Handball oder Landwirtschaft? Für Clara Woltering geht beides zusammen
Ein voller Tag beginnt im Stall
Es ist 7 Uhr morgens. Als Clara Woltering das Tor zum Stall öffnet, dringt ihr schon lautes Muhen entgegen. 50 Bullenkälber rufen nach Futter. Die 43-Jährige hievt mit einer Heugabel Stroh vor das Fressgitter, durch das die Kälber gierig ihre Köpfe stecken. "Wenn ich morgens in den Stall komme und die Tiere fit und munter herumspringen, geht es mir als Bäuerin am besten."
Woltering packt noch Futtermais und Kraftfutter dazu, dann ist die erste Arbeit für den Tag getan. Und dieser Tag wird lang werden. Denn Clara Woltering ist nicht nur hauptberufliche Landwirtin in Coesfeld-Lette, sondern auch Trainerin der Handball-Torhüterinnen von Borussia Dortmund. Um 16 Uhr muss sie in Dortmund beim Training sein.
Den Hof mit rund 250 Bullen führt die ausgebildete Diplom-Agrar-Betriebswirtin gemeinsam mit ihrer Mutter. Er ist bereits seit dem 14. Jahrhundert im Besitz der Familie. Seit ihr Vater im vergangenen Jahr starb, muss Woltering noch mehr anpacken als zuvor. Für sie sei das selbstverständlich, denn sie ist hier aufgewachsen.
Zwischen Hofabenteuer und Handballkarriere
"Ich fand's geil, dass hier immer Action war", sagt Woltering rückblickend über ihre Kindheit. "Es war nie langweilig, denn der Hof war wie ein riesengroßer Spielplatz." Schon als Kind war sie den ganzen Tag auf dem Hof unterwegs, als Kleinkind noch in einer Schubkarre, später auf einem Kettcar oder Trampeltrecker. Ihre Freunde kamen nach der Schule auf den Hof, um auf dem Rasen Fußball oder Handball zu spielen.
Der Hof ihrer Eltern war für Clara Woltering ein Abenteuerspielplatz
Dass sie ihre Liebe zur Landwirtschaft zum Beruf machen will, war Woltering schnell klar. "In mir hat schon immer geschlummert: Landwirtin sein, das ist ein toller Beruf." Doch ebenso sehr liebe sie den Handball. Mit 17 spielte sie im Amateur-Verein von Coesfeld, als sie für die Bundesliga entdeckt wurde. Sie hatte damals Glück, denn ihr Ausbildungsbetrieb erlaubte es ihr, an Spieltagen früher Schluss zu machen, wenn sie zum Bundesligaspiel von Leverkusen musste.
In dieser Zeit hatte Woltering 80-Stunden-Wochen. "Am Wochenende ging bei mir gar nichts mehr", sagt sie. Einmal habe sie ihren Geburtstag mit Freunden gefeiert und sei dabei eingeschlafen. Woltering lacht und sagt: "Die haben dann einfach weitergefeiert."
Die Lehren aus dem Profisport
Aus dem Teamsport hat Woltering viel für die Leitung eines Landbetriebs mitgenommen. Zuallererst: Kommunikation. Und: "Es gibt immer Aufgaben, die gerne gemacht werden, und die, die nicht gerne gemacht werden. Das muss man gut verteilen." Die Mitarbeiter auf dem Hof müssen daher nicht jeden Tag den Stall ausmisten, sondern dürfen auch mal mit dem neuen Trecker fahren. Vor allem habe sie der Profisport aber gelehrt, dass ohne Einsatz nichts funktioniert - weder auf dem Hof noch in der Halle.
Mit Beginn ihrer Bundesligalaufbahn machte Woltering eine steile Karriere: Sie war gerade einmal 20, als sie in die Nationalmannschaft berufen wurde. 222 Spiele absolvierte sie als Nationaltorhüterin, wurde dreimal Deutschlands Handballerin des Jahres und gewann die Champions League, Meisterschaften und Pokale. Sieht sie heute Bilder von damals, bekommt sie "direkt wieder Lust, Handball zu spielen", sagt Woltering.
Alles für zwei Traumberufe
Als sie ihre Karriere in der Saison 2018/19 bei Dortmund beendete, war daher schnell klar, dass sie nicht vollkommen vom Handball zurücktreten möchte. Seitdem ist sie Torwarttrainerin für die Mannschaft. Für ihren Alltag heute heißt das: 11-Stunden-Tage sind keine Seltenheit, sondern die Regel.
Zweimal die Woche fährt sie ins 80 Kilometer entfernte Dortmund, um die Torhüterinnen zu trainieren. Allerdings nicht immer pünktlich. "Wenn ich loswill und ein Bulle steht auf einmal quer auf dem Hof, dann muss ich den erstmal einsammeln", sagt Woltering. Aber an diesem Tag läuft alles glatt, sodass Woltering nun pünktlich um 16 Uhr am Hallenrand steht und zunächst als Schiedsrichterin agiert.
Einst war sie selbst die Nummer 1 im Tor, nun trainiert Clara Woltering die Torhüterinnen vom BVB
Anschließend trainiert sie mit den beiden Torhüterinnen deren Abwehrtechniken. Um sie auf Gegner vorzubereiten, analysiert sie im Vorfeld der Spiele die gegnerischen Wurftechniken, schneidet daraus Videos zusammen und schickt sie an ihre Spielerinnen. Regelmäßig fährt sie auch mit zu Spielen, um ihre Spielerinnen zu unterstützen.
Beide Berufe miteinander zu verbinden bedeutet für Woltering: "Viel Arbeit, viel Planung und viel Wille." Doch letzten Endes habe sie für beides gleichermaßen viel Leidenschaft: für die Landwirtschaft und für den Handball.
Dieser Beitrag liefert Informationen zum YouTube-Video von WDR Lokalzeit LandSchafft "1 Tag unterwegs mit BVB-Handball-Damentrainerin" vom 05.04.2026, 10 Uhr.
