Lokale Initiativen: Ehrenamtler retten Lebensmittel
Paprika und Erdbeeren leuchten rot. Zitronen und Bananen leuchten gelb. Brokkoli und Gurken leuchten grün. Die Auslage in dem kleinen Ladenlokal in Köln-Worringen ist gut gefüllt. Neben Obst und Gemüse liegen in den Klappkisten unter anderem Eier, Paniermehl, Süßigkeiten und Flaschen mit Eistee.
Alle diese Lebensmittel wären eigentlich im Müll gelandet. Weil sie nicht mehr ganz so gut aussehen, weil sie ein paar Tage abgelaufen sind oder weil etwas kaputtgegangen ist. Nicht mehr zu verkaufen für Supermärkte und Großhändler, aber noch zu verteilen für Sabine Gaebler und ihre ehrenamtlichen "EssensRetter". Ihre Mission: Weniger weggeworfene Lebensmittel und ein bisschen Umdenken beim Einkaufen.
Was wollen die "EssensRetter" erreichen?
00:25 Min.. Verfügbar bis 13.06.2027.
Allein die Kölner "EssensRetter" bewahren im Jahr rund 100 Tonnen Lebensmittel vor der Tonne. Fahrer sammeln das Essen bei Läden in der Umgebung ein, auch immer mehr Privatleute bringen übriggebliebene Lebensmittel vorbei. Im eigenen Laden verteilt die Gruppe sie dann. Von Montag bis Samstag, meistens mittags und abends. Die Nachfrage ist groß, bis zu 100 Menschen kommen zu einer Abholung.
Kommen darf jeder, egal, ob bedürftig oder Topverdiener. "Wir retten alles für alle", steht in großen Buchstaben im Schaufenster des Ladens der "EssensRetter". Was mittlerweile ein großer Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung ist, war vor einigen Jahren noch eine kleine Nachbarschaftsgruppe mit einem Schrank voller Lebensmittel.
Mehr zu den "EssensRetter":
Mit ihrer Idee ist die Kölner Gruppe nicht alleine. Andere Initiativen in NRW arbeiten ähnlich: Übrige Lebensmittel in den Läden abholen, dann an andere verteilen. Das machen zum Beispiel auch die "Lebensmittel-Retter" in Dormagen an einer Garage im Stadtteil Zons. In Münster gibt es in der "fairTEILBAR" gegen kleines Geld Lebensmittel, die sonst nicht überlebt hätten.
Die Tafeln: Foodsharing im großen Stil
Übriggebliebenes Essen abholen und an Menschen verteilen, das machen auch die Tafeln seit mehr als drei Jahrzehnten so. Mit einem entscheidenden Unterschied: Wer dort Lebensmittel abholen möchte, muss bedürftig sein und das auch nachweisen, zum Beispiel mit einem Bürgergeld-, Renten-, Wohngeld- oder BAföG-Bescheid. Die genauen Regeln legt jede Tafel selbst fest.
In NRW gibt es über 170 Tafeln. Ihre Bedeutung steigt, vor allem weil Lebensmittel in den letzten Jahren stetig teurer geworden sind. Bei immer mehr Menschen reicht deshalb das Geld nicht mehr. Die Tafeln werden für sie zum Rettungsanker.
Immer mehr Menschen sind auf die Tafel angewiesen
So hatten die Tafeln in NRW laut Tafelverband zu Beginn des Krieges in der Ukraine im Februar 2022 rund 350.000 Kunden. Innerhalb von nur zwei Jahren ist diese Zahl auf rund eine halbe Million gestiegen. Ein Andrang, den einige Tafeln nicht mehr bewältigen können. Viele haben Wartelisten. Bei der Tafel in Essen zum Beispiel stehen darauf mehrere hundert Menschen.
Immer mehr Anfragen, aber auch immer mehr Anstrengung für die Tafeln. Die Supermärkte und Händler kalkulieren mittlerweile knapper. Das reduziert zwar Lebensmittelverschwendung, allerdings bleibt auch für die Tafeln weniger übrig. Außerdem werden die ehrenamtlichen Helfer immer älter, der Nachwuchs fehlt. Dabei braucht es viele Helfer, um die immer längeren Schlangen vor den Tafeln abzuarbeiten.
Große Bewegung: Die Plattform "foodsharing"
Ein Kühlschrank und ein Regal daneben. Viel mehr ist nicht nötig, um tonnenweise Lebensmittel zu retten. So läuft es zumindest über die Plattform "foodsharing". Gegründet wurde sie 2012 von einem Kölner Filmemacher, nachdem der einen Kinofilm über Lebensmittelverschwendung gedreht hatte.
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An vielen Standorten in ganz Deutschland stehen "Fair-Teiler" mit Kühlschränken und Regalen, allein in NRW sind es über 250. In einem Laden in Steinfurt zum Beispiel, einer Kita in Übach-Palenberg oder einer Gesamtschule in Bonn. Die Standorte sind auf einer Karte auf der Plattform verzeichnet. Jeder kann dort kostenlos übrige Lebensmittel ablegen oder sich welche abholen. Eine weitere Möglichkeit: einen Korb mit Lebensmitteln packen und über die Plattform anbieten.
Kühlschrank und Regal zur Lebensmittelrettung: Der "Fair-Teiler" in Köln
Das alles funktioniert allerdings nicht ohne klare Regeln. Vor allem im Bereich der Hygiene. Unter anderem dürfen keine Lebensmittel weitergegeben werden, die das Verbrauchsdatum überschritten haben. Zum Beispiel Hackfleisch oder roher Fisch. Anders ist es beim überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdatum. Solche Lebensmittel sind teilweise auch nach Jahrzehnten noch genießbar. Hier gilt: Riechen, probieren, sehen und fühlen, ob man es noch essen kann.
Containern: Illegale Essensrettung
Genauer kalkulieren, fast abgelaufenes Essen günstiger machen, Lebensmittel spenden - Supermärkte achten vermehrt darauf, weniger wegzuschmeißen. Trotzdem sind im Handel alleine im Jahr 2022 rund 800.000 Tonnen Lebensmittel in der Tonne gelandet, schreibt das Statistische Bundesamt. Und so ziehen regelmäßig Einzelne oder ganze Gruppen los, um diese Lebensmittel zu retten. Sie containern.
Aktivisten containern in der Städteregion Aachen
00:39 Min.. Verfügbar bis 13.06.2027.
Das Problem: Auch der Abfall im Container bleibt das Eigentum des Supermarktes. Sie mitzunehmen, ist Diebstahl. Dazu kommt, dass die Container in der Regel auf Privatgelände stehen. Die Lebensmittelretter begehen Hausfriedensbruch, beim Aufbrechen eines Schlosses möglicherweise auch noch Sachbeschädigung. Im Extremfall droht eine Gefängnisstrafe.
Gut gemeint und nachhaltig, aber eine Straftat: Containern
In der Realität bleibt es allerdings bei Geldstrafen oder Sozialstunden. Viele Verfahren wegen Containerns werden ganz eingestellt. Es gibt auch schon länger Pläne, das Containern straffrei zu machen, wenn dabei nichts kaputtgeht. Dagegen wehren sich aber die Supermärkte.
So bleiben als legale Alternative bisher die lokalen Initiativen oder Plattformen wie "foodsharing", um Lebensmittel im größeren Stil zu retten. Ihr Wunsch: So viel retten wie möglich, so viele Denkanstöße gegen Verschwendung liefern wie möglich. Oder wie Sabine Gaebler von den Kölner "EssensRettern" sagt: "Eigentlich sind wir erst froh, wenn es uns nicht mehr geben muss."