scooter-Modell müsse fahrdynamische Tests bestehen, bei denen Sicherheit und Stabilität getestet werden, bevor es eine Straßenzulassung bekommt, heißt es von einer Sprecherin des Bundesverkehrsministeriums. "Eine Vorgabe zur Mindestreifenbreite wird daher als nicht erforderlich gesehen."
Die Sprecherin verweist allerdings darauf, dass die Prüfung von E-Scootern, die neu auf den Markt kommen, ab 2027 noch einmal erweitert wird.
Neue Regeln für E-Scooter
Neu zugelassene E-Scooter müssen laut Bundesregierung ab 2027 verpflichtend einen Blinker haben. Zudem sei eine Erweiterung der fahrdynamischen Prüfungen vorgesehen, um die Verkehrssicherheit der Fahrzeuge zu erhöhen.
Erhöht werden kommendes Jahr auch Verwarngelder. Ein Beispiel: Wenn mehrere Personen auf einem Roller unterwegs sind, müssen sie dann 25 Euro Strafe zahlen. Bislang lag das Verwarngeld bei 5 Euro.
Außerdem will die Bundesregierung Halter von Elektro-Scootern mehr in die Pflicht nehmen: Künftig sollen verschärfte Haftungsregeln gelten. Ob solche Maßnahmen dafür sorgen, dass künftig weniger Kinder und Jugendliche mit E-Rollern verunglücken, bleibt allerdings abzuwarten.
Unsere Quellen:
- WDR Gespräch mit Unfallforscherin Kirstin Zeidler
- Bundesverkehrsministerium
- Branchenverband "Plattform Shared Mobility"
- Verkehrsunfallbilanz 2025
- Beobachtungen der WDR-Reporterin bei der E-Scooter-Academy
- Polizei Mettmann
- Polizei Düren
Sendung: WDR.de, Warum junge E-Scooter-Fahrer so gefährdet sind, 18.05.2026, 11:55 Uhr