Claudia Krol hat den Kopf weit in den Nacken gelegt. Hoch über ihr im Baum thront das Objekt ihrer Begierde: ein praller, rot-grüner Apfel. Krol ist bestens ausgerüstet. Mit beiden Händen hält sie eine lange, ausziehbare Stange mit einem kleinen Beutel am Ende, einen Obstpflücker. Vorsichtig zieht sie damit den reifen Apfel vom Ast, er plumpst in den Beutel - und wenig später aus ihrer Hand in den Eimer, den sie auch mitgebracht hat.
Krol ist mit einer Freundin auf großer "Mundraub"-Tour. Mit dem Fahrrad fahren die beiden Bäume in und um Bad Oeynhausen ab, um Äpfel und Birnen zu pflücken. Und zwar kostenlos von Bäumen, die an Straßen und Wegen stehen. Am Ende hat jede der beiden einen ganzen Eimer voll. Mehr sollte es auch nicht sein, finden sie.
Wie viel Pflücken fair ist
00:09 Min.. Verfügbar bis 08.07.2027.
Aber wo ist es erlaubt, einfach Äpfel und anderes Obst von Bäumen zu pflücken? Wann ist es Diebstahl? Und wie findet man am besten Bäume und Sträucher in NRW, von denen man ganz legal und kostenlos naschen und ernten darf?
Was ist Mundraub?
Vom Baum des Nachbarn einen Apfel pflücken oder an einem Marktstand zwei Beeren nehmen und direkt essen - beides sind klassische Fälle von Mundraub oder von "Verbrauchsmittelentwendung", wie es früher im Strafgesetzbuch stand. Der Paragraf 370 hat damals Strafen für den Klau von sehr kleinen Mengen Lebensmitteln geregelt, ebenso von Viehfutter oder Zigaretten. Dabei ging es darum, ärmere Menschen zu schützen, wenn sie nur aus Hunger klauten. So wurde Mundraub zwar grundsätzlich bestraft, allerdings verhältnismäßig mild. Diebe, die sich bereichern wollten, mussten dagegen mit härteren Strafen rechnen.
Wie ist der Umgang mit Mundraub heute?
00:18 Min.. Verfügbar bis 07.07.2027.
Damit wird der geklaute Apfel grundsätzlich nicht mehr anders behandelt als zum Beispiel der Diebstahl eines teuren Parfüms. Theoretisch kann man für Diebstahl mit bis zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt werden, alternativ zu einer Geldstrafe.
In der Praxis sieht das jedoch anders aus. Wenn es um eine Handvoll Äpfel geht, handelt es sich um einen Diebstahl geringwertiger Sachen. Damit der Diebstahl verfolgt wird, muss zunächst ein Geschädigter Anzeige erstatten. Ein mögliches Verfahren wird dann in der Regel außergerichtlich beigelegt. Trotzdem bleibt es dabei: Mundraub, auch in der kleinsten Menge, ist Diebstahl - und Diebstahl ist eine Straftat.
Darf man Obst von fremden Bäumen pflücken?
Grundsätzlich gilt: Das Obst, das am Baum hängt, gehört dem Baumbesitzer. Von Bäumen auf Privatgrundstücken darf man also nichts pflücken. Das gilt auch, wenn ein Ast des Baumes auf den Bürgersteig ragt. So verführerisch der Apfel in Griffhöhe auch sein mag: Wer ihn abpflückt, begeht einen Diebstahl.
- Zum Beitrag: Regional und direkt vom Bauern: Besondere Hofläden in NRW
Anders sieht es aus, wenn Äpfel, Birnen und Co. von selbst vom Baum herunterfallen. Liegen sie dann auf dem öffentlichen Bürgersteig, darf sie jeder einsammeln. Auch wenn das Obst von einem Baum auf dem Nachbargrundstück in den eigenen Garten fällt, darf man es nehmen. Es hat dann ganz legal den Besitzer gewechselt.
Wo ist selbst Obstpflücken in NRW erlaubt?
Ganz legal ist das Pflücken von Obstbäumen oder Beerensträuchern, die auf öffentlichem Gelände stehen, also zum Beispiel direkt am Straßenrand oder in Parks. Doch Vorsicht: Wer hier pflücken möchte, sollte sicher sein, dass der Baum tatsächlich auf öffentlichem Gelände steht. Das ist nicht immer klar zu erkennen, teilweise sind Flächen auch verpachtet. Im Zweifel lieber beim zuständigen Grünflächenamt oder der Unteren Naturschutzbehörde nachfragen. In Naturschutzgebieten ist das Pflücken nicht erlaubt, egal wem die Flächen gehören.
Wann kann man welches Obst pflücken?
Kleiner Obstkalender für NRW
Außerdem gilt beim Pflücken von öffentlichen Bäumen die "Handstraußregel" aus dem Bundesnaturschutzgesetz. Die sagt, dass wildwachsende Früchte nur "in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf" gepflückt werden dürfen - dasselbe gilt für Blumen, Pilze und Kräuter. Bei Blumen ist eine Menge erlaubt, die von Daumen und Zeigefinger umschlossen werden kann, daher der Name der Regel. Beim Obst gibt es keine klare Regel. Grob kann man aber sagen: Ein Eimer voll Äpfel ist okay, ein Kofferraum voll Äpfel dagegen nicht.
Das selbstgesammelte Obst darf man auch nicht verkaufen. Außerdem sollte jeder Pflücker sorgsam mit der Natur umgehen. Äste abzubrechen, ist tabu, und Kräuter sollte man nicht einfach aus dem Boden reißen, sondern vorsichtig abschneiden. So hat der Pflücker etwas davon und die Natur auch.
Obst pflücken gerne, aber nur für den Eigenbedarf
Immer mehr Städte in NRW machen es den Pflückern einfach: Sie weisen Obstwiesen zum Selberpflücken extra aus und richten weitere ein. In Bochum zum Beispiel gibt es mittlerweile mehr als 20 dieser städtischen Pflück-Paradiese, mit Apfel-, Kirsch- und Walnussbäumen. "Regional, saisonal, ungespritzt und kostenlos", wirbt die Stadt. Sie weist aber auch darauf hin, dass Pflücker nicht in die Bäume klettern oder Leitern aufstellen dürfen.
Viele andere Städte haben ähnliche Projekte. Die Stadt Köln hat sich sogar gleich ganz zur "Essbaren Stadt" erklärt. Hier sollen 70 Prozent der Pflanzen, die im öffentlichen Raum neu gesetzt werden, essbar sein. Das Ziel: Selbstbedienung für alle.
Wie finde ich einfach Bäume zum Selbstpflücken?
Teilweise haben die Städte und Gemeinden selbst Karten ins Internet gestellt, auf denen die legalen Pflück-Plätze verzeichnet sind. Die Stadt Bielefeld zum Beispiel preist ihre mehr als 3000 Obstbäume an. Darunter sind Klassiker wie Apfel-, Birnen- und Pflaumenbäume. Aber auch seltene Obstsorten wie Quitten, Maulbeeren oder Esskastanien. "Mundraub erwünscht" schreibt die Stadt. Unter anderem haben auch Hamm und Rhede im Kreis Borken solche Karten.
Bei der Suche nach Obstbäumen, von denen man kostenlos pflücken darf, hilft auch die Plattform mundraub.org. Sie bietet eine Karte mit insgesamt mehr als 90.000 Standorten, tausende davon in NRW. Kleine Symbole zeigen an, welche Obstsorten, Kräuter oder Nüsse an den Stellen wachsen.
Tausende Pflück-Plätze allein in NRW: Die Plattform mundraub.org
Die Fundorte werden allerdings oft von Mitgliedern der Mundraub-Community selbst eingetragen, sie werden nicht geprüft. Das heißt, jeder Pflücker muss selbst darauf achten, dass er nicht auf Privatgelände pflückt. Auf der Plattform sind auch die Erntezeiten der verschiedenen Obstsorten verzeichnet.
Auch ohne Internetkarten oder Apps lassen sich Bäume zum Selberpflücken finden. Vor allem zur Erntezeit im Spätsommer. Dann läuft die Aktion "Gelbes Band": Um viele Obstbäume oder Sträucher hängen dann gelbe Schleifen. Sie signalisieren, dass dort legal und kostenlos gepflückt werden darf. Das gilt in solchen Fällen auch für Privatgelände, wenn die Eigentümer ihre Bäume entsprechend markieren. Zuletzt haben unter anderem Senden, Oelde, Telgte und Drensteinfurt im Münsterland, der Kreis Kleve und Hilchenbach im Siegerland bei der Aktion mitgemacht.