Leitet den Geflügelhof in Petershagen: Anne Korte
Den Handgriff hat Anne Korte schon unendlich oft gemacht: In der einen Hand hält sie ein Stück Putenfleisch, in der anderen ein scharfes Messer. Ein bis zwei zielsichere Schnitte, dann wandert das wohlgeformte Schnitzel auf einen Haufen. Und von da in eine der großen Kisten, die die 39-Jährige anschließend hoch gestapelt auf einem Wagen in den Kühlraum schiebt.
Man merkt schnell: Hier ist die Chefin am Werk. "Ich habe den Betrieb vor 16 Jahren mit übernommen", sagt Korte. Ihre Eltern sind zwar weiterhin auch mit in der Leitung des Geflügelhofs in Petershagen. Ihr Vater kümmert sich zum Beispiel vor allem um den Ackerbau. Bei Entscheidungen sprechen sie sich ab. Aber das letzte Wort hat die Tochter: "Ich habe das Zepter in der Hand."
Unter Kortes Führung ist der Hof im Kreis Minden-Lübbecke weiter gewachsen. Mittlerweile ist sie die Chefin von 30 Mitarbeitern und rund 10.000 Puten. Diese Rolle ist Korte mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen. "Wie ich meinen Betrieb führe, da habe ich schon sehr viel Ahnung und bin da auch sehr kompetent", sagt sie selbstbewusst.
Frauen als Hofleitung sind selten
Eine selbstbewusste Frau an der Spitze des Hofes. Das ist beim Blick auf die Statistik in Deutschland alles andere als selbstverständlich. Nur jeder neunte Hof wird von einer Frau geleitet. Und das, obwohl laut NRW-Landwirtschaftsministerium mehr als ein Drittel der Arbeitskräfte auf den Höfen im Land Frauen sind.
"Dabei sind es gerade die Frauen, die oft besonders viel leisten auf den Höfen", sagt Ministerin Silke Gorißen. Viele von ihnen übernehmen etwa die Buchhaltung, kümmern sich um die Vermarktung, leiten Hofläden oder Hofcafés oder organisieren Ferien auf dem Bauernhof. Dazu springen sie oft zusätzlich noch da ein, wo sie gerade gebraucht werden. Und: Die meisten Frauen sind auch an den strategischen Entscheidungen auf den Höfen beteiligt, an der Seite des Mannes.
Frauenpower auf dem Geflügelhof: Anna Korte und ihre Mutter Hedda Korte
Warum aber leiten dann nicht deutlich mehr Frauen einen Hof? Eine vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderte Studie hat sich 2023 auf Ursachenforschung begeben. "Familien- und Partnerschaftsmodelle sind noch weitgehend traditionell gefärbt, sodass junge Frauen nur selten zu Hoferbinnen oder Betriebsnachfolgerinnen sozialisiert werden", heißt es darin.
Kurz gesagt: Gibt es einen oder mehrere Söhne auf dem Hof, werden sie weiterhin traditionell als die automatischen Erben gesehen. Anders war es auf dem Geflügelhof der Kortes in Petershagen. Hier hat die Tochter nach ihrem Studium der Ernährung und des Versorgungsmanagements die Leitung übernommen, obwohl sie drei Brüder hat. Mit voller Unterstützung ihrer Eltern. Ihre Mutter Hedda Korte sagt: "Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, eine junge Dame zu erziehen, die sich in einer Herrenwelt durchsetzt."
Lange Tage für die Hofchefin
Problem Nummer zwei für Frauen - nicht nur, aber eben auch - in der Landwirtschaft: Wie lassen sich Job und Familie unter einen Hut bekommen? Weiterhin ist es so, dass Frauen einen größeren Teil der Care-Arbeit übernehmen. Also Kindererziehung, Haushalt, Einkauf. Die Studie sagt dazu: "Insbesondere für junge Betriebsleiterinnen ist eine Vereinbarkeit von Betrieb und Familie nur möglich, wenn sie sich einen Ausfall ihrer Arbeitskraft finanziell leisten können und (familiäre) Unterstützung in der Kinderbetreuung erhalten." Kinder oder Karriere ist hier oft die Frage.
Hofchefin Korte hat das klar beantwortet: Kinder und Karriere. Als "bewusste Solomutter" hat sie ohne Partner zwei Kinder bekommen, ihre Tochter ist drei Jahre, ihr Sohn elf Monate alt. Sie erzieht sie alleine, alle Verantwortung liegt bei ihr. Entsprechend vollgestopft ist auch ihr Tag. Gegen 5 Uhr morgens aufstehen und dann erst um die Kinder, später um den Hof und die Geschäfte kümmern.
Mal im Büro, mal in der Schlachterei, mal im Putenstall, mal auf dem Wochenmarkt, mal ehrenamtlich im Vorstand der Landfrauen. "Alles, was ich nicht mit Kindern machen kann, mache ich abends zwischen acht und zwölf", sagt Korte. Jeder Tag wird damit zum XXL-Tag. Und zur Belastungsprobe: "Gerne würde man einfach mal rausgehen und schreien."
Studie sieht wenig Veränderung bei Hofleitung
Trotz des Stresses zwischen Fleisch und Familie sagt die Hofchefin: "Für mich war es die richtige Entscheidung, einen Hof zu leiten." Denn die Leitung erlaubt es ihr, ihre Arbeit über den Tag hinweg recht frei einzuteilen. "Es gibt Arbeiten, die müssen gemacht werden", sagt Korte, "aber wann ich sie mache, das obliegt mir."
Das Reich von Anne Korte: der Geflügelhof in Petershagen
Die Vereinten Nationen möchten, dass noch mehr Frauen eine größere Rolle auf den Höfen spielen. Und sie möchten zeigen, welchen entscheidenden - aber oft unsichtbaren - Anteil Frauen weltweit in der Landwirtschaft tragen. Sie haben 2026 deshalb zum "Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft" ausgerufen.
Die Studie zu Frauen auf den Höfen macht aber erst einmal wenig Hoffnung auf Veränderungen. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich der Anteil der weiblichen Hofleitungen in Deutschland kaum verändert. Und auch jetzt ist nur rund jeder fünfte designierte Hofnachfolger eine Frau. Korte bleibt trotzdem optimistisch: "Ich gehe davon aus, dass der Frauenanteil in der Landwirtschaft wachsen wird." Wie das gehen kann, zeigt sie selbst jeden Tag.
Dieser Beitrag liefert Informationen zum Youtube-Video von WDR Lokalzeit LandSchafft: "Landwirtin Anne packt's an - so wuppt sie den Familienbetrieb!" vom 08.03.2026, 10 Uhr.
