Ist KI-Geschlechtsbestimmung die beste Alternative zum Kükentöten?
Das ungleiche Schicksal von Henne und Hahn
Ein wildes Durcheinander aus Gackern und Flügelschlagen erfüllt einen Stall in Senden im Kreis Coesfeld. Auf mehreren Etagen sitzen, laufen und flattern unzählige braun gefiederte Hühner. Mittendrin steht Burkhard Brinkschulte. "Wir sind hier im Aufzuchtstall. Die Junghennen sind kurz vor der Legereife. Nächste Woche ziehen sie in einen Freilandstall und fangen dort an, Eier zu legen", erklärt der Landwirt. Die Hennen von Gut Averfeld sind gefragt, ihre Brüder dagegen nicht.
Was ist das Problem mit männlichen Küken?
Hähne legen keine Eier, das liegt in der Natur der Sache. Aber auch für die Fleischproduktion eignen sich die männlichen Küken von Legerassen kaum. Im Vergleich zu speziellen Masthähnen sind sie magerer und benötigen deutlich mehr Zeit und Futter, um Gewicht zuzulegen.
Bis vor wenigen Jahren wurde deshalb auch in Deutschland die männliche Hälfte aller Küken aus der Legehennenproduktion kurz nach dem Schlüpfen getötet. Etwa 40 Millionen sogenannte Eintagsküken waren es laut Bundesagrarministerium pro Jahr. Seit 2022 ist diese Praxis in Deutschland verboten.
Was Burkhard Brinkschulte von dem Kükentöten-Verbot in Deutschland hält
00:24 Min.. Verfügbar bis 23.11.2027.
Brinkschulte kritisiert zwar den deutschen Vorstoß, sagt aber auch: "Die massive Entwicklung einer Alternative hätte ohne das Verbot wohl nicht stattgefunden. Der Leidensdruck muss enorm sein, damit etwas passiert." Dennoch hätte er sich Übergangsfristen für Brütereien und eine bessere Abstimmung mit der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung gewünscht. Zumal immer noch Küken für "deutsche Eier" getötet werden - trotz des Verbots. Wie kann das sein?
Ist für mein Ei ein Küken gestorben?
Wie viele Eier stammen aus kükentötungsfreier Produktion?
Rund 90 Prozent der Eier in deutschen Lebensmittelgeschäften stammen mittlerweile aus kükentötungsfreier Produktion, heißt es vom Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen e. V. Erkennbar sind diese Eier am KAT-Siegel auf der Verpackung. Aber bei immerhin etwa zehn Prozent der Eier sowie bei verarbeiteten Lebensmitteln, die Eier enthalten, spielt das Kükentöten oftmals weiterhin eine Rolle. Der Grund: In vielen anderen Ländern ist die Praxis weiterhin erlaubt.
Die Eier aus dem Ausland können ohne Probleme nach Deutschland importiert und hier verkauft werden, obwohl männliche Küken für ihre Produktion getötet wurden. So wird das Verbot legal umgangen. Laut Verbraucherzentrale beziehen manche Betriebe auch Junghennen aus dem Ausland, deren Brüder dort getötet wurden. Auch die von ihnen gelegten Eier dürfen das KAT-Siegel nicht tragen.
Wie hat das Verbot die Brüterei-Branche verändert?
Zahlreiche Brütereien in ganz Deutschland haben nach dem Verbot des Kükentötens geschlossen. Noch vor einigen Jahren gab es in NRW rund zehn Brütereien, ähnlich wie die von Brinkschulte. Inzwischen ist diese der letzte konventionelle Betrieb im Bundesland. Trotz der schwierigen Umstände entschied sich der Landwirt aus Senden, weiterzumachen.
Bis vor einigen Monaten zog er die männlichen Küken als sogenannte "Bruderhähne" mit auf, ein erheblicher Mehraufwand. Gemeinsam mit einem Legehennenhalter aus Rosendahl entwickelte Brinkschulte Fertiggerichte aus Hahnenfleisch.
Wir haben 300.000 Euro erfolgreich in den Sand gesetzt. Burkhard Brinkschulte, Brüterei-Inhaber
"Wir haben uns zwei Jahre lang intensiv damit beschäftigt und versucht, das Produkt an die Frau oder den Mann zu bringen. Es ist uns nicht gelungen." Immerhin ist eine andere Methode als die Aufzucht der Bruderhähne für Brinkschulte inzwischen deutlich lukrativer.
Rot darf leben, Blau nicht
Wie funktioniert die KI-Geschlechtsbestimmung im Ei?
Etwa 85 Prozent der Betriebe in Deutschland setzen laut KAT mittlerweile auf die Geschlechtsbestimmung schon im Ei. Dadurch kann verhindert werden, dass die männlichen Küken überhaupt schlüpfen. Mit dem Münchener Start-up Omegga arbeitet Brinkschulte seit zwei Jahren an einer neuen Technologie mit Künstlicher Intelligenz.
- Zum Beitrag: "Wie Roboter und KI die Landwirtschaft auf links drehen"
Für die exklusive Demonstration steht der Landwirt nun in einem Raum, umgeben von surrenden Brutschränken. In ihnen liegen tausende befruchtete Eier, aus denen bald Küken schlüpfen. Auf dem Tisch vor dem 55-Jährigen liegt eine Palette mit Eiern, die von unten entweder blau oder rot angestrahlt werden. Das blaue Licht zeigt, dass es ein männliches Ei ist. Rot steht für weiblich.
Die blau angestrahlten Eier werden aussortiert
Das Verfahren für die Geschlechtserkennung passiert verborgen im Brutschrank und erklärt Start-up-Gründerin Katharina Hesseler so: "Wir durchleuchten das Ei mit Licht mehrfach in den ersten sechs Bruttagen, insbesondere an Tag 3 bis 6, und analysieren die Lichtspektren. Wir nutzen Absorptionsspektroskopie, untersuchen also, welches Licht reflektiert und absorbiert wird." Die Künstliche Intelligenz, die das Unternehmen dafür entwickelt hat, wertet die Daten aus und erkennt, welche Merkmale typisch männlich und welche typisch weiblich sind.
Wie früh erkennt die KI das Geschlecht?
Schon am sechsten Tag könne man mit dem KI-Verfahren das Geschlecht im Ei bestimmen, so Hesseler. Bisher angewandte Methoden würden dafür mindestens drei Tage länger brauchen. "Tierwohlorientierten Betrieben ist der Tag der Geschlechtsbestimmung besonders wichtig", erklärt die Start-up-Gründerin. Denn je früher die Bestimmung erfolgt, desto sicherer ist ausgeschlossen, dass der Embryo Schmerz empfinden könnte.
Dieses Gerät soll die beste Alternative zum Kükentöten sein
Die männlichen Eier, die aussortiert werden, muss Brinkschultes Betrieb bisher wegwerfen. Noch gebe es keine Genehmigung, sie weiterzuverwerten. Der Landwirt hofft, dass sie künftig für die Produktion von Impfstoffen oder die Krebsforschung genutzt werden können.
Wenn die Künstliche Intelligenz Fehler macht
Wie zuverlässig ist die KI und was passiert, wenn sie sich irrt?
Während andere Verfahren zur Geschlechtsbestimmung Trefferquoten von 98 und mehr Prozent erreichen, liegt die Omegga-Methode bisher erst bei rund 90 Prozent. Ob die KI das Geschlecht richtig erkannt hat, zeigt sich, wenn die Küken geschlüpft sind. Nach 21 Tagen im Brutschrank ist es so weit: Aus den Eiern sind unzählige Küken geschlüpft, ihr helles Gezwitscher erfüllt den Raum.
Ein Mitarbeiter von Brinkschulte hebt die kleinen, gelben Tiere hoch, prüft ihr Gefieder und erkennt so ihr Geschlecht. Über eine Rampe rutschen die Küken auf ein Laufband und landen darüber in verschiedenen Kisten. Die versehentlich ausgebrüteten Bruderhähne kommen in Mastbetriebe und werden dort später geschlachtet. Brinkschulte ist überzeugt, dass sich die Treffsicherheit der KI dank ihrer Lernfähigkeit schnell verbessern wird. Auf unserem YouTube-Kanal WDR Lokalzeit LandSchafft erfährst du noch mehr über die neue Technologie.
Der Landwirt aus Senden kann sich vorstellen, dass in wenigen Jahren Brütereien weltweit auf die Methode setzen werden. "Der Weg hierhin war wahnsinnig mühsam", sagt er. "Aber natürlich ist das ein großer Erfolg, wenn man Teil dieser Entwicklung sein darf. Der Mut kommt eindeutig zurück."
